Zu Besuch im Land der Tausend Farben


Letzter Eintrag in diesem Jahrzehnt

Ausnahmsweise nicht aus den heimischen vier Wänden in Nanjing, sondern aus Shanghai, Wirtschaftsmetropole, stolzes Expo-Opfer 2010 und Baustelle sondergleichen.

Ob mir der Zug, in den ich heute Morgen um 7:30 Uhr eingestiegen bin, irgendwas damit sagen wollte, indem er 10:00 Uhr am Shanghaier Hauptbahnhof einfach mal mitten im Dreck gehalten hat? Bauarbeiten, wo immer man hinsieht, trotzdem werde ich Shanghai demnächst die zweite Chance geben, einen guten ersten Eindruck bei mir zu hinterlassen.

Dankbarerweise haben sie wenigstens die Metrolinie ausgeschildert, die ich nehmen musste. Nachdem ich mich gemeinsam mit ein paar hundert Chinesen durch Container, Steinhaufen und düstere Gänge graben musste, machte die Metrostation einen ähnlich chaotischen Eindruck. Da zeigt sich die gute Pflege in Nanjing: Shanghai hat einfach mehr Menschen – und dabei war es erst 10 Uhr Vormittags an einem Wochentag und 80 Prozent der Leute wahrscheinlich am Arbeitsplatz oder in der Schule.

An der Zielstation angekommen, konnte ich mich erfolgreich zu meiner nächsten Destination durchfragen. So, wer bis hierher mit dem Lesen durchgehalten hat, wird mit der Erkenntnis belohnt, weshalb ich überhaupt schon am Mittwoch, allein und auch noch zu einer so unchristlichen Zeit losgefahren bin: (Hier Trommelwirbel einfügen.) Ich habe ein Vorstellungsgespräch!

Klar, ist kein gesichertes Praktikum, aber allemal besser als sinnloses Rumsitzen und täglich verzweifelteres eMail-Checken. Also: Drückt mir die Daumen…

In drei Stunden geht’s los. Bis es soweit ist, sitze ich in diesem Café, das mir schon auf dem Hinweg aufgefallen ist. Es heißt „Central Park“ (Schreibt sich im Netzwerknamen zwar „Central Pack“, aber ich will mal nicht so sein.), der Name war westlich genug, um in mir die Hoffnung auf einen guten Kaffee zu wecken und ich wurde nicht mal enttäuscht. Kostet mit 20元 sogar nur doppelt so viel wie in der Caféteria der NanDa. Viel erstaunlicher ist noch die Tatsache, dass es hier eine westliche Toilette gibt. Und ja, diese atemberaubende Nachricht abzutippen, war mir vier Sekunden meiner Lebenszeit wert!

Das war’s erst mal von meiner Seite aus, wir sprechen uns wieder im neuen Jahr.

Es folgt das vorhersehbarste Ende, das sich dieser Blogeintrag hätte wünschen können: Guten Rutsch euch allen!

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(Un)Weihnachtliches Sightseeing
27. Dezember 2009, 06:55
Filed under: China-Impressionen, Sightseeing und Reisen

In der Hoffnung, dass ihr alle ein frohes Weihnachtsfest hattet, auch ohne dass ich am 24. einen zweizeiligen Blogeintrag dafür verfasst habe, in dem ich euch selbiges wünsche, folgt heute ein etwas Foto-lastigerer Bericht.

Warum? Weil hier zwar an der Tür jedes zweiten chinesischen Restaurants Weihnachtsdekoration und die Aufschrift „Merry Christmas“ hängt, die die Besitzer wahrscheinlich selbst nur gerade so lesen können, aber Weihnachten hier eben doch nur ein „cooles“, westliches Fest ist, bei dem man wahllos glitzernde Sachen an grüne Bäume klatscht, sich eine rote Bommelmütze aufsetzt und sonst seinem normalen Alltag nachgeht.

Entsprechend liegt’s in unserer eigenen Verantwortung, die „Feiertage“ nach unseren Vorstellungen zu gestalten. Die Lehrerinnen an der NanDa waren da sehr entgegenkommend, indem eine von ihnen selbst gefragt hat, ob wir am 24. und 25. den Unterricht ausfallen lassen wollen. Als ob sie da zweimal fragen müsste. ^^ Somit hab ich mich am Donnerstag mit einer externen Festplatte (320 GB, fast viermal mehr als mein Laptop) selbst beschenkt und den Tag atmosphärisch so verbracht, wie ich es auch zu Hause gemacht hätte: Ruhig und entspannt.

Nun aber zu den eingangs erwähnten Fotos. Anstatt das gesamte verlängerte Wochenende in der Wohnung dahin zu vegetieren, hab ich mich mit Chr., einer weiteren Zwickauer Mitstudentin, am Freitag auf den Weg zu einer der millionen Sehenswürdigkeiten gemacht, die in Nanjing noch nicht besichtigt wurden. Rein ins Taxi, wieder raus an der Gedenkstätte für die Opfer des Nanjing-Massakers 1937/38. (Ja, wie gesagt, sehr weihnachtlich.)

Geschichtsstunde für die Unwissenden: Während des Zweiten Chinesisch-Japanischen Kriegs 1937-45 fielen die Japaner zuerst in Shanghai, schließlich auch in der damaligen Hauptstadt Nanjing ein und veranstalteten dort das, was heute als „Nanjing-Massaker“ oder „Vergewaltigung Nanjings“ bekannt ist. Beide Begriffe dürfen dabei absolut wörtlich genommen werden. Den 300.000 Opfern ist diese Gedenkstelle gewidmet.

Nach dem Eingangsbereich im ersten Foto geht man durch eine Reihe mehrerer Bereiche, deren Namen mitunter schon für sich sprechen. Steintafeln mit den Namen aller Opfer, der „Ausstellungsraum der Skelette“, das „Massengrab der 10.000 Leichen“, ein Platz zur Ehrerbietung, eine Meditationshalle, und schließlich der fast schon erlösend wirkende hintere Bereich mit Grünflächen, der Siegesmauer, den „Friedlichen Bäumen“ und einer Friedensstatue.

In jedem der Bereiche wurde die gewünschte Atmosphäre vermittelt, ohne dabei aufdringlich zu sein, und auch künstlerisch und stilistisch haben die Architekten gute Arbeit geleistet. Okay, im Vergleich zu unserem Holocaust-Mahnmal in Berlin wirkt wahrscheinlich auch ein Misthaufen wahnsinnig interessant und aussagekräftig, aber ich meine es ernst: Das Thema ist kein schönes, aber die Gedenkstätte ist wirklich sehenswert, ebenso wie das zugehörige Museum.

Nach diesem geschichtslastigen Ausflug bin ich am Samstagvormittag zum Park am Mochou-See (莫愁湖公园) gefahren, der mangels Wärme und beblätterten Bäumen zwar etwas karg wirkte, aber trotzdem gewissermaßen Pflichtprogramm in Nanjing ist.

Der See ist bekannt nach einem Mädchen namens Mochou, die ihren in den Krieg gezogenen Ehemann so sehr vermisste, dass sie sich in einen See verwandelt hat, um mit dem Fluss zu ihm fließen zu können. Ich bin ja unromantisch und sage, sie hat sich ertränkt, aber hey, sie haben ihr zu Ehren eine hübsche Statue gebaut.

Direkt im Anschluss durfte mich ein Taxi zum Jiming-Tempel (鸡鸣寺) bringen, einem der wenigen noch aktiven buddhistischen Tempel der Stadt.

Gerade aus diesem Grund hatte ich auch Skrupel, innerhalb der verschiedenen Tempelgebäude zu fotographieren, da vor fast jeder Statue gerade jemand kniete und betete. Die meisten Besucher, ein Großteil davon übrigens Jugendliche, waren auch nur für eine bestimmte Gottheit da, abhängig von ihren jeweiligen Wünschen.

Für die abgebildete Pagode wurde gesonderter Eintritt verlangt, der mir mit 5元 aber auch nicht die Taschen gelehrt hat. Nach Erklimmen der sechs Stockwerke hatte ich als Ungläubige zwar spirituell nichts erreicht, konnte aber eine schöne Skyline und den Blick über den Xuanwu-See (玄武湖) genießen, den größten See Nanjings.

Auch für heute hätten Ausflugsziele bereitgestanden, allerdings musste ich heute Morgen im Bett das Fehlen jeglicher Motivation das Haus zu verlassen feststellen. Und Sightseeing um des Sightseeings Willen ist jetzt auch nicht gerade der Weisheit letzter Schluss.

Falls sich übrigens jemand wundert, warum ich die Taxifahrten betont habe, ist der Grund einfach: Nur um hier mal nebenbei zu erwähnen, dass eine Fahrt umgerechnet nicht mal 2 Euro gekostet hat. ^^



Wem fällt ein stylischerer Titel außer „Prüfungswoche“ ein?
21. Dezember 2009, 11:34
Filed under: Studium und Praktikum

Mit der schon aus den Zwischenprüfungen bekannten Kombination aus Ausländerumgang („Auslandsstudenten kommen an die NanDa, um zu feiern und in China rumzureisen.“) und chinesischem Lernstil („Warum etwas begreifen, wenn man es auch richtig auswendig lernen kann?“) wurden wir schon rein gefühlsmäßig in die Abschlussprüfung geschickt und beide unausgesprochenen Prinzipien sollten ihren Weg auf die Testbögen finden.

Ausnahmsweise kann ich von mir behaupten, aus meinen Fehlern bei der Zwischenprüfung gelernt zu haben. Was so viel heißt wie: Für die Prüfung im Fach Lesen/Schreiben (Duxie 读写) hab ich genau die Arbeitsblätter und im Lehrbuch enthaltenen Übungen auswendiggelernt, die unsere Lehrerin zuvor erwähnt hatte, was bereits über 80 Prozent aller Punkte sicherte. Also: Soweit alles richtig gemacht. Schade, dass mir das auf meinem Weg zum tatsächlichen Chinesisch-Können so viel nützt wie Vollmilchschokolade einem Veganer.

Zu erwartende Parallelen fanden sich bei der Hörverständnis (Tingli 听力)-Prüfung am Mittwoch, deren Hälfte aller Punkte man sich durch Auswendiglernen der letzten im Buch behandelten Lektionen sichern konnte. Da so etwas Ähnliches auch angekündigt wurde, hab ich mich am Dienstagabend also tatsächlich mit meinen ehemaligen Antworten zu Hörübungen beschäftigt, die (mangels CD) ohne Fragestellung und Hörtext überhaupt keinen Sinn ergeben.

Abgerundet wurde die Woche dann durch eine in Zweierteams abzulegende Prüfung im Fach Sprechen (Shuohua 说话). Ich wünschte, „Dialog vorlesen, drei Vokabeln erklären und sich eine Minute zu einem Thema unterhalten“ sei eine Untertreibung oder wenigstens eine Kurzfassung, aber nein, wir waren wirklich maximal 6 Minuten in diesem Raum.

Aber trotz alledem: Ich kann mich nur leise beklagen, denn gelernt hab ich trotzdem viel, was in dreifach erster Linie unserer Duxie-Lehrerin anzurechnen ist, die zwar selbst noch Studentin ist, aber sowohl Vokabeln als auch Grammatik auf Chinesisch so großartig erklärt, dass ich sie am liebsten einpacken und mir unter den Weihnachtsbaum legen will!

Und neue Bekanntschaften – national wie international – ersetzt sowieso kein Lehrbuch. Mit exakt diesen netten Bekannten sowie zwei unserer drei Lehrerinnen ging es dann am Freitag nach der Shuohua-Prüfung noch zum Mittagessen ins Studentenwohnheim/Hotel, wo uns eine mehr als reichliche Mahlzeit spendiert wurde. Abschiedsfotos eingeschlossen.

In diesem Sinne: Danke für das schöne Semester.

Ab dieser Woche werden die meisten davon über ganz China verstreut sein. Unter diesem Aspekt würde ich mich am liebsten sofort in den Zug setzen und die nächste Woche an irgendeinem tollen Urlaubsort Chinas verbringen. Meinetwegen auch an mehreren, so unflexibel bin ich da ja gar nicht. Verhindert wird dieser Traum ausnahmsweise nicht mal von dieser chronischen Krankheit in mir, die mich für gewöhnlich morgens zum Unterricht treibt, sondern schlichtweg von der Tatsache, dass ich noch immer keinen Praktikumsplatz hab und mir mit der panischen Hoffnung auf ein eventuelles Bewerbungsgespräch keine längeren Reisen leisten kann/will/werde.

Irgendwie ist das in jedem Blogeintrag die gleiche Leier, was?



Draußen Herbst, drinnen Winter
13. Dezember 2009, 06:57
Filed under: Home Sweet Home, Studium und Praktikum

Quizfrage: Was bekommt man, wenn man in China in die Apotheke geht und sagt: „Ich möchte alle Vitamine zusammen“? – Antwort: Das gleiche wie in Deutschland. Einen seltsamen Blick der Apothekerin und eine Packung Centrum®.

Nach dreiwöchiger Erkältung und grauem, regnerischem Herbstwetter können ein paar Tabletten ja nicht schaden, ganz zu schweigen davon, dass „ausgewogen“ kein Attribut ist, das ich meiner Ernährung hier zuschreiben würde. Dafür bin ich aber wieder weitestgehend gesund und fit.

Wie gerade erwähnt, herrscht hier Herbstwetter. Kurioserweise scheint es innerhalb der Räume kälter zu sein als außerhalb, weshalb sich die Klimaanlage in meinem Zimmer mit Dauereinsatz anfreunden muss. Oh, natürlich nur, wenn sie dabei ruhig ist…

Als hätte ich es geahnt: Nicht nur, dass das Geräusch, von dem ich im letzten Eintrag berichtet hab, wiederkam. Es war schlimmer als zuvor und hatte noch ein paar nervraubende Freunde mitgebracht. Binnen Sekunden war meine Hand beim Telefon und binnen 24 Stunden stand auch der Handwerker wieder in der Tür. Hinterhältigerweise hatte er einen Kollegen dabei, um die Erfüllung meines „Ich hoffe die Klimaanlage fällt dir auf den Kopf“-Wunsches vom letzten Mal zu verhindern. Mist. Aber wenigstens läuft das Teufelsgerät bisher (!) problemlos.

Schön, sich dadurch warm halten zu können. Insbesondere, wenn wie am vergangenen Wochenende der Boiler aufgrund defekter Zündkerze nicht seiner Aufgabe nachkommen will und die Leitung ausschließlich kaltes Wasser freigibt. Mittlerweile wurde das Problem mit Vermieterhilfe gelöst und ich muss hoffentlich nicht so bald wieder mit kaltem Wasser Haare waschen. (An alle Mario-Barth-Fetischisten: Ja, nur Haare. Es funktioniert und war nötig.)

Überhaupt scheint „Wasser“ gerade das Schlagwort unserer Wohnung zu sein. In den letzten Wochen lief in der Dusche bereits zweimal Wasser aus der Decke. Nach ein paar Minuten hörte es dankbarerweise wieder auf. Und was macht man in einer solchen Situation? Klar: Die Tür zu.

Als die Waschmaschine während des Waschens plötzlich auslief und der Küchenboden von einer Pfütze getränkt wurde, funktionierte diese Methode leider nicht… Auch dieses Phänomen ist bisher allerdings nicht wieder aufgetreten. Zum Glück.

Und auch aus einem dritten Blickwinkel betrachtet, ist es drinnen winterlich: Ka. hat Weihnachtsdeko gekauft. Eines morgens klebte an der Wohnungstür also ein roter Weihnachtsstiefel, den Tisch ziert ein kleines Plastikbäumchen und meine Zimmertür wird jetzt nicht nur vom chinesischen Glückszeichen, sondern auch von einem weißen Weihnachtsstern geschmückt. Das verstehe ich unter interkultureller Harmonie. Das und die Tatsache, dass die Sicherheitskräfte beim Karaoke Weihnachtsmann-Mützen tragen. Ja.

Seit dem letzten Eintrag ist auch das inzwischen zweite Päckchen aus Deutschland angekommen, dessen Porto wieder einmal mehr Wert ist als der Inhalt. Was sich natürlich nicht auf den emotionalen Wert bezieht – es ist ein schönes Gefühl, Post von zu Hause zu bekommen. Ist als würde Besuch kommen, nur dass sich das Päckchen nicht für Sehenswürdigkeiten interessiert.

Und eins steht fest: Wenn Weihnachtsschokolade eine vollwertige Mahlzeit wäre, müsste ich eine ganze Weile nicht mehr einkaufen gehen. ^^

Leider ist der Nährstoffgehalt von Milka ja aber begrenzt, weshalb mich mein Weg in den letzten Wochen oft zu einem kleinen Goldstück in Nanjing geführt hat: Zur deutschen Bäckerei! „Skyways“ heißt der unscheinbare, aber unter Studenten und Expats sehr beliebte Laden, in dem man neben Torten, Schokolade, Wurst, Käse, Brezeln und Brot, an dem sich jeder Chinese die Zähne ausbeißen würde, auch noch mein aktuelles Lieblingsessen erwerben kann: Sandwiches. Mit 20元 pro Stück sind sie für chinesische Verhältnisse zwar teuer, werden aber frisch und ganz nach persönlichen Wünschen belegt. Ich seh es so: Dass ich in den letzten 14 Tagen 10 Thunfischsandwiches mit Tomate, Gurke und Senf verspeist habe, ist auch nicht ausgewogener als jeden Tag Reis oder Nudelsuppe zu essen.

Die nächste Woche ist geprägt von den Abschlussprüfungen. Wieder einmal wundere ich mich darüber, dass ich an der NanDa als letzte mit dem Semester begonnen habe und die erste bin, die es wieder beendet…

Danach findet bis zum 31. Dezember noch mehr oder minder freiwilliger Unterricht statt, dem ich aber schon beiwohnen will. Bis es dann zu Silvester höchstwahrscheinlich nach Shanghai geht. Dieses und letztes Wochenende hatten wir hier in Nanjing Besuch unserer Shanghaier Mitstudenten und bisher deutet alles darauf hin, dass der Spieß zum Jahreswechsel umgedreht wird. ^^

Nun denn. Ich werde mich wieder zum (Auswendig)Lernen für meine morgige erste Prüfung begeben und Bericht erstatten, sobald das ganze Theater vorbei ist. Vielleicht meldet sich irgendwann auch eine der 30 Firmen, denen ich bisher Praktikumsbewerbungen geschrieben hab. Somit öffne ich also täglich weiterhin brav ein Türchen meines Adventskalenders und schau, was mich in nächster Zeit erwartet.