Zu Besuch im Land der Tausend Farben


So viel Zeit, so wenig zu sagen
14. April 2010, 05:16
Filed under: China-Impressionen, Studium und Praktikum

In Ermangelung eines 36-Stunden-Tags bleibt unter der Woche neben dem Praktikum nicht viel Freizeit für mehr als Essen und abendliches Internet-Surfen. Und in Ermangelung chinesischer Bekannter sehen auch die Wochenendaktivitäten eher mager aus. Nicht dass ich mich beschweren will: Nach der vergangenen und laufenden Arbeitswoche habe ich jede Minute in meinem Bett genossen, von dem ich mich auch bis Mittag nicht trennen wollte.

Der wesentliche Grund dafür liegt in den aktuellen Überstunden im Praktikum: Vorstellungsgespräche! Mit Freude darf ich feststellen, dass ein Kunde der Consultingfirma, in der ich arbeite, nach neuen Mitarbeitern sucht und ich somit auch HR-Erfahrung (HR = Human Resources = Personal… Erklärung für Nicht-BWLer.) sammeln kann! Was anfing mit „Lesen Sie sich mal den Lebenslauf durch“ wurde im Rahmen diverser Geschäftsreisen bald zu „Wir müssen Office Manager interviewen. Machen Sie das mal.“ … WAS?! Hm, ich bin seit zwei Monaten Praktikantin und habe weder Arbeitserfahrung, noch Ahnung vom Job eines Office Managers, noch je in meinem Leben selbst ein Vorstellungsgespräch geführt. – Okay, auf geht’s!

Ohne mit Details nerven zu wollen: Es ist nett, mal auf der „guten“ Seite des Schreibtischs zu sitzen, wobei es definitiv eine Herausforderung ist herauszufinden, wer der Office Manager in spe tatsächlich Führungstalent hat und wer bestenfalls mal Tickets gebucht und Tee eingeschenkt hat.

In Deutschland war auch irgendwas… Ach ja, Ostern. Nicht dass das Einfluss auf mich gehabt hätte. Viel relevanter war dann seltsamerweise das am gleichen Sonntag stattfindende Grabpflegefest (Tomb Sweeping Day, 清明节 Qingming Jie), was ich entfernt mit dem westlichen Totensonntag vergleichen würde. In diesem Zusammenhang war auch Ostermontag arbeitsfrei und ich habe das verlängerte Wochenende genutzt, mich endlich zu einem Friseurbesuch in China durchzuringen. Was das betrifft, scheine ich das Gegenteil der durchschnittlichen Germany’s-Next-Topmodel-Teilnehmerin zu sein.

GNTM vorher: „Klar, ihr könnt alles mit mir machen.“

GNTM nachher: „Buhu, ich werde auf ewig entstellt sein, weil Haare ja nie nachwachsen…“

Ich vorher: „Oh Gott, es wird so schlimm aussehen, aber dieses widerliche Stroh muss einfach ab…“

Ich nachher: „Hey. Geht doch.“

Etwa 15 Zentimeter Haar und 15 Euro ärmer (ein verdammter Bruchteil des Vermögens, das in Deutschland gelöhnt werden muss) und wohl trotzdem abgezockt worden. Na egal. Faszinierend übrigens, mit wie wenig Vokabular man zu einer neuen Haarpracht kommt. Wortlos kann gestikuliert werden, wie weit sie abgeschnitten werden sollen und die Beschreibung „Ich will morgens aufstehen, kämmen und fertig sein“ reicht aus. (Wobei ich letzteres auch in Deutschland immer sage.)

Nun ja, bevor hieraus ein Blogeintrag entsteht, dessen Hauptpunkt meine neue Mähne ist, beende ich das hier lieber. Hauptsache, ich hab ein Lebenszeichen entsendet.