Zu Besuch im Land der Tausend Farben


Stressige Stille
28. Februar 2010, 06:37
Filed under: Babys erste Schritte, Studium und Praktikum

Wieder einmal stehe ich vor dem gleichen Problem, dem ich mich auch nach Studienbeginn in Nanjing stellen musste: Alltag. Und damit einem gewissen Mangel an Ereignissen, von denen ich im Blog berichten könnte. Hm.

Selbst am Hochladen eines simplen „Ich bin immer noch in Qingdao“ – Beweisfotos will mich das Wetter hindern. Ein Bild von grauem Himmel und Nebel vermittelt nicht gerade den positiven Eindruck, den ich gern von der Stadt hinterlassen würde, und den Versuch eines Fotos bei Nacht und klarer Luft vereitelt meine Digicam recht erfolgreich. Der Platz des Vierten Mai mit dem berühmten roten „Kreisel“ im Hintergrund wäre ein solches Foto wert gewesen, aber alles, was dabei herauskommt, ist das:

Mäh.

Dafür macht wenigstens das Praktikum auch nach 14 Tagen noch Spaß und ich habe nicht das Gefühl, nur dort zu sein, um Wind um die Ecke zu schaufeln, sondern bin beschäftigt. Letztens habe ich für diese zwei Februarwochen auch ein halbes Monatsgehalt bekommen. 500元 (bzw. 1000元 für einen vollen Monat) sind zwar, wie auch mein Chef oft sagt, wirklich nur ein Taschengeld, aber besser als überhaupt nichts. Und wer will bei 50 € Cash schon undankbar sein?



Schwarzroter Schnee und Schweineställe
18. Februar 2010, 11:06
Filed under: Babys erste Schritte, Home Sweet Home

Langsam nähert sich die Woche des chinesischen Frühlingsfests dem Ende und das merkt man nicht nur beim Ablesen des Kalenders, sondern auch an den merklich ruhigeren Straßen, in denen endlich nicht mehr zehnmal pro Stunde Feuerwerke und/oder Knallkörper gestartet werden, wie innerhalb der letzten 10 Tage. Kein Wunder, dass der Schnee immer noch schwarz von Ruß und rot von Konfetti ist.

Aber auch abgesehen vom Feuerwerk begann das neue chinesische Jahr für mich erfolgreich: Seit gestern wohne ich in meiner eigenen Wohnung! Was sich alles hinter diesem kurzen Satz verbirgt, folgt im heutigen Blogeintrag…

Dass ich 15 Minuten auf die Vermieterin warten musste, ist mit dem kulturell toleranten Blick auf die deutsche Über-Pünktlichkeit noch zu verschmerzen. Nicht so aber das, was mich nach Umdrehen des Schlüssels erwartet hat: Der gute Herr Vormieter war noch nicht ausgezogen. Ganz ehrlich, auf diesen Anblick war ich nicht vorbereitet und die Vermieterin auch nicht: Seine Sachen, von der Hose bis zum Zigarettenstummel, lagen überall in der Wohnung verteilt, leere Dosen stapelten sich neben der Tür, und die Staubpartikel waren gerade dabei, sich zu eigenen Staatsformen zu organisieren, um sich gegen die Invasion der Plastikreste zu wehren.

Wer mich kennt, der weiß, dass meine Ansprüche an die Sauberkeit meiner Wohngefilde noch nie in meinem Leben dem elterlich erwünschten Optimum entsprochen haben. (Sprich: Ich schalte oft und gern meine selektive Wahrnehmung ein, räume Bett und Computer frei und bin zufrieden.) Aber das war selbst für mich zu viel.

Der Vormieter a.k.a. Vorbesitzer des Schweinestalls? Keine Spur von ihm. Auch ans Telephon konnte ihn die Vermieterin nicht kriegen, aber nach diversen Anrufen konnte sie zumindest herausfinden, dass er „krank“ sei wegen des „Frühlingsfests“. Ja. Logisch. Er ist krank. Sicher.

Sie, ihr Mann und die Hausverwalterin haben letztendlich jeden Beutel, den sie finden konnten, hinzugezogen und alle Besitztümer, die nicht zur Wohnungsausstattung gehörten, hinausgekarrt, von der Bettwäsche bis hin zum Feuerzeug. Ich durfte brav auf der Couch sitzen und wollte mich mit einer Runde „Zeige mir deinen Müll und ich sage dir, wer du bist“ beschäftigen, doch das mögliche Ergebnis hat mich dann doch abgeschreckt. Neben einigen blassen Hemden und Zigarettenstummeln fanden sich auch ein halb leergegessener Topf mit verkrusteten Nudeln, eine noch verschlossene Flasche Spülmittel, ein blitzblanker Besen, eine Kreditkarte sowie eine Hello-Kitty-Wanduhr. Macht daraus, was ihr wollt.

Den Rest des gestrigen Tags konnte ich mit Putzen und Einkaufen verbringen. Ersteres ließ sich dank Hilfe der Vermieterin noch recht schnell erledigen, aber zum Supermarkt musste ich mehrfach laufen, um mich mit diversen „Einrichtungsgegenständen“ zu versorgen. (Topf, Teller, Schüsseln, Bettwäsche, Ess-Stäbchen, Mop,…) Zwar bin ich insgesamt sicher nicht mal drei Kilometer gelaufen, dafür sind mir nach jedem Meter beinah die Arme abgefallen (Ja ja, einfach nix gewohnt, das Mädel…) und gegen Abend konnte ich mich völlig fertig aufs Sofa fallen lassen. Überraschenderweise sogar mit Internetverbindung, obwohl mir diese ursprünglich erst für kommenden Sonntag versprochen wurde.

Wieder eine Bemerkung, die Leute, die mich kennen, nachvollziehen können: Gebt mir ein warmes Zimmer, einen Laptop und Internetanschluss – und ich bin glücklich. ^^

Zu guter Letzt möchte ich niemandem Fotos meiner neuen 56m² vorenthalten. Die Wohnung liegt im siebten Stock eines relativ neuen Gebäudes, leider nicht ganz zentrumsnah, aber innerhalb von 40 Minuten kann ich zur Arbeit laufen und statt 5 laufe ich nun eben 10-15 Minuten zur nächsten Nahrungsquelle abgesehen vom Supermarkt. Na und?

Wände sind sooo aus der Mode gekommen, nicht wahr?

Linkerhand befindet sich noch das Waschbecken sowie die Tür zum 1,5m²-Badezimmer/Dusche/Toilette.

Und das ganze noch einmal vom Fenster aus. Klein, warm und gemütlich. Und mit Waschmaschine, ein weiterer Fels auf dem Berg meiner Bequemlichkeit. ^^



Alles aussteigen bitte, Neustart an der nächsten Ecke links
14. Februar 2010, 09:27
Filed under: Babys erste Schritte, Studium und Praktikum

12 Stunden über Nacht in einem Bummelzug inmitten von Taschen, Koffern und Chinesen zu sitzen, ist keine Erfahrung, die man im Leben mal gemacht haben muss. Aber hey, kurz nach 6 Uhr morgens kam ich gestern vor einer Woche endlich am Bahnhof an, wurde abgeholt, zum Hostel gebracht, und hab mich ins Bett gelegt. Neben der Müdigkeit siegte auch das Glücksgefühl, mein gesamtes Gepäck aus Nanjing sicher in den Nordosten Chinas transportiert zu haben: Mein Koffer stieß schon fast an die Grenzen der Physik, noch bevor ich noch Jacken und Schuhe darin platzieren konnte. Irgendwie hat er es heil überstanden, auch wenn das durch Naturgesetze meiner Meinung nach nicht zu erklären ist.

Kurz nach 12 Uhr Mittags machte sich ein drohendes Leeregefühl in der Magengegend bemerkbar. Seltsam, anscheinend waren die sechs Oreo-Kekse und 100ml Wasser innerhalb der letzten 18 Stunden doch nicht ausreichend. Hm. Sowas.

Gleich am ersten Tag konnte ich mich mit Chr., Kommilitonin aus Zwickau, wohnt hier in einer Fastfamilie, treffen, um gemeinsam den Fernsehturm zu erklimmen, von dem wir trotz leichtem Nebel einen schönen Blick über alle Teile Qingdaos hatten, die im nächsten halben Jahr für uns relevant sein werden.

Was mich gleich zum nächsten Punkt bringt: Qingdao ist winzig. Ich dachte schon, Nanjing sei recht übersichtlich und (mit genügend Zeit) auch zu Fuß erlaufbar, aber im Vergleich dazu ist Qingdao eine noch kleinere Dimension von „süß“. Ich persönlich finde es großartig. (Diesmal selbst ohne Sarkasmus!) Obwohl ich am Nordende eines Stadtteils wohne, kann ich innerhalb von 30-40 Minuten zur Arbeit am Südende (fast am Meer) laufen. Andere Fortbewegungsmöglichkeiten sind zahlreiche Busse (Stadtplanlesen für Fortgeschrittene…) sowie Taxis (Startpreis 6-10元, in Nanjing waren es 9元). Metro gibt es nicht und nun, meine Damen und Herren, halten Sie sich fest: Fahrräder auch nicht. Zweiräder sind im Stadtzentrum verboten und als ich das gehört hab, hab ich endlich begriffen, warum mir die Stadt so ruhig vorkam: Keine Fahrradklingeln und keine mordlustigen Kamikazefahrer, die einen jeden Moment von hinten attackieren können. Yay!

Als brave Angestellte komm ich natürlich auch nicht drum herum, Werbung für meinen Vorgesetzten auf Zeit zu machen. In diesem Sinne: Seit Montag bin ich offiziell Mitarbeiterin Nummer 4 bei Ger-Lin Consulting. Also, wenn ihr euren Unternehmensstart in China plant, ihr hier Produkte ein- oder verkaufen wollt, wisst ihr, an wen ihr euch wenden sollt. Ja? Ja???

Praktikantentechnisch habe ich große Fußstapfen zu füllen, die meine Vorgänger hinterlassen haben, doch ich kann die kommenden Monate mit Arbeit verbringen, die mir Spaß macht: Am PC.

Springen wir zum aktuellen Stand: Noch immer wohne ich im Hostel, kann aber ein Viererzimmer mein Eigen nennen, da während des Frühlingsfests hier sonst niemand ist. Das gilt übrigens auch für die Mitarbeiter und Besitzer, sodass ich auch den Schlüssel zum Kettenschloss habe, das die Haustür verriegelt. Nun ja.

Das heißt nicht, dass ich diese Woche nicht schon anderweitig auf den Beinen war: Wieder einmal hab ich mich auf Wohnungssuche begeben, diesmal nur mit meinen eigenen Chinesischkenntnissen bewaffnet, und die haben es dem Mädchen aus der Makleragentur auch sicher nicht leicht gemacht. Die gute Nachricht ist, dass ich voraussichtlich am Mittwoch in meinen eigenen vier Wänden Einzug halten darf. Und das ist bitternötig – da war ich schon überglücklich, dem diesjährigen deutschen Winter entkommen zu sein, und was passiert in Qingdao? Es fängt an zu schneien. Selbst ohne Minusgrade war es im Hostelzimmer, dessen Klimaanlage nur Dekorationszwecken zu dienen scheint, schon eiskalt. Na ja, was dich nicht stark macht, bringt dich um… Oder sowas in der Art…

Und um diesen Eintrag gutgelaunt zu beenden: Frohes neues Jahr! Ich wünsche allen einen guten Start ins Jahr des Tigers!



Wuhan die Zweite
6. Februar 2010, 10:01
Filed under: Sightseeing und Reisen

Nach dem Motto: „Wenn ich den Eintrag jetzt nicht schreibe, schreibe ich ihn nie“, mache ich mich an die Zusammenfassung der zweiten Hälfte des Vier-Tages-Ausflugs nach Wuhan, der nun auch fast vier Tage zurückliegt und schon wieder ein ganz neuer Lebensabschnitt für mich begonnen hat. Typisch – wochenlang passiert die Verkörperung von „Gar Nichts“ und seinem Bruder „Absolut Nichts“ und plötzlich komm ich nicht hinterher.

Ich würde den dritten Reisetag gern mit „Drei-Schluchten-Staudamm“ überschreiben, aber eigentlich wäre „Busfahren bis zum Hirnerweichen“ eine adäquatere Charakterisierung. Meine Begleiterin konnte mich überzeugen, eine Tagestour zu besagtem Damm zu unternehmen, nachdem wir im Hostel das Plakat einer entsprechenden Agentur gesehen hatten. Versprochen wurden Abholung vom Hostel und, kurz gesagt, Verfrachtung von einem Bus in den nächsten bis zum Staudamm, inklusive Rückfahrt auf selbem Wege. Alles für etwa 40 Euro. Nun ja, abgeholt wurden wir. In der Kurzfassung lässt sich die erste Tageshälfte beschreiben mit: 20 Minuten Taxi, 1 Stunde Minibus (Umringt von 10 Chinesen und nicht funktionierenden Sitzlehnen.), 3,5 Stunden Langstreckenbus (Mit Toilette, dankeschön!) und 5 Minuten Laufen zur Agentur in Yichang, mit einem marginal englischsprechenden Chinesen, der uns vom Busbahnhof abholte. Mit einem etwas kleineren Bus und einer marginal besser englischsprechenden Reiseleiterin tuckerten wir erst mal eine Stunde lang durch Yichang, um hier und da weitere chinesische Touristen abzuholen, bis der Bus endlich voll war.

Der Staudamm, den wir nach weiteren 40 Minuten Fahrt erreichten, war das, was man sich darunter vorstellt: Riesig. Groß, hoch, lang, breit. Was der Reisegruppe während der Fahrt von Aussichtspunkt zu Aussichtspunkt erzählt wurde, haben wir nicht verstanden, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sich in den zahlreichen Mammutzahlen auch die 2 Millionen Menschen befinden, die für den Bau umgesiedelt werden mussten, ganz zu schweigen von Städten und Tempeln, die schlichtweg geflutet wurden, oder den Bakterien, die im angestauten Wasser jetzt Krankheiten verursachen. Aber nun ja, die nun im Bergland lebenden Bauern haben wir nicht gesehen, stattdessen viele Arbeiter, die brav ein Pflänzchen nach dem anderen in den Boden setzen, um Damm, Werft und Umgebung optisch und touristisch aufzuwerten. Einen entsprechenden Park gibt es bereits, und Tausende von jungen Bäumen stehen wie die Zinnsoldaten brav auf riesigen Flächen nebeneinander, um später mit ihrem Grün den Blick auf die angestrebten Vorteile des Staumauerbaus zu verweisen – Hochwasserschutz, Stromerzeugung und Wassertransfer.

Den Rückweg würde ich gern aus meinem Gedächtnis löschen. Dass uns die Reiseleiterin während der Fahrt verlässt und sagt, wir sollen einfach dem Fahrer folgen, ist noch zu verschmerzen. Im Grunde wurden wir von einer Hand in die nächste gereicht, um schließlich in einem Langstreckenbus zu landen, dessen Fahrer mir um 10 nach 7 sagt, es gehe um 7 los. Danke, Sie mich auch. Nach den nächsten dreieinhalb Stunden war ich glücklich wie lang nicht mehr, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Dieses Mistvehikel wurde nur noch von Farbe und Fahrtwind zusammengehalten und jede Unebenheit hat sich wie ein metertiefes Schlagloch angefühlt… Ja, die Freude beim Aussteigen wäre noch ein Stückchen größer gewesen, wenn… uns der Busfahrer nicht einfach mitten in Wuhan rausgeschmissen hätte. Abholung von wo bitte? Gut, wir hatten die Adresse des Hostels und Geld fürs Taxi, aber was machen bitte Reisende, die das nicht von sich behaupten können, sondern sich auf die Agentur verlassen?

Schlussfolgerungen des Tages:

1.) Ich war an einer der größten Staumauern der Welt und habe Fotos davon. Das nimmt mir keiner mehr.
2.) Yichang ist eine wirklich sehr schöne Stadt, sowohl tagsüber als auch des Nachts hat sie einen hübscheren Eindruck gemacht als Wuhan – und das, obwohl wir sie fast nur vom Bus aus gesehen haben.
3.) China ist zu groß für mein Sitzfleisch. Aber das wusste ich auch schon vorher, es bestätigte sich also nur.

Im Gegensatz dazu war letzte Tag unglaublich entspannt. Der strömende Regen ließ das warme Bett doch irgendwie attraktiver aussehen als einen weiteren Tempel, sodass wir gegen Mittag lediglich noch zur Jianghan Road (江汉路) gefahren sind, der Nobel-Einkaufs-Fußgängerzone Wuhans. (Vergleichbar mit der Nanjing Road in Shanghai, nur einige Dimensionen kleiner.) Auch dort sind noch einige nette Fotos entstanden und nach den Erlebnissen des Vortags war auch die dreistündige „Heimfahrt“ nach Nanjing denkbar erträglich.

Warum „Heimfahrt“ in „“? Wie schon eingangs angedeutet, hat wieder einmal ein neuer Lebensabschnitt begonnen – diesmal in Qingdao. Nanjing kann ich offiziell nicht mehr als „zu Hause“ bezeichnen, die Schlüssel sind abgegeben und meine Besitztümer aus der Wohnung gewandert. Und bevor ich sentimental werde, beende ich diesen Blogeintrag, den ich irgendwann innerhalb der nächsten Tage mit meinen ersten Qingdao-Eindrücken fortsetzen werde.