Zu Besuch im Land der Tausend Farben


“It’s raining sights, hallelujah…”
31. Januar 2010, 12:08
Filed under: China-Impressionen, Sightseeing und Reisen

Pausenloses Wasser vom grauen Himmel Wuhans, vom Moment der Ankunft bis jetzt. Kann man die Tour trotzdem genießen? Finden wir’s raus.

Drei Stunden Schnellzug sind in China keine Weltreise, nach einer Nacht zu kurzen Schlafs und einem Vormittag besagter Zugstunden sind meine Nerven allerdings ein eher labiles Gefüge, das sanft behandelt werden muss. Interessiert das Wuhan? Nö. – Die nette Damenstimme im Zug gibt bekannt, dass wir gleich in Wuhan ankommen, und ein Blick aus dem Fenster zeigt Einöde, Schlamm, Dreck, Matsch. Kein guter Eindruck, da der Zug auch schon langsamer wurde, letztendlich zeigten sich aber doch Zeichen von Zivilisation. Innerhalb der 30 Minuten Taxifahrt bis zum Hostel wuchsen die Häuser auch allmählich und letztendlich sah es aus wie in Nanjing. Nur grau, nass und bei Weitem nicht so süß. (Voreingenommen? Wer?)

Damit kann ich den Samstagsbericht im Grunde abschließen, da sich der Rest des Tages durch Müdigkeit auf Nahrungssuche und Schlafen beschränkt hat, womit wir 25% des Ausflugs im Zug, Restaurant oder Bett verbracht hätten. Ach ja, beim Mittagessen versuchte ein Fisch, mich zu töten. Verdammte Gräten…

Spulen wir vor zum schönen Teil – Beginn heute Morgen. Trotz Regenwetter schälten wir uns pünktlich 8 Uhr aus den Laken und machten uns nach einem gründlichen Frühstück (Tee und Kaffee) gestärkt zu Fuß auf den Weg zur Kranichpagode auf dem Schlangenhügel, einem der wichtigsten Ausflugspunkte der Stadt. Wieder einmal ließ die Karte größere Dimensionen vermuten als die Realität dann wiedergab, und jeder Punkt ließ sich bequem erlaufen. Von der obersten Pagodenetage konnte man trotz Nebel den Yangtze samt lokaler Yangtze-Brücke erkennen, was ein gewissen Deja-vu-Gefühl vom Freitag in Nanjing hervorrief. Diesmal liefen wir allerdings keine halbe Stunde, um dann ein Foto von einer Arbeiterstatue im Nebel zu machen. Stattdessen lieber ein Foto einer Kriegerstatue auf dem Schlangenhügel. Wer auch immer Yue Fei war, sie mochten ihn.

Einige Parkteile konnten wir uns dank des Wetters schenken, gegen Ende wurde es jedoch noch mal amüsant. Zum einen dank eines Mao-Souvenirladens, der ausnahmslos Büsten, Bilder, Kartenspiele, Aufsteller, Buttons und Statuen in jeder Größe von Mao zum Kauf anbot. (Warum gibt’s sowas nicht von Adenauer und Co.? Ein Foto wäre es mir Wert… aber mehr auch nicht.) Punkt 2 wurde einem Menschen gewidmet, der nichts getan hat. Und deshalb baute man ihm einen Pavillon. Ja, der gute Herr war Dichter und wurde von der Kranichpagode inspiriert. Dann las er das Gedicht eines anderen berühmten Dichters, das im anliegenden Park auf einer Steintafel stand, und stellte fest, dass er nie an dessen Genialität heranreichen wird. Also schrieb er sein Gedicht nicht auf und für seine Bescheidenheit wurde ihm ein Pavillon gebaut. Super. Baut ihr mir ein Denkmal, wenn ich sage, dass ich wohl leider nicht die Weltmeisterschaft im Kunstturnen gewinnen werde?

Während der graue Himmel hier ein eher unbedeutender Nachteil war, beeinträchtigte er unser nächstes Ausflugsziel dann schon eher. Nicht einmal der Taxifahrer wollte uns glauben, dass wir bei diesem Mistwetter zum East Lake (东湖) wollten. Aber Pflicht- Sehenswürdigkeit Nummer 2 stand fest auf unserem Programm und immerhin nimmt der blaue Fleck den gefühlten Großteil des Stadtplans ein.

Ursprünglich wären wir bei Regen nicht länger als zehn Minuten am Ufer entlang spaziert, um uns dann zitternd auf den Heimweg zu begeben, doch ein eindeutig kapitalistischer Chinese überzeugte uns, ihm 160元 zu zahlen, um in seinem offenen Touristen-Minibus eine Seetour zu bekommen. Dass er das nur mit Händen und Füßen geschafft hat, da wir sein Chinesisch nicht verstanden haben, spricht weder für unsere Chinesischkenntnisse, noch für unsere Fähigkeit, billigem Marketing zu widerstehen.

Die sich im Grau verlierenden Wasserflächen waren weniger beeindruckend, doch immerhin konnten wir uns einige Pavillons, nette Alleen, Parks und Statuen ansehen. Mehr als wir ohne Herrn Marketing gesehen hätten. Allerdings wird er sich ziemlich sicher über die dummen Ausländer gefreut haben.

Wer hätte gedacht, dass man in Wuhan auch bei Regen nur fünf Minuten braucht, um ein freies Taxi zu finden? Gut, wir mussten ihm hinterherrennen, aber in Nanjing könnte ich bei Regen stattdessen auch versuchen, oben erwähnte Turnmeisterschaft zu gewinnen – der Erfolg wäre der gleiche.

Der nächste Taxifahrer durfte uns zum Chang-Chun-Tempel (长春观) bringen, was übersetzt „langer Frühling“ bedeutet. Ein Drittel scheint im Bau zu sein, das zweite Drittel ist normal begehbar und das letzte Drittel ist sowohl begehbar als auch vollständig restauriert bzw. renoviert. Letzterer Teil war nicht unbeeindruckend – was etwas heißen will, da man von den meisten chinesischen Tempel sagen kann, dass man alle gesehen hat, wenn man einen oder zwei besucht hat. Im Gegensatz dazu konnte man hier Steinbrunnen, Wege, zahlreiche goldene Wandverzierungen, Skulpturen, Holzdekorationen etc. bewundern, die einen guten Eindruck dessen vermitteln, was die derzeit im Bau befindlichen Teile einmal wieder sein werden.

Und weil ich es geschafft hab, auch im letzten Eintrag von Belanglosigkeiten wie meinem Mittagessen zu berichten, ringe ich mich auch heute dazu durch. Wer in China lebt, der weiß, dass die Vorstellung eines normalen Salats hier fast immer Äpfel und Mayonnaise enthält. Viel Mayonnaise. Dass dies auch für Fruchtsalate gilt, hätte uns unser gesunder Menschenverstand sagen müssen. Und weil’s so schön war, gibt’s zum Abschluss ein Foto.



Märtyrer, Ming, Mausoleum, Massaker, Mittagessen und mehr
30. Januar 2010, 09:44
Filed under: Sightseeing und Reisen

Besuch aus Shanghai! Ich habe es ja schon angedeutet und nun kommt der kurze Sightseeing-Bericht der letzten Woche, die ich gemeinsam mit einer Freundin aus Shanghai verbracht habe. Nachdem sie über Silvester die freundliche Gastgeberin in der Metropole gegeben hat, durfte ich mich revanchieren und als Touristenführerin in Nanjing dienen.

An einigen Sehenswürdigkeiten des Pflichtprogramms wie dem Sun-Yatsen-Mausoleum und der Massaker-Gedenkstätte war ich ja bereits, hatte gegen den zweiten Besuch aber nichts einzuwenden. Hey, wann hat man die Gelegenheit, mit Nanjing im Vergleich zu Shanghai anzugeben? – Richtig, wenn es um historische Sehenswürdigkeiten geht. (Nimm das, Megastadt.)

Montag, schönes Wetter, auf zum Ming-Grab! Wieder mit dem Taxi zum Purple Mountain, dem „großen grünen Fleck“ auf der Nanjing-Karte. Die Ming-Dynastie hat über 200 Jahre und 16 Kaiser überstanden, bis sie letztendlich eine Krise nicht wirklich überlebt hat. Ihr erster, und anscheinend ja noch ganz erfolgreicher Kaiser wurde in Nanjing begraben – heute liegt ein Weltkulturerbetitel auf ihm, was die Eintrittspreise auf etwa das Doppelte dessen anhebt, was man normalerweise für ein paar Tempel und gepflasterte Waldwege bezahlen würde. Nein, ich will ehrlich sein, es war sehenswert. Den auf allen Postkarten zu findenden, 615 Meter langen „Heiligen Weg“, der von großen Steinstatuen diverser mythologischer Kreaturen (Kamele, Elefanten, Löwen) geziert wird, sieht man auf nebenstehendem Bild.

Wie ich vom fragwürdigen Erfolg des Mittwochsausflugs erzählen soll, weiß ich nicht. Eigentlich war es ziemlich egal, dass es dunkel, kalt, regnerisch und neblig war, als wir dem Märtyrerdenkmal (雨花台) inklusive umliegendem Park einen Besuch abstatten wollten. Viel interessanter war vielmehr, dass der Park eine einzige Baustelle war. Steinskulpturen sozialistischer Revolutionäre waren die ansprechendsten Fotomotive; alle Pavillons, Ausstellungshallen und Parkteile waren entweder geschlossen oder wurden gebaut. (Wir haben uns darauf geeinigt, dass sie neue historische Gebäude bauen. Von dieser Theorie lasse ich mich auch von Fakten nicht abbringen. ^^) Nebensaison eben. Wenigstens war der Eintritt frei, was uns bereits zu denken hätte geben müssen.

Glücklich darf ich dafür von meinem persönlichen Wochenhighlight berichten, dem Besuch des Yuejiang-Turms am sonnigen Freitag. Nicht nur, dass der gesamte Scenic Spot rund um den sogenannten „Löwenhügel“ keinen Weltkulturerbetitel o.ä. besitzt und damit mit 40元 einen freundlichen Preis vorweisen kann – ich konnte endlich auch auf die Stadtmauer und einfach gemütlich entlang spazieren.

Die Karte des Bereichs war wieder typisch chinesisch – man glaubt, zwischen zwei eingezeichneten Sehenswürdigkeiten liegen Kilometer, dann fällt man dreimal hin und ist angekommen. Auch das „Ancient Fort“ war dann doch nur eine Kanone, und ein weiterer Anlaufpunkt war (wörtlich) „die Stelle, an der sich Sun Yatsen den Yangtze angesehen hat“. Danke. Und an welcher Stelle hat er an die Mauer gepinkelt, ist das auch ausgeschildert? Umso mehr lohnte sich allerdings die Besteigung des Yuejiang-Turms, von dessen Spitze im sechsten Stock man eine wunderbare Rundumsicht auf Nanjing, die Stadtmauer, ein Yangtze-Ärmchen und den Löwenhügel allgemein hatte.

Ausnahmsweise ist auch das Mittagessen einer Erwähnung Wert, denn nach fünf Monaten habe ich es endlich geschafft, eine (die einzige…) Nanjinger Spezialität in einem Restaurant zu finden und zu bestellen: YanShuiYa (盐水鸭), wörtlich „Salzwasserente“. Ein kleines Tellerchen mit geschnittener, kalter Ente, in der man einen Teil dessen anfindet, das jedem anderen Essen hier grundsätzlich fehlt: Salz! Als Deutsche muss ich zwar kulturgerecht sagen, dass es eben wie „normale“ kalte Ente geschmeckt hat, aber weil „normal“ hier eben nicht normal ist, haben wir außerhalb der Norm eine „versalzene“ Ente gegessen. Yay.

Die glorreichen Idee, einem Taxifahrer praktisch 10元 zu schenken, damit er uns zwei Kreuzungen weiter zur Yangtze-Brücke fährt, war dann eine weniger gelungene Fortsetzung des Nachmittags. Nicht wegen des einen Euros, sondern weil sie die weitere Idee nach sich zog, die Brücke etwas entlangzulaufen, da sie als Sehenswürdigkeit Nanjings verzeichnet ist. Der sehenswerte Teil befand sich 30 Minuten Fußmarsch von einem Ende entfernt und bestand aus einem nebligen Blick über den Yangtze sowie zwei sozialistisch „angehauchten“ Statuen. Womit wir uns wieder auf dem Rückweg befanden…

Damit nicht genug des touristischen Fleißes. Heute Morgen riss uns der Wecker aus einem wieder viel zu kurzen Schlaf, um uns zum Bahnhof zu schicken. Zwischen einer vollen Ladung Nanjing und dem Praktikumsbeginn steht noch eine kleine Reise auf dem Plan. In die Hauptstadt der Nachbarprovinz Hubei: Wuhan. Angeblich eine Metropole, die nach Shanghais Maßen strebt, und bezüglich der Baustellenfülle bemüht sich die Stadt wirklich, dem großen Bruder nachzueifern. Nur hat das wohl andere Gründe…

Details zur heute begonnenen Vier-Tage-Reise folgen, sobald etwas Berichtenswertes… zu berichten ist. Schönes Wochenende!



Tiefpunkt
27. Januar 2010, 12:40
Filed under: Studium und Praktikum

Der Januar war bisher der schlimmste Monat dieses Jahres.
Oh ja, die intellektuelle Tiefe und Wahrheit dieser Aussage lässt sich nur schwer leugnen. Und so blicke ich zurück auf einen Monat panischen Dahinvegetierens voller Schlaflosigkeit und Visumsängste.

Wurzel allen Übels ist natürlich das hier schon öfters erwähnte Praktikum, das ich dringend brauche. Der Ende Februar auslaufende Mietvertrag wäre dabei nicht einmal annähernd das Hauptproblem gewesen, sondern vielmehr das ebenfalls Ende Februar auslaufende Visum. Ohne Arbeit kein Visum, kein Visum = „Tschüß, danke für den Besuch in China.“

Verkürzt wird dieser Zeitraum noch einmal vom nahenden Frühlingsfest ab 14. Februar, was nach allem Hörensagen so etwas wie Weihnachten, Ostern und Sommerloch an einem Tag, sieben Tage lang sein wird. Kurz gesagt: Da arbeitet keiner. Und da ich nicht dazu geboren bin, herumzureisen und zu lächeln, während ich kurz davorstehe, aus dem Land geschmissen zu werden, musste ich den Januar unter selbst auferlegtem Hausarrest verbringen.

Zwischenzeitlich hatte ich ein Praktikum. – für ganze sechs Stunden! Schade, dass ich eher an sechs Monate gedacht hätte. Im Silvesterbeitrag erwähnte ich ja ein Vorstellungsgespräch bei einer Pekinger Firma. Nun ja. Die Freude war natürlich groß, als ich eines schönen Donnerstags um 12 Uhr die telefonische Zusage bekam. Noch schöner wäre es gewesen, wenn die Firma nicht um 18 Uhr noch mal angerufen hätte, um zu sagen, dass ich die Stelle doch nicht haben kann. Die glorreiche Begründung: Das Stammhaus in Deutschland meinte, aufgrund der Finanzkrise keine Praktikanten mehr einstellen zu können. . . . What the f***?! Entschuldigung, aber ja, natürlich! Weil es die Finanzkrise erst seit gestern gibt. Weil ihr zwei Monate lang nach Praktikanten sucht, um nach der Zusage erst mal nachzufragen, ob das überhaupt funktioniert. Weil ihr eure Kompetenz einem Leiharbeiter in der Metro geklaut habt. – Den Namen des Saftladens lasse ich hier bewusst außen vor, aber sagen wir es so: Es handelt sich um einen internationalen Großkonzern – und Verzeihung, das ist peinlich. Intelligenzallergiker!

Fröhliches Weiterbewerben Mitte Januar, etwas mehr als einen Monat vor Visumsablauf und meine innerliche Countdown-Uhr hing bedrohlicher über mir als die Uhr in Watchmen. Zu zwei weiteren zwischenzeitlich erfolglosen (telephonischen) Bewerbungsgesprächen will ich nicht viel sagen. Außer dass mir die Erfolglosigkeit erst mehrere Tage verspätet per e-Mail mitgeteilt wurde, nachdem ich gezielt per Telephon nachgefragt hatte. Bringt meinen Blutdruck auch zum Steigen, ist aber noch zahm im Vergleich zum Verhalten der Pekinger Affen. Von daher: Was soll’s.

„Ach, dann studier ich halt noch ein Semester“ lässt sich auch leichter sagen als durchführen. Erstens bin ich an der Nanjing University bereits exmatrikuliert, hab all meine Dokumente in Händen und weiß nicht, ob ich einfach so wieder hinspazieren und weitermachen kann. Klar, mit dem nötigen Kleingeld geht alles, aber das bringt mich zum nächsten Punkt. Zweitens hatte ich nie vor, mein Studium hier zu verlängern und hab ich dementsprechend auch nicht um eine Ausweitung des DAAD-Stipendiums bemüht. Wäre innerhalb der Frist problemlos möglich gewesen, aber wenn dieser Zug in China abgefahren ist, befindet er sich jetzt bereits in Amsterdam. Die 1.000 Euro Studiengebühren müsste ich also selbst zahlen.

Abgesehen davon, hat sich für diese Variante anscheinend unser halber Studiengang entschieden. Schön wenn man alles rechtzeitig in die Wege geleitet hat – das Sprachstudium lohnt sich schließlich auch sondergleichen. Ich brenne darauf, die Reaktionen unserer Zwickauer Professoren zu hören und zu sehen, die mit Vorschlaghammer und Brecheisen versucht haben, den achtsemestrigen Diplomstudiengang in einen Bachelorstudiengang mit sieben Semester und zu pressen. Und dann studiert die Hälfte der Bachelor doch acht Semester. Genial. ^^

Bringen wir’s zuende: Ich habe ein Praktikum!

Entschuldigt die unmetaphorische und stilistisch langweilige Ausdrucksweise, aber JA, ich habe endlich ein Praktikum! Seit gestern, das heißt die sechsstündige „Pekinger Frist“ ist auch bereits verstrichen. Letztendlich lief die Vermittlung doch über eine Praktikumsagentur, deren Gebühr ich aber gern zahle, und schließlich lag die Entscheidung trotzdem beim Geschäftsführer der Firma, den es beim (wieder telephonischen) Bewerbungsgespräch zu überzeugen galt. Über die Stelle selbst wird später berichtet, aber so viel jetzt: Ab 08. Februar werde ich in Qingdao sein!

So. Wir werden sehen, was die Zukunft bringt. Ich geh erst mal raus sammel meine Nerven wieder ein, die ich in der gesamten Wohnung und halb Nanjing verloren haben muss. Vielleicht hilft mir meine Besucherin aus Shanghai dabei.



Nanjing ist süß
6. Januar 2010, 12:22
Filed under: China-Impressionen, Sightseeing und Reisen

Meine Damen und Herren, herzlich Willkommen im neuen Jahr.

Neben den besten Wünschen für alle meine Lieben steht auch gleich das ultimative „Ich-war-in-Shanghai“- Beweisfoto: Ein Bild vor dem Schild am Eingang der Nanjing Road (南京路), der „Schlagader“ Shanghais. Eigentlich nur eine sehr breite Einkaufsstraße mit westlichen Preisen und Edelmarken, aber ein Foto vor besagtem Schild braucht man als Shanghai-Tourist einfach und deshalb hätte es auch viel zu viel Geduld gebraucht darauf zu warten, mal allein auf dem Foto zu sein. (Den Chinesen neben mir kenn ich nicht. Er wollte schon weggehen, aber als er sah, dass ich Ausländerin bin, hat er sich doch wieder vors Schild gestellt.)

Das Bild entstand erst am Samstag, doch dem gemeinsamen Teppanyaki-Essen mit fast allen Zwickauer Kommilitonen am Silvesterabend folgte nicht mehr viel. In einer kleinen Gruppe sind wir mit dem Taxi zum Fluss gefahren, um uns dort das Feuerwerk anzuschauen. Leider hatten auch ein paar gefühlte Millionen an Chinesen diese Idee und so standen wir zeitweilig im 45°-Winkel ohne Boden unter den Füßen und konnten uns lebhaft vorstellen, wie in Extremfällen eine Massenpanik zustande kommen kann.

Aber um es nicht zu negativ zu sehen: Letztendlich hatten wir Punkt 12 einen sicheren Standort gefunden und konnten das Feuerwerk bewundern. Nach fünf Minuten war leider alles schon wieder vorbei und an der sich im Sekundentakt lichtenden Menge war gut erkennbar, dass der westliche Jahreswechsel für Chinesen auch nur eine Pflichtveranstaltung ist. Ich freu mich aufs Frühlingsfest. ^^

Die Suche nach einem Club, der sowohl nicht ausverkauft als auch besuchenswert war, blieb weitestgehend erfolglos, sodass ich mit Ja. schon nach kurzer Zeit wieder zu ihrer Wohnung gefahren bin. Ich hatte das Glück, kein Hotel buchen zu müssen, sondern bei zwei Freundinnen (A. & Ja.) übernachten zu dürfen.

Ja. hatte mir auch zuvor bereits den Lu-Xun-Park (鲁迅公园) gezeigt, einen Park in Shanghai, der zu Ehren des chinesischen Schriftstellers Lu Xun erbaut wurde. Dank Palmen, Wasserflächen und sonnigem Wetter auch im Winter recht sehenswert.

Den Freitag habe ich praktisch verschlafen und irgendwie trotzdem kein schlechtes Gewissen deswegen. Also überspringe ich den und komme zum Samstag, an dem wir den People’s Square (人民广场), die bereits oben erwähnte Nanjing Road sowie den aus Ansichtskarten berühmtesten Stadtbezirk Shanghais besuchten: Pudong.

Das Wirtschaftszentrum Shanghais mit einem Großteil der bekannten Wolkenkratzer ist mit einer Fläche von 522 km² mehr als doppelt so groß wie Frankfurt und wurde effektiv innerhalb der letzten 20 Jahre aus dem Boden gestampft. Beeindruckend? Ja, schon, nur leider teile ich die Meinung fast aller, die schon mal in Pudong waren: Außer Wolkenkratzern gibt’s da nix.

Für eine Tagestour haben mir die Wolkenkratzer aber gereicht. Exemplarisch für den Rest ihrer Artgenossen posieren auf dem Bild der Jin Mao Tower (vorn) und das World Financial Center (hinten). Letzteres ist übrigens das höchste Gebäude der Volksrepublik und derzeit auch das dritthöchste der Welt. Jeder vernünftige Deutsche wird die Spitze wohl sofort mit einem Flaschenöffner assoziieren (Ich auch.), aber da die Architekten eher zu den Teetrinkern gehörten, soll das (begehbare) „Loch“ existieren, um einen Drachen hindurchfliegen zu lassen. (Und es sieht trotzdem aus wie ein Flaschenöffner.)

Im rechteren der beiden Gebäude – wie bereits erwähnt, dem Jin Mao Tower (金茂大厦) – sind wir in den 88. Stock gefahren, um aus 340 Metern Höhe auf Shanghai blicken zu können. Wäre mit Sicherheit ein sehenswerter Anblick gewesen, wenn der Smog nicht gewesen wäre. Schade.

Es folgt das zweite klischeegemäße „Ich-war-in-Shanghai“-Bild: Ein Foto vorm Oriental Pearl Tower (东方明珠塔). Und obwohl die oben erwähnten Fotos vom Aussichtsdeck nicht sehenswert sind, muss ich sagen, dass auch das hier ein perfektes Symbolfoto für die typische Skyline Pudongs ist: Baustelle, Wahrzeichen, irgendein Gebäude, Baustelle, Wahrzeichen, Baustelle,… und so weiter. ^^

Was bleibt, ist eigentlich nur die Rückfahrt nach Nanjing am Sonntagabend. Nachdem Ja. mich noch über den ungelogen schwer beeindruckenden Campus der Tongji-Universität geführt hatte, musste ich mich schon wieder auf den Weg zum Bahnhof begeben.

Meine Schlussfolgerung nach diesem verlängerten Wochenende? Siehe Titel dieses Blogeintrags: Nanjing ist süß. Man braucht nicht eine Stunde, um von A nach B zu kommen; es ist auch zu Stoßzeiten ruhiger auf den Straßen; fast alles ist billiger; und es gibt mehr historische Sehenswürdigkeiten. Und trotzdem: Das verlängerte Wochenende war jede seiner Sekunden Wert!

Tja, und jetzt? Ich bin seit drei Tagen zurück in Nanjing und stelle fest, dass ich krank bin. Super. Wie schaffe ich das eigentlich, aus jeder größeren Stadt Chinas einen Ableger der Schweinegrippe mit nach Hause zu bringen? Schlimmer als die Halsschmerzen sind allerdings die Selbstdiagnose-Websites im Internet. Die unschuldige Suche nach einem Hausmittel gegen Schmerzen beim Schlucken brachte mich zu der Erkenntnis, dass ich auch Diphtherie, eine Kehldeckelentzündung oder diverse Tumore haben könnte. Wer sich sowas freiwillig durchliest, liest auch Packungsbeilagen…

In diesem Sinne: Frohes neues Jahr.