Zu Besuch im Land der Tausend Farben


Von der alten in die neue Hauptstadt
16. November 2009, 18:21
Filed under: Sightseeing und Reisen

Montagabend und wieder zurück in Nanjing. Geplagt von schlechtem Gewissen, möchte ich diesen Blogeintrag schnell abtippen, bevor die Verspätung die Ausmaße des Huangshan-Eintrags annimmt.

Tja, wo ich war? In Beijing (北京) bzw. zu Deutsch Peking! An diesem Wochenende fand dort das Stipendiatentreffen des DAAD statt. (Des Deutschen Akademischen Austauschdiensts, dem ich die im allerersten Blogeintrag beschriebenen Papiere schicken musste. Etwa 120 deutsche Studenten aus ganz China treffen sich und für uns aus Zwickau ist das praktisch ein Klassentreffen nach zwei Monaten. ^^ Ich hab mich gemeinsam mit Ki. und Ka. auf die Reise aus der alten in die neue Hauptstadt begeben.

Donnerstagabend – Auf in die Hauptstadt!

600元 wurden den Studenten aus Nanjing vom DAAD für die Anreise nach Beijing erstattet, außerdem hatten wir einen günstigen Flug für weniger als 400元gefunden und haben die nächtliche Zugfahrt somit durch einen zweistündigen Flug ersetzt.

Nach den letzten Vorbereitungen (z.B. das Schreiben des letzten Blogeintrags…) sollte es eigentlich zum Flughafen gehen. Der Plan: Metro (vier Stationen), zum Shuttlebus (Busse zum Flughafen fahren aller 30 Minuten bis 20:30 Uhr.) und zum Flughafen (Abflug 22 Uhr.) Die Umsetzung: „Wir fahren um 7 Uhr los.“ – Ki. und Ka. um 10 nach 7: „Wir müssen auch noch was essen.“ – „Es reicht auch, wenn wir halb 8 losfahren.“ – „10 nach halb 8 reicht auch.“ . . .

Im Endeffekt haben wir den Bus um 8 natürlich verpasst und mussten den um 20:30 Uhr nehmen, was zu leichter Panik führte angesichts der Tatsache, dass wir noch dachten, bis 21 Uhr einchecken zu müssen. Aber okay, wir kamen gut an, eingecheckt, zwei Stunden Flug, fertig.

Nun, was macht man um kurz nach Mitternacht im November nach einem zweistündigen Flug im eiskalten Beijing? Natürlich, man fährt zum TianAnMen (天安门)! Siehe Beweisfoto links. Als Ka. den Vorschlag machte, war ich ziemlich entsetzt, aber letztendlich war es wirklich witzig, nachts fast allein an diesem berühmten Tor zu sein und Fotos zu machen.

Dann führte uns der Weg nur noch zum „Forbidden City Hotel“, das nur 10 Minuten Fußweg zum TianAnMen entfernt liegt und uns in einem 6er-Zimmer im Jugendherrbergs-Stil nur 30元 pro Person pro Nacht gekostet hat. Der Raum war so sauber, dass man auf dem Boden hätte schlafen können, die Leute waren freundlich und wir waren uns einig: Wenn wir mal wieder in Beijing sein sollten, dann ist dieses Hotel in der engeren Wahl! (Als wir das sagten, haben wir allerdings nicht gedacht, dass das so schnell der Fall sein würde, ähm… Aber dazu später mehr.)

Freitag – Klassentreffen nach zwei Monaten

Aufstehen, auschecken, auf zum TianAnMen! (Diesmal sogar mit Tageslicht und mit Menschen.) Auf dem kurzen Weg dorthin sind wir durch einen Park gegangen, der direkt hinter der roten Mauer verlief und durch den Schnee einfach wie gemalt aussah. Grundsätzlich muss ich ohnehin sagen, dass sich Beijing uns von einer sehr guten Seite gezeigt hat. Ich weiß nicht und werde nie herausfinden können, wie viel davon die Nachwirkungen von Olympia sind, aber Beijing hat mich beeindruckt. Smogfreie Luft, blauer Himmel, die Autos auf den Straßen hupen weniger, die Straßen und Fußwege sind breit, die Fußwege sind höchst sauber gepflastert, selbst die Gebäude entlang der Autobahn sind allesamt modern und man wird noch weniger als Laowai angestarrt als in Nanjing!

Nach telefonischer Absprache haben wir uns schließlich mit unseren Zwickauer ShanghaiRen auf dem TianAnMen getroffen. (Hier mit Pseudonymen anzufangen, wäre zu kompliziert, also einfach mal nen schönen Gruß an M., B., Ju., L. und A. ^^) Nach Gruppenfoto, kurzem Erfahrungsaustausch und typisch chinesischem Essen (McDonald’s) trennten sich unsere Wege vorerst wieder und ich bin mit zum Hotel gefahren.

Mit dem Yong An Bingguan hat uns der DAAD in einem wirklich erstklassigen Hotel untergebracht. Einziger Nachteil war, dass die Zimmerzuteilung festgelegt war und wild Schlüssel hin- und hergetauscht wurden, um doch noch mit einem/einer Bekannten das Zimmer teilen zu können. Seltsamerweise blieb ausgerechnet das zweite Bett in meinem Doppelzimmer leer und ich bin problemlos zu meiner Wunsch-Nachbarin gekommen.

Es war fast 15 Uhr, am Abend stand ein Empfang in der deutschen Botschaft auf dem Plan. Ursprünglich hatten wir vor, den Sommerpalast zu besichtigen, doch ein Blick auf den Metroplan (18 Stationen inklusive Umsteigen) hat uns sofort vom Gegenteil überzeugt. Ich für meinen Teil hab mich im Zimmer eingerichtet, geduscht und mich ausgeruht.

18 Uhr sind J. (meine Zimmernachbarin und einzige Zwickauerin, die vom DAAD ins Städtchen Wuxi verfrachtet wurde), ich und andere unserer Zwickauer mit zwei unserer BeijingRen (Gruß an M. und S. ^^) gemeinsam zur Deutschen Botschaft gelaufen. Der laut Plan angekündigte Empfang bestand aus einigen angenehm kurzen Reden von DAAD- und CSC-Mitarbeitern, wobei wir feststellen durften, dass es sich bei allen nur um Stellvertreter handelte, weil die tatsächlichen Leiter Besseres zu tun hatten. Danke.

Die Stellvertreterin begrüßte „ihre Stipendiaten […] ach ja, und natürlich auch die Selbstzahler [uns]“. Ja, danke noch mal, dass wir so „wichtig“ sind. Aus irgendeinem Grund wird bei gehobenen Veranstaltungen dieser Art auch immer mindestens ein Klavierstück dargeboten. Wahrscheinlich, um das Niveau zu heben von „Hallo, schön dass ihr da seid, dort steht das Essen.“ zu „Wir sind kulturell so gebildet, dass wir uns zwei Klavierstücke anhören, bevor wir essen.“. Nun ja, die Pianistin war die Leiterin des deutschen Chors in Beijing und es klang gut, aber klischeebelastet bleibt es eben doch.

Dafür haben wir den Abend dann in ner kleinen Runde auf dem Hotelzimmer ausklingen lassen, noch mal nen schönen Gruß an die Beteiligten. ^^

Samstag – Na wenigstens drinnen wird geheizt.

Eigentlich kann ein Tag, der mit Brötchen und Kaffee losgeht, doch nur gut weitergehen, oder? Um 9 Uhr begannen schließlich die Vorträge zu China und dem chinesischen Arbeitsmarkt, die im Rahmen des DAAD-Treffens gehalten wurden. Höhepunkt des Vormittags bildete der Vortrag von Frank Sieren, Autor und Chinakorrespondent der Zeit. Nicht nur, dass er ganz eindeutig wusste, wovon er redet, wenn er über Chinas Position in der Welt sprach. Nein, er hatte einen erstklassigen Vortragsstil und brachte es in 60 Minuten auf so viele „Äh“s und „Ähm“s, wie zuvor eine DAAD-Mitarbeiterin in fünf Minuten. (Ja, ich habe Strichliste geführt. *hust*)

Nach dem reichlichen Mittagessen im Hotel konnten wir zwischen drei verschiedenen Stadtrundfahrten mit deutschsprachiger Führung wählen. Der richtige Bus war schnell gefunden und schon befanden wir uns auf dem Weg zum Trommelturm. Der kurze aber steile Treppenaufstieg wurde mit einem weiten Blick über die Beijinger Skyline belohnt, die dank strahlend blauem Himmel nicht einmal von Smog beeinträchtigt wurde.

Nächster Abschnitt des Ausflugs waren die Hutongs (胡同), wörtlich übersetzt „Gassen“. Die Wohnungen in den engen Bejinger Hutongs waren zu Kaiserzeiten sehr niedrige, aber nach hinten sehr weitläufige Wohnanlagen der Reichen und Schönen. Heute wurden sie entweder zu Souvenirstraßen umfunktioniert oder bieten engen Wohnraum für viele chinesische Familien bzw. (im Sommer) für ausländische Studenten. Unsere Reiseführerin, eine ehemalige deutsche Architekturstudentin, die seit sechs Jahren in Beijing wohnt, führte uns zielsicher durch die kleinen Straßen und gab viele Hintergrundinformationen zu Geschichte und Aufbau der Gebäude.

Letzter Anlaufpunkt für alle Reisegruppen war das Olympiastadion. Mittlerweile war es fast 18 Uhr, dunkel und „klirrend kalt“ wäre eine maßlose Untertreibung. Für mehr als ein schnelles Bild vom Vogelnest hat es nicht gereicht. Schnell zurück zum Bus und einfach nur hoffen, in absehbarer Zukunft seine Finger wieder zu spüren. Dazu sollte ich sagen, dass ich ohnehin schon mit vier Schichten Stoff bekleidet war und mir das wahrscheinlich das Leben gerettet hat. Oder wenigstens einige wichtige Organe.

Dem (wiederholt reichlichen) Abendessen folgte die Fortsetzung des „Klassentreffens“. Der Großteil der anwesenden Zwickauer Studenten hat sich eine westliche Bar gesucht, um den Abend würdig zu beenden, und dem hab ich mich logischerweise angeschlossen.

Sonntag – „Ach, wir haben noch so viel Zeit…“

Dieser Tag sollte im Zeichen der Sehenswürdigkeiten stehen, weshalb ich mit Ki. und Ka. beim Frühstück diskutierte, wann wir aufbrechen sollten. Je früher desto besser, doch Ki. war der Meinung, 11:30 Uhr sei vollkommen ausreichend. Damit nahm das Elend praktisch schon seinen Anfang… Aber der Reihe nach. Ich werde einfach jede Stelle, an der ich gern fluchen würde, mit Sternchen [***] verzieren…

Wir einigten uns auf 11 Uhr und damit ging es nach dem Auschecken aus dem Hotel ab zur Metro. Quizfrage: Was ist der Unterschied zwischen uns und chinesischen Kaisern? Antwort: Wir besuchen den Sommerpalast (Yiheyuan 颐和园) im Winter! Zu erzählen gibt es dazu nicht viel, man muss die Anlage einfach gesehen haben. Sehr hübsche Architektur, verwinkelt aber nicht verwirrend, und die Vorstellung, dass dort früher (und im Sommer) hohe Persönlichkeiten hin- und hergewandelt sind, gefällt mir.

Nächer geplanter Stopp: Himmelstempel. Schon mal vorweg: Wundert euch nicht, warum es hiervon kein Foto gibt. Wie geplant stiegen wir in einen Linienbus, der uns quer durch die Stadt zum Himmelstempel bringen sollte. Die Umsetzung des Plans: Fast drei Stunden Stau. [***] Zum Glück hatten wir Sitzplätze, doch der Bus war eiskalt [***] und ich lüge nicht, wenn ich sage, dass ich nach diesen drei Stunden meine Füße nicht mehr spüren konnte.

Zum Laufen hat es allerdings noch gereicht, somit sind wir drei schnell zum Eingang des Himmelstempels und durch den (bemerkenswert unspektakulären) Park gelaufen, um vor dem Tor festzustellen, dass der Ticketverkauf vor einer halben Stunde beendet wurde. [*****] Schön. Es war mittlerweile 17 Uhr und wir haben uns ohne rationalen Grund stundenlang fast alle Gliedmaßen totgefroren. Ab diesem Punkt hatte ich das unerklärliche Gefühl, einfach nur nach Hause nach Nanjing zu wollen… [***]

Wenigstens ein Taxi war schnell gefunden, das uns zu einer Einkaufsstraße im Zentrum brachte. In einem der Kaufhäuser konnten wir uns dankbarerweise aufwärmen und auf Nahrungssuche gehen.

Nächster Abschnitt: Zeitplanung bis zur Abfahrt des Zuges. [***] Die Uhr schlug gerade 18:30 Uhr, 21:40 Uhr sollte der Zug abfahren, drei Metrostationen trennten uns vom Bahnhof. Ki. brachte die wunderbar realistische Einschätzung, es würde völlig reichen, 21 Uhr loszufahren. [***] Bitte WAS?! 21 Uhr wäre ich gern am Bahnhof gewesen! Wenn nicht noch früher! Schön, wir konnten ihn auf 20:50 Uhr runterhandeln. Okay, fassen wir uns kurz, wir wanderten durch die Einkaufsstraße und eine Fressmeile, die neben Tintenfisch und Maden am Spieß auch Lammhoden anbot, und befanden uns um 20:45 Uhr auf dem Rückweg zur Metrostation.

Kurz vor Ende der Einkaufsstraße befand sich in einer kleinen Seitengasse noch eine Souvenirmeile. . . . in die Ki. und Ka. natürlich reingehen mussten [***], um letztendlich nichts zu kaufen außer einen Fleischspieß. Zitat Ka.: „Ich kann ja nirgends stehen bleiben, weil die Leute einen gleich irgendwohin zerren. … Wartet, ich geh die Souvenirstraße noch bis zum Ende.“ [***] Zu jeder anderen Tageszeit gern, aber jetzt?! [*****]

Endlich auf zur Metro. Da Ki. uns den falschen Weg weist [***], müssen wir statt einem Mal zweimal umsteigen [***] und müssen auf eine weitere Bahn warten, da die erste zu voll war [***]. 21:35 Uhr kommen wir am Bahnhof an, rennen was die Beine hergeben, finden mit Mühe das richtige Gate, sehen den noch dastehenden Zug und stellen fest, dass das Gate geschlossen ist. [***************] Zug verpasst. Um 21:41 Uhr. [**************]

Montag – Ich bin das gedankliche Fluchen Leid und fasse mich kurz.

Ki. hat uns eine weitere Nacht im Forbidden City Hotel bezahlt und dank telefonischer psychischer Unterstützung von J. kam ich schnell von „Ich bin absolut fertig mit den Nerven“ zu „Na dann fahren wir eben morgen.“ Die Karten konnten wir noch am Bahnhof vor Ort umtauschen, ohne Aufpreis und ebenfalls für einen Schnellzug.

Um 10 Uhr kamen wir beim Südbahnhof an, der Zug fuhr 11:05 Uhr ab. So.hat.das.zu.sein! Und zwar grundsätzlich!

Während der achtstündigen Zugfahrt hab ich überlegt, wie ich die letzten Abschnitte dieses Blogeintrags formulieren kann, ohne sie wegen Gewaltverherrlichung zensieren zu müssen; das Ergebnis könnt ihr in Form der Sternchen bewundern. [***]

Fazit

Wenn ich wüsste, dass alles genau so ablaufen würde, würde ich es noch einmal tun und die Reise nach Beijing antreten? – Ja! Auch samt Zugverpassen und Frieren im Bus. Unsere BeijingRen und ShanghaiRen (und eine WuxiRen ^^) wiederzutreffen war besser als ich mir jedes Klassentreffen vorstelle. Mit so vielen netten Gesichtern tausche ich gern Chinaerfahrungen aus, was ich wirklich nicht erwartet hätte. Toll zu wissen, dass viele Eindrücke auch von anderen bestätigt werden und nicht nur im Nanjinger Mikrokosmos entstehen. ^^

Eigentlich bräuchte ich jetzt mal Wochenende. Schade, dass morgen Dienstag ist.

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1 Kommentar so far
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mhm also man soll echt aufpassen, was man sich wünscht … denn offenbar hast du ja jetzt zumindest frei? – auch wenn du´s wirklich nicht genießen kannst …
Aber toll, dass du uns „Daheimgebliebene“ an deinen Abenteuern teilhaben lässt und wir a) neidisch auf die Erlebnisse sein dürfen und uns b)über warme Füße und sympathische Mitfahrgelegenheiten freuen können :D

Kommentar von Frieda




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