Einsortiert unter: China-Impressionen
Seit Freitag bin ich offiziell und pünktlich von meinen Pflichten als Praktikantin entbunden worden und kann mich nun mit guter Laune und Empfehlungsschreiben in der Tasche auf die freie Zeit freuen. (Was ich am vergangenen Wochenende im Wesentlichen damit „gefeiert“ habe, keinen einzigen Fuß vor die Tür zu setzen. Hey, jedem das Seine.)
Der im Allgemeinen schönste Punkt dieser neuen Freiheit ist allerdings nicht etwa das Wegfallen der Arbeit, denn die hat – sowohl rückblickend betrachtet als auch währenddessen – wirklich Spaß gemacht hat. Nein, der bisher wirklich beste Aspekt des Urlaubs ist, mich nicht mehr morgens und abends in völlig überfüllte Busse zwängen zu müssen! Ich will heute versuchen, den Wahnsinn kurz in Worte zu fassen.
Wie schon mal erwähnt, hat Qingdao noch keine Metro vorzuweisen und trotz örtlich anzutreffender Baustellen wird sich daran in den nächsten drei bis fünf Jahren nichts ändern. Die einzige Möglichkeit, für 1元 mehrere Kilometer weit transportiert zu werden, ist also das Einsteigen in einen Bus. Voraussetzung für dieses Vorhaben ist das Finden der richtigen Linie samt Haltestellen, was sich einfacher sagen und tippen lässt, als man es realisieren kann – denn sowohl Aktualität als auch Vollständigkeit von Fahrplänen sind… keine Selbstverständlichkeit. Auf dem Stadtplan ist mit ein wenig bis sehr viel Glück vielleicht jede zweite Haltestelle einer Linie eingezeichnet. Falls tatsächlich jede Haltestelle als Punkt dargestellt ist, darf man jubeln, wenn sie auch namentlich beschriftet ist, man also weiß, wann man aussteigen muss. Und ein wahrer Glückstreffer ist es, wenn an besagtem beschrifteten Punkt auch alle Buslinien vermerkt sind, die dort halten. Vielleicht ist das dann bei jedem zweiten Vollmond auch zufällig eine Linie, die man braucht.
Aber gut, man fährt ja nicht ständig wild in der Gegend herum, sondern kennt irgendwann die persönlich relevanten Buslinien und Namen der Haltestellen. Mit dem Vermerk, dass man sie… dann immer noch nicht wirklich kennt. Ich muss(te) morgens zu meiner Arbeitsstelle beispielsweise nur drei Stationen mit Linie 224 fahren. Worauf achtet man also für gewöhnlich, wenn man an der Bushaltestelle wartet? Auf die Busnummer? 224? Das ist leider nur die halbe Wahrheit. Besagte Linie fährt nämlich zwei verschiedene Routen, wobei ich selbstverständlich die längere von beiden benötig(t)e und noch 10 bis 15 Minuten Fußweg vor mir lagen, wenn ich in die falsche eingestiegen bin. Selbst ich habe dann irgendwann mitbekommen, dass man den Unterschied an einem kleinen bis mittelgroßen Schild in der Frontscheibe des Busses erkennen kann. Danke.
Gehen wir mal davon aus, man weiß das alles und kann zielsicher sagen, wo man ein- und aussteigen muss. Das ist noch keine Garantie, auch in den Bus hineinzukommen – jedenfalls nicht zur Hauptverkehrszeit. Der Begriff „Stoßzeit“ gewinnt eine völlig neue Bedeutung, wenn man versucht, sich um 8 Uhr morgens oder 17:30 Uhr abends in einen Bus zu begeben. Ich seh gerne ein, dass sowas auch in deutschen Städten zum Alltag gehört, aber glücklich gelegen ist meine Haltestellen deswegen trotzdem nicht: Die vorletzte Haltestelle vorm Stadtzentrum, d.h. bevor der Wagen langsam anfängt, sich zu entleeren. Es passt schon keiner mehr rein, wenn der Bus hält. Vielleicht steigen zwei bis drei Seelen aus. Aber mindestens zehn wollen noch rein. Und irgendwie wird das dann auch in die Tat umgesetzt.

Dabei beobachte ich immer wieder, dass keiner auch nur ein Stück an andere denkt, sondern nur um sich selbst besorgt ist: In der Busmitte gibt es Quadratkilometer an Platz. Die Leute könnten dort stundenlang Mikado spielen, ohne gestört zu werden. (Wenn man mal von den kranken Busfahrern absieht, die auf gefühlte 80 km/h beschleunigen, wenn sie mehr als 20 Meter freie Strecke vor sich haben und dann 1 Meter vorm nächsten Hindernis auf die Bremse treten. Und das alles ohne Stoßdämpfer.) Aber anstatt in der Busmitte auch noch zusammenzurücken und jeden wertvollen Quadratzentimeter zu nutzen, bleiben sie stehen, blockieren alles und im Türbereich kämpfen Türeinsteiger dann um jedes bisschen Sauerstoff, weil ein zu tiefer Atemzug dem Nebenstehenden höchstwahrscheinlich den Arm brechen würde.
Wer denkt, das sei asozial, ist bisher aber nur morgens mit dem Bus gefahren. In den Morgenstunden scheint wenigstens der grundsätzlich Konsens zu herrschen, dass alle im selben Boot/Bus sitzen/stehen und pünktlich zur Arbeit müssen. Da wird reingequetscht, was an der Haltestelle steht und wenn schon drei Hintern aus der Tür herausquellen, murrt trotzdem keiner, wenn man sich trotzdem noch dazustellt. Morgens ist die einzige Anforderung, die man an seine Mitfahrer stellt: „Bitte wasche dich und benutze Deo.“ Abends: „Halt dich von mir fern oder lauf nach Hause!“ Zu dieser Zeit hat man Glück, überhaupt wieder aus dem Bus rauszukommen, weil keiner es für nötig hält, selbst kurz auszusteigen, um Platz zu machen – was morgens für keinen ein Problem darstellt.
Einige Exemplare haben aber (morgens wie abends) auch dieses Prinzip nicht ganz durchschaut. Sie steigen zwar notgedrungen mit aus, um andere Passagiere nach draußen zu lassen, bleiben dann aber mitten vor der Tür stehen. Anstatt zur Seite zu treten und dann wieder einzusteigen, lassen sie den Aussteigenden zehn Zentimeter rechts und links Platz, um irgendwie wieder in die Außenwelt zu gelangen, und kommen sich dabei wahrscheinlich noch großzügig vor.
Das einzig Unangenehmere sind dann chinesische Hausfrauen in ihren Vierzigern, die gegen 16 Uhr mit Einkaufstüten in die Busse stürmen und dabei alles aus dem Weg räumen, was sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringt. Nach dem Motto: „Wenn ich mich während der Fahrt mit ausgestreckten Armen um 360° drehen will, dann mache ich das auch, egal wem ich währenddessen mit meinem Gepäck die Rippen breche.“
Wenigstens habe ich manchmal auch den Eindruck, dass Chinesen das ganze System der Buskultur auch nicht so ganz verstehen. Einige Busfahrer lassen bis zu einer bestimmten Haltestelle nur vorn Leute einsteigen und erst ab zu großer Fahrgastzahl wird dann auch die hintere Tür zum Einsteigen freigegeben. An der Bushaltestelle stehende Chinesen kriegen das aber nicht wirklich mit. Auch nicht, wenn sie minutenlang an die hintere Tür klopfen, diese natürlich nicht geöffnet wird, vorn währenddessen weitere Leute einsteigen und der Bus dann irgendwann wieder losfährt. Hm.
Es ist jetzt kurz nach Mittag an einem Montag und ich halte es für ungefährlich, mich in einen Bus zu stellen und Einkäufe zu erledigen. Wünscht mir Glück!
3 Kommentare bis jetzt
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Oh gott, da bekomme ich ja schon vom lesen Platzangst. Das Problem ist ja schon länger da. Ein Fotograf, deren Name mir jetzt nicht einfällt, hat eine schöne Fotoserie darübr gemacht. Er hat die Chinesen in der U-Bahn fotografiert. Da sieht man völlig beschlagene Fenster und lauter gequetschte Gesichter an den Fenstern dran. Das sieht echt gruselig aus.
Kommentar von Lana 27. Oktober 2011 @ 12:32Und? Lebst du noch? Hast du dich geraecht und diesmal anderen Leuten DEINE Einkaufstaschen um die Ohren geschlenkert? ^^ Das haett ich ja gerne gesehen XD
Ich hab endlich mal alle deine Eintraege nachgelesen, die ich in den letzten Monaten verpasst hatte (hab mich nich getraut, so spaet noch Kommentare dazuzuschreiben U_U) Bin also offiziell wieder auf dem neuesten Stand! Wenn du so schreibst, dass du mal ein Wochenende nicht vor die Tuer gegangen bist, hoert sich fast so an, als ob du da ein schlechtes Gewissen haettest. Trau dir das bloss nich! Du bist schon soooo viel verreist (ich weiss es, ich habs ja jetzt alles gelesen! ;-P), da muss ich mich eher wie ein Stubenhocker fuehlen haha aber wie gesagt: Jedem das Seine!
Also das mit den ueberfuellten Bussen kann ich hier nicht so feststellen, aber die Leute hier sind auch eigentlich recht ruecksichtsvoll und seeeeehr freundlich (manchmal etwas zu neugierig, aber hey! Man kann nich alles haben, ne? ^^) Ich fahr auch nur recht selten Bus, aber dafuer zu den Stosszeiten U-Bahn, es wird immer fein nachgerueckt und Kinder und alte Menschen sitzen gelassen. Eng isses trotzdem, aber das is wahrscheinlich in allen grossen Staedten so.
Ich bin voll neidisch, du hast dein Praktikum schon hinter dir! Ich hab noch 3 Wochen und zaehle jeden Tag…. Hast du deinen Praktikumsbericht schon angefangen? Das wird auch nochmal ein Spass…. Man liest sich!
Kommentar von Petra 9. Juli 2010 @ 06:55Hehe. ^^ Nein, ich muss die Laowai doch würdig vertreten, da kann ich doch keine unschuldigen Chinesen verletzen. Denen verpasse ich lieber einen Kulturschock mit meinen schulterlosen Tops.
Praktikumsbericht? Kann man das essen? Wenn nicht, dann mag ich es nicht und meide es wie die Pest. Oh, obwohl, ich hab das Deckblatt fertig. Toll, was? Zu mehr konnte ich mich noch nicht durchringen. Dafür hatte ich aber während des Praktikums Zeit, einen großen Teil der “empirischen Studie” abzutippen. Also besser als gar nix, denke ich…
Keine Angst, du schaffst die restlichen Tage auch noch! Jiayou! Und vielen Dank fürs Nachlesen, ich fühl mich geehrt. ^^ Werde das auch noch bei deinem Blog machen, da bin ich noch nicht GANZ wieder auf dem aktuellen Stand.
Kommentar von Yvonne 9. Juli 2010 @ 09:55