Zu Besuch im Land der Tausend Farben


Mal ein entspannter Eintrag
24. Mai 2010, 12:23
Filed under: Home Sweet Home

Schon wieder Mai. Und obwohl noch über zwei Monate im Land der Nudelsuppen und spuckenden Passanten vor mir liegen, merke ich, dass sich das Chinajahr dem Ende neigt – daran, dass schon die ersten Mitstudenten ihre Lager hier abbrechen und entweder China bereisen oder sich wieder heimischen Regionen zuwenden.

Ich persönlich weiß noch nicht, was ich von dieser sich mir nahenden Zukunft halten soll. Ich lerne Qingdao kennen, liebe meine Wohnung, vermisse kein deutsches Essen, ohne dass ich es nicht auch noch ein paar Monate aushalten würde, und bin nicht täglich mit derart vielen chinesischen Un- oder Abarten konfrontiert, dass ich tränenüberströmt die Tage und Stunden bis zum Abflug zählen würde. Da es andererseits aber auch nichts gibt, was mich mit Fesseln und Klammergriffen hier hält, sehe ich den nächsten Monaten gelassen entgegen. Mindestens bis zum Studienbeginn im Oktober und dem fies grinsenden Gesicht der Realität.

Arbeitstechnisch betrachtet war der Mai überraschend sightseeing-lastig. Gut, genau genommen waren es nur zwei Nachmittage, an denen ich mit einem weiteren Praktikanten mit Digitalkamera bewaffnet auf Fotosafari für die Firmenhomepage gegangen bin, aber die Abwechslung vom Arbeitsalltag war willkommen und angenehm. Das Wetter präsentiert sich derzeit in wunderbar mild-warmen Frühsommertemperaturen und hätte damit nicht besser sein können. Auch als ich am vergangenen Wochenende Kommilitoninnenbesuch aus Wuxi bekam, wurden wir an zwei von drei Tagen von sonnigem Himmel zu Strandspaziergängen eingeladen.

Was gibt es sonst zu berichten? Ich kann meinen Kopf wieder nach rechts drehen. Eine atemberaubende Meldung, die dadurch gerechtfertigt wird, dass es zeitweilig nicht oder nur unter Schmerzen möglich war. Selbst Schuld: Da Massagen hier – wie vieles andere auch – sehr billig sind, habe ich mir für 150元 den Rücken und einige andere Körperteile durchkneten lassen. Ich bin mir immer noch nicht sicher, um welche Art… Etablissement es sich bei dem Massagestudio gehandelt hat, aber der Kleidung der Damen nach zu urteilen, gehen sie nachts noch anderen Tätigkeiten nach… Hm. Nun ja. Wie schon gesagt, bin ich selbst Schuld, wenn ich mir von einer „Teilzeitmasseuse“ den Nacken brechen lasse, und habe bereitwillig in einem anderen Studio noch mal 40元 dafür gezahlt, ihn mir von einem blinden Masseur wieder einrenken zu lassen.

Ich schließe diesen Eintrag also so wie ich ihn begonnen habe: Ganz entspannt.



Vergessenswerter Monatsbeginn
3. Mai 2010, 11:14
Filed under: China-Impressionen

Frohen Maibeginn wünsche ich! Für mich beginnt der Monat mit einem verlängerten Wochenende, was ich normalerweise mit dankbarem Nichtstun zelebrieren würde. Wenigstens am Samstag wollten Chr. und ich allerdings zum Zhongshan Park (中山公园), einer der wenigen begehbaren Grünflächen Qingdaos. (So schön das Städtchen auch ist, Parks fehlen hier wirklich.)

Nun, die Probleme begannen bereits auf dem Hinweg. 45 Minuten Stau. 20 Minuten zwischen zwei Bushaltestellen – und irgendein Affe ist auch noch auf die Idee gekommen, im Bus die Heizung anzuschalten. Das Bild aus dem Inneren der Busse setzte sich draußen fort:

Menschenmassen über Menschenmassen. Keine Möglichkeit, zwei Schritte zur Seite zu treten, ohne ganze Großfamilien über den Haufen zu rennen. Und sie alle quetschen sich die Parkwege entlang, um ihren Weg zu ein paar schattigen Stellen auf den Wiesen zu finden.

An dieser Stelle würde ich gern dem Foto das Reden überlassen, aber ohne Weitwinkelobjektiv ist es schlichtweg unmöglich, die Mengen auf ein Bild zu bringen, das den Wahnsinn ausdrückt… Was um Himmels Willen machen die in dem Park überhaupt? Die Stille der Natur genießen? Wohl eher nicht.

Abgesehen davon sind die Chinesen auch wieder den Tätigkeiten nachgegangen, die sie bei solchen Gelegenheiten am besten vollziehen könnten: Die Füße beim Laufen nicht heben, Entlangschleichen und im Weg rumstehen…

Nachdem wir der Idylle am nächsten Ausgang entkommen konnten, machten wir uns aus Mangel an leeren Bussen oder Taxis auf den Weg zum nur wenige Minuten entfernten Zoo. Auch hier würde ich gern Fotos präsentieren, aber es bricht mir das Herz. Die einzigen Tiere, die dort mehr als zwei Quadratmeter Auslauf hatten, waren ein Tiger- und ein Löwenpaar. Und sonst? Drei Biber in einem Gehege ohne Wasserquelle, Hunde in Käfigen, in denen sie nicht mal aufrecht stehen können, Luchse in Umgebungen, für die westliche Zoos längst verklagt worden wären… und alle offenen Gehege voll von Plastikflaschen, Essensresten und sonstigem Müll, dessen sich die Zoobesucher dort entledigt haben. Traurig, tragisch, widerlich.

So viel zum „Urlaub“. Es war ja absehbar, dass an diesem verlängerten Wochenende mal wieder halb China unterwegs sein würde, aber wer hätte denn ahnen können, dass sich halb China ausgerechnet in diesem Park versammelt? Diese Erfahrung sorgte jedenfalls dafür, dass mich am Sonntag keine zehn Pferde dazu hätten bringen können, meine vier Wände zu verlassen. Und auch heute (Montag) hab ich trotz atemberaubenden Frühlingswetters nur aus Mangel an Nahrungsvorräten einen Fuß vor die Tür gesetzt.

Aber so oder so: Es lebe das Winterende.