Zu Besuch im Land der Tausend Farben


Souvenir
26. November 2009, 12:07
Filed under: Home Sweet Home

Das vorhersehbare, aber unerwünschte Souvenir aus Beijing lässt seine kalten Griffel langsam wieder von mir los: Eine zweiwöchige Kombination aus allen denkbaren Grippe-Erkältungs-Symptomen. (Wäre ja zu schön gewesen…)

Rückkehr am Montagabend, und in der Zeitspanne von Dienstagnachmittag bis Donnerstagabend hab ich mir größtenteils gewünscht, einfach einzuschlafen, um den Kopfschmerzen zu entkommen, wenn ich nicht gerade mal wieder zur Toilette rennen musste.

Inzwischen war sowieso unsere gesamte WG eine einzige Quarantänezone, da O. ohnehin schon krank war, Ka. und Ki. den Husten-Teil des Beijing-Souvenirs ausgepackt hatten und C. netterweise auch was davon abbekommen durfte.

Anstatt mich am Freitag in Ruhe zu lassen, hat mir der Mann mit der Kutte und der Sense dann noch Ki.s Husten rübergeschickt, den ich seitdem so langsam abbaue. Ob der Hustensaft aus der Apotheke darauf irgendeinen Einfluss hatte, entzieht sich meinem Urteilsvermögen, da ich eher den Eindruck hatte, nach jeder Einnahme müsste ich stundenlang schlimmer husten als zuvor, aber es ist eben Medizin…

Schluss mit den widerlichen Details meiner körperlichen Gebrechen: Fakt ist, dass die letzte Woche nur noch schlimmer gemacht wurde, indem meine Klimaanlage nicht funktionierte.

Alles südlich des Yangtze hat in China ja leider keine Heizungen mehr, sondern nur Klimaanlagen, dankbarerweise mit Heizfunktion. Zu meinem Leidwesen hat sich der weiße Kasten in meinem Zimmer dazu entschlossen, aller fünf Minuten ein ohrenbetäubendes Quietschgeräusch von sich zu geben und zehn Minuten lang nicht wieder damit aufzuhören…

Reaktion im Normalzustand: „Mensch, das nervt, hat jemand Ohrstöpsel…?“

Reaktion mit starken Kopfschmerzen: „Bitte ramm mir einen Kugelschreiber ins Gehirn und erlöse mich!“

Die Wahl zwischen Kopfschmerzen und Eiseskälte im Zimmer gewann also der Winter, bis ich wieder fit genug war, den Vermieter anzurufen, der sich für Samstagmorgen ankündigte, um sich das selbst mal anzusehen. Sonntagmorgen stand dann auch schon ein Handwerker in der Tür, der das Geräusch in zwei Versuchen erst mal verschlimmerte, verdoppelte und schließlich ein weiteres Geräusch hinzufügte, aber letztendlich war es weg. Ich hoffe, es bleibt so, denn diesen Mann will ich nicht wiedersehen. Abgesehen davon, dass während seiner Arbeit sein Handy fünfzehnmal in ohrenbetäubender Lautstärke zu klingeln begann, sprach er auch so einen schrecklichen chinesischen Akzent, dass ich kaum ein Wort verstanden habe und dafür von ihm ausgelacht wurde. -.- Wenn das Quietschen wiederkommt, hoffe ich, die nächste Klimaanlage fällt dir auf den Kopf.

Mehr ist in der Fülle meines Lebens seither nicht passiert und wenn ich mir überlege, dass ich in zwei Wochen schon Prüfungen schreibe und danach fertig bin mit dem Semester, frag ich mich wirklich, was danach passieren soll. Ich muss noch zwei Seminararbeiten schreiben, hab noch keinen Praktikumsplatz und dementsprechend auch keine Vorstellung, wo ich nächstes Jahr sein werde. Und wie immer bin ich zu pessimistisch.



Von der alten in die neue Hauptstadt
16. November 2009, 18:21
Filed under: Sightseeing und Reisen

Montagabend und wieder zurück in Nanjing. Geplagt von schlechtem Gewissen, möchte ich diesen Blogeintrag schnell abtippen, bevor die Verspätung die Ausmaße des Huangshan-Eintrags annimmt.

Tja, wo ich war? In Beijing (北京) bzw. zu Deutsch Peking! An diesem Wochenende fand dort das Stipendiatentreffen des DAAD statt. (Des Deutschen Akademischen Austauschdiensts, dem ich die im allerersten Blogeintrag beschriebenen Papiere schicken musste. Etwa 120 deutsche Studenten aus ganz China treffen sich und für uns aus Zwickau ist das praktisch ein Klassentreffen nach zwei Monaten. ^^ Ich hab mich gemeinsam mit Ki. und Ka. auf die Reise aus der alten in die neue Hauptstadt begeben.

Donnerstagabend – Auf in die Hauptstadt!

600元 wurden den Studenten aus Nanjing vom DAAD für die Anreise nach Beijing erstattet, außerdem hatten wir einen günstigen Flug für weniger als 400元gefunden und haben die nächtliche Zugfahrt somit durch einen zweistündigen Flug ersetzt.

Nach den letzten Vorbereitungen (z.B. das Schreiben des letzten Blogeintrags…) sollte es eigentlich zum Flughafen gehen. Der Plan: Metro (vier Stationen), zum Shuttlebus (Busse zum Flughafen fahren aller 30 Minuten bis 20:30 Uhr.) und zum Flughafen (Abflug 22 Uhr.) Die Umsetzung: „Wir fahren um 7 Uhr los.“ – Ki. und Ka. um 10 nach 7: „Wir müssen auch noch was essen.“ – „Es reicht auch, wenn wir halb 8 losfahren.“ – „10 nach halb 8 reicht auch.“ . . .

Im Endeffekt haben wir den Bus um 8 natürlich verpasst und mussten den um 20:30 Uhr nehmen, was zu leichter Panik führte angesichts der Tatsache, dass wir noch dachten, bis 21 Uhr einchecken zu müssen. Aber okay, wir kamen gut an, eingecheckt, zwei Stunden Flug, fertig.

Nun, was macht man um kurz nach Mitternacht im November nach einem zweistündigen Flug im eiskalten Beijing? Natürlich, man fährt zum TianAnMen (天安门)! Siehe Beweisfoto links. Als Ka. den Vorschlag machte, war ich ziemlich entsetzt, aber letztendlich war es wirklich witzig, nachts fast allein an diesem berühmten Tor zu sein und Fotos zu machen.

Dann führte uns der Weg nur noch zum „Forbidden City Hotel“, das nur 10 Minuten Fußweg zum TianAnMen entfernt liegt und uns in einem 6er-Zimmer im Jugendherrbergs-Stil nur 30元 pro Person pro Nacht gekostet hat. Der Raum war so sauber, dass man auf dem Boden hätte schlafen können, die Leute waren freundlich und wir waren uns einig: Wenn wir mal wieder in Beijing sein sollten, dann ist dieses Hotel in der engeren Wahl! (Als wir das sagten, haben wir allerdings nicht gedacht, dass das so schnell der Fall sein würde, ähm… Aber dazu später mehr.)

Freitag – Klassentreffen nach zwei Monaten

Aufstehen, auschecken, auf zum TianAnMen! (Diesmal sogar mit Tageslicht und mit Menschen.) Auf dem kurzen Weg dorthin sind wir durch einen Park gegangen, der direkt hinter der roten Mauer verlief und durch den Schnee einfach wie gemalt aussah. Grundsätzlich muss ich ohnehin sagen, dass sich Beijing uns von einer sehr guten Seite gezeigt hat. Ich weiß nicht und werde nie herausfinden können, wie viel davon die Nachwirkungen von Olympia sind, aber Beijing hat mich beeindruckt. Smogfreie Luft, blauer Himmel, die Autos auf den Straßen hupen weniger, die Straßen und Fußwege sind breit, die Fußwege sind höchst sauber gepflastert, selbst die Gebäude entlang der Autobahn sind allesamt modern und man wird noch weniger als Laowai angestarrt als in Nanjing!

Nach telefonischer Absprache haben wir uns schließlich mit unseren Zwickauer ShanghaiRen auf dem TianAnMen getroffen. (Hier mit Pseudonymen anzufangen, wäre zu kompliziert, also einfach mal nen schönen Gruß an M., B., Ju., L. und A. ^^) Nach Gruppenfoto, kurzem Erfahrungsaustausch und typisch chinesischem Essen (McDonald’s) trennten sich unsere Wege vorerst wieder und ich bin mit zum Hotel gefahren.

Mit dem Yong An Bingguan hat uns der DAAD in einem wirklich erstklassigen Hotel untergebracht. Einziger Nachteil war, dass die Zimmerzuteilung festgelegt war und wild Schlüssel hin- und hergetauscht wurden, um doch noch mit einem/einer Bekannten das Zimmer teilen zu können. Seltsamerweise blieb ausgerechnet das zweite Bett in meinem Doppelzimmer leer und ich bin problemlos zu meiner Wunsch-Nachbarin gekommen.

Es war fast 15 Uhr, am Abend stand ein Empfang in der deutschen Botschaft auf dem Plan. Ursprünglich hatten wir vor, den Sommerpalast zu besichtigen, doch ein Blick auf den Metroplan (18 Stationen inklusive Umsteigen) hat uns sofort vom Gegenteil überzeugt. Ich für meinen Teil hab mich im Zimmer eingerichtet, geduscht und mich ausgeruht.

18 Uhr sind J. (meine Zimmernachbarin und einzige Zwickauerin, die vom DAAD ins Städtchen Wuxi verfrachtet wurde), ich und andere unserer Zwickauer mit zwei unserer BeijingRen (Gruß an M. und S. ^^) gemeinsam zur Deutschen Botschaft gelaufen. Der laut Plan angekündigte Empfang bestand aus einigen angenehm kurzen Reden von DAAD- und CSC-Mitarbeitern, wobei wir feststellen durften, dass es sich bei allen nur um Stellvertreter handelte, weil die tatsächlichen Leiter Besseres zu tun hatten. Danke.

Die Stellvertreterin begrüßte „ihre Stipendiaten […] ach ja, und natürlich auch die Selbstzahler [uns]“. Ja, danke noch mal, dass wir so „wichtig“ sind. Aus irgendeinem Grund wird bei gehobenen Veranstaltungen dieser Art auch immer mindestens ein Klavierstück dargeboten. Wahrscheinlich, um das Niveau zu heben von „Hallo, schön dass ihr da seid, dort steht das Essen.“ zu „Wir sind kulturell so gebildet, dass wir uns zwei Klavierstücke anhören, bevor wir essen.“. Nun ja, die Pianistin war die Leiterin des deutschen Chors in Beijing und es klang gut, aber klischeebelastet bleibt es eben doch.

Dafür haben wir den Abend dann in ner kleinen Runde auf dem Hotelzimmer ausklingen lassen, noch mal nen schönen Gruß an die Beteiligten. ^^

Samstag – Na wenigstens drinnen wird geheizt.

Eigentlich kann ein Tag, der mit Brötchen und Kaffee losgeht, doch nur gut weitergehen, oder? Um 9 Uhr begannen schließlich die Vorträge zu China und dem chinesischen Arbeitsmarkt, die im Rahmen des DAAD-Treffens gehalten wurden. Höhepunkt des Vormittags bildete der Vortrag von Frank Sieren, Autor und Chinakorrespondent der Zeit. Nicht nur, dass er ganz eindeutig wusste, wovon er redet, wenn er über Chinas Position in der Welt sprach. Nein, er hatte einen erstklassigen Vortragsstil und brachte es in 60 Minuten auf so viele „Äh“s und „Ähm“s, wie zuvor eine DAAD-Mitarbeiterin in fünf Minuten. (Ja, ich habe Strichliste geführt. *hust*)

Nach dem reichlichen Mittagessen im Hotel konnten wir zwischen drei verschiedenen Stadtrundfahrten mit deutschsprachiger Führung wählen. Der richtige Bus war schnell gefunden und schon befanden wir uns auf dem Weg zum Trommelturm. Der kurze aber steile Treppenaufstieg wurde mit einem weiten Blick über die Beijinger Skyline belohnt, die dank strahlend blauem Himmel nicht einmal von Smog beeinträchtigt wurde.

Nächster Abschnitt des Ausflugs waren die Hutongs (胡同), wörtlich übersetzt „Gassen“. Die Wohnungen in den engen Bejinger Hutongs waren zu Kaiserzeiten sehr niedrige, aber nach hinten sehr weitläufige Wohnanlagen der Reichen und Schönen. Heute wurden sie entweder zu Souvenirstraßen umfunktioniert oder bieten engen Wohnraum für viele chinesische Familien bzw. (im Sommer) für ausländische Studenten. Unsere Reiseführerin, eine ehemalige deutsche Architekturstudentin, die seit sechs Jahren in Beijing wohnt, führte uns zielsicher durch die kleinen Straßen und gab viele Hintergrundinformationen zu Geschichte und Aufbau der Gebäude.

Letzter Anlaufpunkt für alle Reisegruppen war das Olympiastadion. Mittlerweile war es fast 18 Uhr, dunkel und „klirrend kalt“ wäre eine maßlose Untertreibung. Für mehr als ein schnelles Bild vom Vogelnest hat es nicht gereicht. Schnell zurück zum Bus und einfach nur hoffen, in absehbarer Zukunft seine Finger wieder zu spüren. Dazu sollte ich sagen, dass ich ohnehin schon mit vier Schichten Stoff bekleidet war und mir das wahrscheinlich das Leben gerettet hat. Oder wenigstens einige wichtige Organe.

Dem (wiederholt reichlichen) Abendessen folgte die Fortsetzung des „Klassentreffens“. Der Großteil der anwesenden Zwickauer Studenten hat sich eine westliche Bar gesucht, um den Abend würdig zu beenden, und dem hab ich mich logischerweise angeschlossen.

Sonntag – „Ach, wir haben noch so viel Zeit…“

Dieser Tag sollte im Zeichen der Sehenswürdigkeiten stehen, weshalb ich mit Ki. und Ka. beim Frühstück diskutierte, wann wir aufbrechen sollten. Je früher desto besser, doch Ki. war der Meinung, 11:30 Uhr sei vollkommen ausreichend. Damit nahm das Elend praktisch schon seinen Anfang… Aber der Reihe nach. Ich werde einfach jede Stelle, an der ich gern fluchen würde, mit Sternchen [***] verzieren…

Wir einigten uns auf 11 Uhr und damit ging es nach dem Auschecken aus dem Hotel ab zur Metro. Quizfrage: Was ist der Unterschied zwischen uns und chinesischen Kaisern? Antwort: Wir besuchen den Sommerpalast (Yiheyuan 颐和园) im Winter! Zu erzählen gibt es dazu nicht viel, man muss die Anlage einfach gesehen haben. Sehr hübsche Architektur, verwinkelt aber nicht verwirrend, und die Vorstellung, dass dort früher (und im Sommer) hohe Persönlichkeiten hin- und hergewandelt sind, gefällt mir.

Nächer geplanter Stopp: Himmelstempel. Schon mal vorweg: Wundert euch nicht, warum es hiervon kein Foto gibt. Wie geplant stiegen wir in einen Linienbus, der uns quer durch die Stadt zum Himmelstempel bringen sollte. Die Umsetzung des Plans: Fast drei Stunden Stau. [***] Zum Glück hatten wir Sitzplätze, doch der Bus war eiskalt [***] und ich lüge nicht, wenn ich sage, dass ich nach diesen drei Stunden meine Füße nicht mehr spüren konnte.

Zum Laufen hat es allerdings noch gereicht, somit sind wir drei schnell zum Eingang des Himmelstempels und durch den (bemerkenswert unspektakulären) Park gelaufen, um vor dem Tor festzustellen, dass der Ticketverkauf vor einer halben Stunde beendet wurde. [*****] Schön. Es war mittlerweile 17 Uhr und wir haben uns ohne rationalen Grund stundenlang fast alle Gliedmaßen totgefroren. Ab diesem Punkt hatte ich das unerklärliche Gefühl, einfach nur nach Hause nach Nanjing zu wollen… [***]

Wenigstens ein Taxi war schnell gefunden, das uns zu einer Einkaufsstraße im Zentrum brachte. In einem der Kaufhäuser konnten wir uns dankbarerweise aufwärmen und auf Nahrungssuche gehen.

Nächster Abschnitt: Zeitplanung bis zur Abfahrt des Zuges. [***] Die Uhr schlug gerade 18:30 Uhr, 21:40 Uhr sollte der Zug abfahren, drei Metrostationen trennten uns vom Bahnhof. Ki. brachte die wunderbar realistische Einschätzung, es würde völlig reichen, 21 Uhr loszufahren. [***] Bitte WAS?! 21 Uhr wäre ich gern am Bahnhof gewesen! Wenn nicht noch früher! Schön, wir konnten ihn auf 20:50 Uhr runterhandeln. Okay, fassen wir uns kurz, wir wanderten durch die Einkaufsstraße und eine Fressmeile, die neben Tintenfisch und Maden am Spieß auch Lammhoden anbot, und befanden uns um 20:45 Uhr auf dem Rückweg zur Metrostation.

Kurz vor Ende der Einkaufsstraße befand sich in einer kleinen Seitengasse noch eine Souvenirmeile. . . . in die Ki. und Ka. natürlich reingehen mussten [***], um letztendlich nichts zu kaufen außer einen Fleischspieß. Zitat Ka.: „Ich kann ja nirgends stehen bleiben, weil die Leute einen gleich irgendwohin zerren. … Wartet, ich geh die Souvenirstraße noch bis zum Ende.“ [***] Zu jeder anderen Tageszeit gern, aber jetzt?! [*****]

Endlich auf zur Metro. Da Ki. uns den falschen Weg weist [***], müssen wir statt einem Mal zweimal umsteigen [***] und müssen auf eine weitere Bahn warten, da die erste zu voll war [***]. 21:35 Uhr kommen wir am Bahnhof an, rennen was die Beine hergeben, finden mit Mühe das richtige Gate, sehen den noch dastehenden Zug und stellen fest, dass das Gate geschlossen ist. [***************] Zug verpasst. Um 21:41 Uhr. [**************]

Montag – Ich bin das gedankliche Fluchen Leid und fasse mich kurz.

Ki. hat uns eine weitere Nacht im Forbidden City Hotel bezahlt und dank telefonischer psychischer Unterstützung von J. kam ich schnell von „Ich bin absolut fertig mit den Nerven“ zu „Na dann fahren wir eben morgen.“ Die Karten konnten wir noch am Bahnhof vor Ort umtauschen, ohne Aufpreis und ebenfalls für einen Schnellzug.

Um 10 Uhr kamen wir beim Südbahnhof an, der Zug fuhr 11:05 Uhr ab. So.hat.das.zu.sein! Und zwar grundsätzlich!

Während der achtstündigen Zugfahrt hab ich überlegt, wie ich die letzten Abschnitte dieses Blogeintrags formulieren kann, ohne sie wegen Gewaltverherrlichung zensieren zu müssen; das Ergebnis könnt ihr in Form der Sternchen bewundern. [***]

Fazit

Wenn ich wüsste, dass alles genau so ablaufen würde, würde ich es noch einmal tun und die Reise nach Beijing antreten? – Ja! Auch samt Zugverpassen und Frieren im Bus. Unsere BeijingRen und ShanghaiRen (und eine WuxiRen ^^) wiederzutreffen war besser als ich mir jedes Klassentreffen vorstelle. Mit so vielen netten Gesichtern tausche ich gern Chinaerfahrungen aus, was ich wirklich nicht erwartet hätte. Toll zu wissen, dass viele Eindrücke auch von anderen bestätigt werden und nicht nur im Nanjinger Mikrokosmos entstehen. ^^

Eigentlich bräuchte ich jetzt mal Wochenende. Schade, dass morgen Dienstag ist.



Huang Shan, Treppensteigen für Fortgeschrittene (Bilder folgen später)
12. November 2009, 10:34
Filed under: Sightseeing und Reisen

Ja ja, zwei Wochen ist es jetzt schon her, dass wir wieder vom Huang Shan runtergeklettert sind, und erst jetzt kommt ein neuer Blogeintrag. Nein, das liegt nicht daran, dass ich vom Berg gefallen bin (Obwohl es beinah soweit gewesen wäre… Aber dazu später.), sondern an der alten Krankheit namens „Dinge-vor-sich-herschieben“, von der mich auch China nicht kurieren wird. ^^ Nach langer Verspätung hier also fürs Protokoll doch noch die Eck- und Höhepunkte des Ausflugs.

Freitagmorgen, 6 Uhr. Vom Wecker unsanft aus dem Bett gezerrt, versammeln sich gegen 7 Uhr 16 Laowai (14 Studenten der Nanjing Normal University + O. & ich von der Nanjing University), um sich auf eine fünfstündige Busfahrt zu begeben, während der sie sich verzweifelt ans Leben klammern werden. – Jetzt mal im Ernst: In Anhui wurde es logischerweise schon sehr bergig und die normalen Straßen wurden zu Serpentinen. Geschwindigkeitsbegrenzung für Busse war laut Ausschilderung 80km. Ähm, ja. Er ist 80 gefahren… in den Kurven. Das heißt, wir haben regelmäßig dem Tod ins Auge gesehen. Mal aus dem linken, mal aus dem rechten Fenster.

Egal, die Schutzengel haben ihre Aufgabe bravourös gemeistert und das Hotel in der Stadt am Fuß des Bergs war auch gar nicht übel. Gemütlichere Betten als hier zu Hause, weitestgehend sauber und da wir nicht duschen wollten, war es auch nicht weiter schlimm, dass es heißes Wasser nur von 19 bis 21 Uhr gab.

Nächster Halt: Mittagessen! Das bestand aus einem Menü aus dem, was man als chinesische Hausmannskost bezeichnen könnte. Tomaten-Rührei-Gemisch, Fisch, Gemüsestreifen, Tofustreifen, Hühnchengeschnetzeltes mit Erdnüssen,… Alles lecker, aber nichts davon könnte ich eigenständig im Restaurant bestellen.

Bergbesteigung war erst für Samstag vorgesehen, also wurde unter Vorlage eines Prospekts kurzerhand abgestimmt, dass es heute für 80元 pro Person zu den „Neun-Drachen-Wasserfällen“ gehen sollte, einem bewaldeten Gebiet mit (Wer hätte es gedacht?) insgesamt neun Wasserfällen.

Kommen wir endlich zum Hauptanlass der Reise: Samstag, Tag der großen Bergbesteigung.
Zu Beginn sollte ich aber klarstellen, was man sich in China unter Wandern vorstellen darf: Treppensteigen! Ich wünschte, ich würde lügen, wenn ich sage, dass jeder einzelne Weg von A nach B dort ausschließlich aus Treppen besteht. Aus-nahms-los.

Die ersten drei Kilometer des Wegs haben O. und ich uns abnehmen lassen, indem wir mit der Seilbahn gefahren sind. (Wir KENNEN unsere körperlichen Limits.) Nichtsdestotrotz kamen wir nahezu gleichzeitig mit den anderen an der Station an, denn die Benutzung der Seilbahn beinhaltete ein mehr als zweistündiges Anstehen. Zwei Stunden in einer drei Meter breiten Schlange umringt von Chinesen? Klar, nichts lieber als das! Nur klebt ihnen die Augen zu und nehmt ihnen die Kameras weg, denn so viele Fotos wollten bisher noch nie Leute mit uns machen.

Das „Oh, Ausländer! Setzen wir uns doch hinter sie, stecken unseren Kopf zwischen ihre beiden und lassen ein Foto von uns machen!“ setzte sich auch am anderen Ende der Seilbahnstation fort, während wir auf die Ankunft der anderen warteten. Ich weiß, es klingt alles ziemlich verbittert, aber ich konnte den Ausblick nicht wirklich genießen, weil ständig Touris um uns herumstanden und sich mit uns fotographieren ließen als seien wir Tiere im Zoo.

Egal, kommen wir zum schöneren Teil der Reise! Ach nein, Moment, da liegen ja immer noch fast 10 Kilometer vor uns, jeder einzelne Meter davon gepflastert mit soliden Treppenstufen. Hoch, runter, hoch, runter, ausruhen, hoch.
Was das konstante Nicht-mehr-können wieder wettgemacht hat, war die an jeder Ecke wirklich atemberaubende Aussicht. An dieser Stelle würden sich Fotos gut machen. Ich werde sie später noch hochladen, versprochen! Bisher sei nur gesagt: Das Wetter war fantastisch, strahlend blauer Himmel, grüne Bäume und gelbe Felsen, die manchmal so glatt und perfekt aussahen, dass man sie für Papprequisiten aus alten Fantasyfilmen halten könnte!

Schweiß, Tränen und Flüche hatten wir überstanden, langsam wurde es 17 Uhr. Die Sonne fing an unterzugehen und es wurde… kalt. Sofort. Nach einem reichlichen Abendessen in einem der Hotels auf dem Berg stapften wir noch einen Kilometer durch die Dunkelheit, bis wir an unserem Hostel ankamen.

Das verdient definitiv noch einen eigenen Absatz… Denn dort erklärte sich, wie sich viele Chinesen die Übernachtung leisten können: Indem es eine einzige riesige Hotelhalle gibt, in der Betten, Zelte und Matratzen dicht an dich geparkt sind. Die Jungs durften auf selbigen Matratzen inmitten von Chinesen übernachten, wir Mädels hatten glücklicherweise ein Zimmer mit überraschend bequemen Betten der Marke „Armeeliege“. Es war eng, es war kalt, aber wir waren müde und hatten im Hotel am Morgen Handschuhe gekauft. Also alles halb so schlimm.

Wie zwei Toiletten für all die Damen ausreichen konnten, ist mir ein Rätsel, aber es hat funktioniert. Bei einigen „Damen“ leider offensichtlich zu gut, denn als ich des nachts dort war… *hust* Ich will es eigentlich nicht näher beschreiben. Es war widerlich. Und dabei belasse ich es einfach, weil ich den Anblick aus meinem Gedächtnis löschen will.

Zum Abstieg fällt mir auch nur wieder ein: Treppen! Wer immer schon mal einen Berg runtergestiegen ist, dem muss ich nicht sagen, wie stark es die Gelenke beansprucht. Und wer noch keinen Berg runtergestiegen ist, dem würde mein Klagen jetzt auch nichts nützen. ^^* Sagen wir, ich hatte mehrfach das Gefühl, meine Beine könnten mich nicht mehr tragen und würden einfach wegbrechen – sind sie aber nicht und alle sind heil unten angekommen.

Nach 20 Kilometern Wa- Treppensteigen folgten zwei Wochen… Nichts. Keine Ereignisse, kein Blogeintrag, kein gar nichts.

Pünktlich nach den Mid-Terms (Prüfung nach der Hälfte des Semesters) hat dann letzten Freitag auch der Herbst in Nanjing Einzug gehalten. Verfärbte Blätter konnte ich leider noch nicht bewundern, dafür aber grauen Himmel, Regenschauer und typisches Schmuddelwetter. Mein violettes Regencape kam auch schon zum Einsatz. Und damit verabschiede ich mich vorerst und entschuldige mich noch mal für die rekordverdächtige Verspätung.