Eine Woche, die ich zu 60% mit Schlafen verbracht habe, nach meiner Rückreise aus Südchina bin ich der Meinung, das Trauma langsam aufarbeiten zu können. Was natürlich leicht übertrieben ist, aber trotzdem eine nicht ganz ungenaue Umschreibung meines Rückblicks auf die vergangene Woche. Wenn ich gewollt hätte, hätte ich aus jedem der Unterkapitel einen einzelnen Blogeintrag machen können.
Sonntag, 20:15 Uhr – Flughafengedanken
Mit dem Taxi zum Flughafen, eine Stunde vor Eincheckbeginn angekommen – ja, so liebe ich mir meine Paranoia, so soll es sein. Überteuerte Sandwiches in einem Flughafencafé gegessen, pünktlich eingecheckt, an Bord gegangen, fertig. Interessant: Gerade nachdem ich einen Blogeintrag zur Buskultur chinesischer Mitmenschen hinterlassen habe, sehe ich das gleiche Verhalten in den Airport-Shuttles, welche die Passagiere vom Gate zum Flugzeug fahren. – Die Leute steigen ein, gehen einen Schritt und bleiben direkt im Türbereich stehen, um sich dort gegenseitig wahlweise das Handgepäck oder die Ellenbogen gegenseitig in die Mägen zu rammen. Idioten. Jeder in diesem Bus will zum selben Flugzeug, keiner muss unbedingt früher aussteigen als der andere. Ich versteh’s nicht. Egal, ich hab es mir am Fenster bequem gemacht, den freien Raum um mich herum genossen und die vielen blinkenden Lichtchen beobachtet, die der abendliche Liuting International Airport Qingdaos mir bot, während die letzten Passagiere verzweifelt versuchten, das Gefährt zu betreten.
Sonntag, 23:00 Uhr – Verloren in Shanghai (für zehn Minuten)
Nach sicherer Landung am Pudong International Airport in Shanghai war auch die unverschämt teuere Taxifahrt kein Grund zur Aufregung. Als ich allerdings an der Kreuzung stand, zu der ich von meiner Gastgeberin in Shanghai geschickt wurde, um auf ihre Abholung zu warten, durfte ich feststellen: Kein Netz auf dem Handy. Wunderbar. Meine Handykarte aus Qingdao weigert sich also, in Shanghai Menschen zu kontaktieren. Welche Reaktion das um diese Uhrzeit in Deutschland hervorgerufen hätte, ist klar: Panik. Oder die Suche nach einer Tankstelle, je nachdem. Zum Glück ist das ja China und man findet rund um die Uhr an diversen Straßenecken Restaurants, die noch Dinge braten/kochen/zubereiten. Mit Dackelblick und gebrochenem Chinesisch konnte ich mir also ein Telephongespräch erschnorren und lag irgendwann endlich schlafend auf dem Sofa meiner Kommilitonin.
Montag, 19:30 Uhr – Ähnlichkeiten

Da ich bei meinem letzten Shanghai-Besuch Ende Dezember Qingdao noch nicht kannte, war mir gar nicht bewusst, wie sehr sich das Sightseeing in diesen beiden so unterschiedlichen Städten ähneln kann. (Zum Vergleich: Im Zentrum Qingdaos leben nur 2 Millionen Menschen, in Shanghai wohl etwa 8 Millionen.) Und trotzdem: Da Shanghai eine sehr junge Stadt ist, gibt es anstelle historischer Sehenswürdigkeiten nur Einkaufszentren, Hochhäuser und Einkaufszentren in Hochhäusern.
So beschränkte sich das Sightseeing am Montag wie auch in Qingdao darauf, durch die Straßen zu schlendern und Fotos von zufällig vorbeikommenden Gebäuden zu machen. Wenigstens waren dies nicht irgendwelche willkürlichen Bauten, sondern ich wurde durch die „French Concession“ geführt, das „Französische Viertel“, was aber weniger mit Frankreich als vielmehr mit ganz Europa zu tun hat. Es handelt sich um eine großflächige Ansammlung von Wohnhäusern, Parks, Gärten, Cafés und Geschäften, die in allem gebaut sind außer im chinesischen Stil. Diese von grünen Bäumen überdachten Straßen nennen hauptsächlich Ausländer ihr Zuhause, was man leider auch an den Preisen merkt. Mit der Ausrede Begründung, dass wir ja praktisch Urlaub haben, haben wir uns dort nichtsdestotrotz ein kleines Abendessen im auf dem Foto abgebildeten Café gegönnt.

Dienstag, 15:00 Uhr – Sonnige Gedanken
Selbige mussten wir uns machen, da das Sightseeing ins Wasser fiel. Leider war mir nicht bewusst, dass in Shanghai gerade Regenzeit herrscht, bin ohne Regenschirm angereist und wurde auf dem Weg zu einer anderen Kommilitonin bis auf die Knochen durchgeweicht. Trotzdem: Wenn ich die Wahl habe zwischen wolkenverhangendem Himmel mit passablen Temperaturen und strahlendem Blau, das einem besagte Knochen eher zum Schmelzen bringt, wähle ich ersteres.
Das Frustrierende: Wie im oberen Abschnitt beschrieben, hält sich die Masse von Shanghais Sehenswürdigkeiten in stark überschaubaren Grenzen. Nun war ich schon zweimal in dieser Mega-Metropole und hab es trotzdem nicht geschafft, alle nennenswerten Ausflugsziele zu besuchen. Versagerin…
Nichtsdestotrotz konnten wir an diesem Morgen noch die Flugtickets nach Shenzhen buchen und feststellen, dass uns die Reise wirklich arm machen wird. Na ja, damit wären wir auch nach dem recht kostengünstigen Leben in China vermögenstechnisch wieder auf Studentenniveau… Also egal, auf in den Süden.
Mittwoch, 17:00 Uhr – „Lasst mich rein! … Nein, lasst mich erst mal raus!“
17:00 Uhr und endlich sicher im Hongkonger Hostel angekommen. Damit ist das Happy End dieses Tages zwar schon vorweggenommen, aber in den vorangegangenen Stunden habe ich es mehrfach in Frage gestellt…
Um unseren Flug um 8:30 Uhr zu erreichen, schmiss uns der Wecker 5:30 Uhr aus dem Bett und zu diesem Zeitpunkt konnte mich der Stau vor der Flughafenausfahrt noch nicht wirklich schocken. Auch das Grübeln über unser Gepäck während der geplanten Zwischenlandung erwies sich als unnötig, da wir das Flugzeug nicht wechseln mussten und dies dementsprechend auch für unsere Taschen galt.
In Shenzhen wurde es dann offensichtlich, wie üblich die Weiterreise nach Hongkong von dort aus ist. Noch im Flughafengebäude selbst gibt es Schalter von Busgesellschaften, die zum Preis von nur 90元 pro Person die Fahrt bis zur Grenze und die Weiterfahrt auf der anderen Seite bis ins Stadtzentrum Hongkongs anbieten. Also: Bezahlen, einsteigen, auf zum Grenzübergang. Genau beim Aussteigen wurden wir von einem der südlichen Regenschauer überrascht: Im ersten Moment erdrückende Hitze, dann zwei Regentropfen, gefolgt von einem erschlagenden Wolkenbruch, der innerhalb von 30 Sekunden jede Körperzelle durchweicht. Zwei Minuten später ist alles vorbei. Nun ratet, in welchen zwei Minuten wir aus dem Bus geworfen wurden…
Tropfend nass sollte es unter Vorzeigen des Reisepasses eigentlich kein Problem sein, den ersten Grenzschalter zu passieren: Die Ausreise aus China. Ja – sollte. Während sich die Menschenschlange hinter mir verlängerte, rief die nicht-englischsprechende Fachkraft hinter der Glasscheibe mehrfach Kollegen zu sich, verwies auf Pass und Computermonitor und war ebenso ratlos wie ich.
Kurz darauf hieß es von einem blau gekleideten Sicherheitsbeamten: „Please follow me.“ und „Please wait a moment.“, die einzigen Sätze in seinem Repertoire, während ich auf einer abseits gelegenen Bank platziert wurde und meinen Reisepass hinter undurchsichtigen Glastüren gemeinsam mit noch mehr Grenzpersonal verschwinden sah. Auf die Frage, was denn das Problem sei, bekam ich auch nicht mehr als ein „Please wait a moment“…
Ich muss es noch mal verdeutlichen: Überall in diesem Gebäude leuchteten Schrifttafeln mit Pfeilen und dem Schriftzug „To Hong Kong“ – und mich trennen eine Tür und zwei Schritte davon, China zu verlassen?! Die Redewendung „So nah und doch so fern“ war noch nie so passend wie in dieser Situation. Kann mit diesem Visadreck nicht einfach mal alles glatt laufen? Nicht einmal, wenn ich einfach nur aus dem Land raus will?

Was nun tatsächlich das Problem war, weiß ich bis heute nicht. Nach einigen Minuten, in denen ich Blut und Wasser schwitzte und innerlich auf Abführung wartete, bekam ich meinen Pass zurück und durfte mich in Richtung Hongkong begeben. Endlich. Erst wird es einem mit den Visumsformalitäten unnötig schwer gemacht, überhaupt in diesem Land zu bleiben, und dann wird man nicht rausgelassen? Dreck.
Beim Warten in der Einreise-Schlange nach Hongkong konnte ich mich langsam wieder beruhigen. Wenigstens war es in dieser Stadt möglich, nur mit Reisepass und ausgefülltem Formzettel einzureisen.
Im Reisebus auf der anderen Grenzseite stieg die Panik wieder mit einem Blick auf die Uhr, die schnell klarmachte, dass wir das Hostel niemals zur bei der Buchung angegebenen Zeit erreichen würden. Zur Erklärung: Nicht wenige Hostels überbuchen die Räume sofort, wenn die Gäste nicht pünktlich erscheinen.
Nun habe ich zu Beginn dieses Abschnitts ja schon vorweggenommen, dass wenigstens in Hongkong alles funktioniert hat. Mit der ausgedruckten Karte ließ sich der Gebäudekomplex schnell finden und unser Zimmer war auch noch da.
Fortsetzung im nächsten Eintrag…
1 Kommentar bis jetzt
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Ich kann mich da nur anschliessen: Dreck.
Kommentar von Petra 30. Juli 2010 @ 08:11Das ist in etwa genauso wenig diskriminierend, wie wenn man in Taipei ploetzlich statt dem Studententarif den vollen Preis zahlen muss, obwohl man dem Restaurantbesitzer sage und schreibe 4 Studentenausweise unter die Nase gehalten hat. “Du bist Auslaender, bei dir ist das eben anders.”
Dreck.