Zu Besuch im Land der Tausend Farben


Hongkong-Woche Teil 2 – Sonnenstrahlen im Dufthafen
27. Juli 2010, 07:53
Filed under: China-Impressionen, Sightseeing und Reisen

Mittwoch, 22:00 Uhr – Nutze die Zeit!

Das gebuchte Hostel in der Chungking Mansion war genau so wie beschrieben und erwartet: Ein recht großer Komplex mit vielen Geschäften und Imbissen im Inneren, dazu versteckte Aufzüge zu den 16 Etagen der verschiedenen Gebäudeblöcke. Dazu in jedem Gang herumstreifende Inder, die unschuldige Ausländer in andere Hostels locken wollen oder mit dem zugegebenermaßen ehrlichen Werbespruch „Fake bag! Fake watch!“ auf gute Geschäfte hoffen. So aufdringlich sie auch sein mochten, man konnte sie relativ gut ignorieren und sobald man sich den Weg zum richtigen Aufzug eingeprägt hatte, fand sich auch das korrekte Hostel schnell.

Ein kurzer Blick auf die (kostenlose!) Stadtkarte verriet auch die unglaublich günstige Lage des Hostels: Direkt an der zentralen Metrostation Tsim Sha Tsui (Ja, Kantonesisch ist eine seltsame Sprache…) und nur einen zehnminütigen Spaziergang vom Hafen entfernt.

Letzteres machten wir uns zunutze und schlenderten am Wasser entlang mit einem klaren Blick auf Hong Kong Island auf der gegenüberliegenden Hafenseite, während wir uns noch im auf dem Festland gelegenen Stadtteil Kowloon befanden.

Direkt am Wasser befindet sich das hongkonger Äquivalent zum amerikanischen „Walk of Fame“: Die „Avenue of Stars“ – Namen und Handabdrücke ostasiatischer Filmstars im Boden. Erwartungsgemäß sagten uns die Namen überhaupt nichts, was den Spaziergang allerdings nicht weniger entspannend machte.

Ausklingen lassen konnten wir den Abend dann bei einem Bier im Irish Pub neben dem Hostel. Kurz gesagt: Der Tag endete besser als das Visumstief es hätte vermuten lassen.

Donnerstag, 16:00 Uhr – Streichle die Wolken!

In unser Doppelzimmer im Hostel passten neben einem Mini-Bad mit Duschkopf über der Toilette nicht mehr als zwei Betten und ein Kühlschrank. Doch wie wir ja wissen, ist Platz in Hongkong ein wertvolles Gut und für den gegebenen Preis war die gegebene Anzahl an Quadratmetern mehr als akzeptabel. Genau das merkt man auch, wenn man in den Straßen einen Blick gen Himmel richtet: Man muss ihn erst mal suchen. Hongkongs Stadtgebiet besitzt keine kleinen Häuser. Es ist eine einzige Ansammlung gigantischer Hochhäuser und das hat seinen Grund. Ähnlich wie auch Manhattan in den USA hat Hongkong feste Grenzen in allen Himmelsrichtungen (Norden: China. Osten, Süden, Westen: Meer.) Die einzige Richtung, in die die Stadt noch wachsen kann, ist oben.

Unser Weg am zweiten von drei Tagen in Hongkong führte uns in den Stadtteil, den wir am Vorabend bereits von Weitem bewundert hatten: Hong Kong Island. Nur eine Metrostation entfernt – und meine Güte, ist die Metro in Hongkong teuer! Wenn ich für eine Station in die nächste Tarifzone schon 8 HK$ bezahle, muss ich dann für eine Fahrt zum anderen Stadtende meine Organe verkaufen? Nie wieder werd ich mich über die 4元 beklagen, die in Shanghai für eine ähnliche Fahrt verlangt werden.

Für die Investition wurden wir dann beim Besuch der wirklich hübschen Anlage des Hong Kong Parks belohnt. Zum Glück wurden wir vor den allgegenwärtigen Mücken gewarnt (Danke, Petra!), sodass wir nur selten stehen blieben und von nichts Lebensbedrohlichem ausgesaugt wurden.

Am anderen Parkende begrüßte uns direkt die nächste Station unseres Ausflugs: Der Ticketschalter für die Tram, die uns auf eine der Hügelspitzen Hongkongs brachte. Nur 56 HK$ ärmer und sagenhafte 400 Meter über dem Meeresspiegel bot sich dann der folgende Ausblick, der die Ausgaben voll und ganz rechtfertigte:

Deutlicher lässt sich die Feststellung „Hongkong besitzt keine kleinen Häuser“ nicht in einem Foto festhalten.

Sattsehen konnte ich mich daran nicht. Leider hielt uns ein weiterer Regenschauer davon ab, durch den zugehörigen Park zu laufen, und so stiegen wir erneut in die Tram, die sich an den steilen Bergseiten langsam der Schwerkraft entgegen bewegte.

Mit der Metro erreichten wir noch schnell den ebenfalls auf der Insel liegenden Victoria Park, wobei dieser leider kein Foto rechtfertigt. So schön und grün er auch sein mag, er ist nicht zum Sightseeing angelegt worden, sondern zur Entspannung und zum Zeitvertreib für Anwohner. Also zurück nach Kowloon.

Donnerstag, 21:00 Uhr – Lichtermeer

Beste Nachricht des Tages: Ich hielt mein Touristenvisum in Händen! Mehr als 500 HK$, ein Passfoto und den Pass brauchte das Hostel nicht, um mir innerhalb von weniger als 48h das ersehnte Papier zu besorgen!

In Ermangelung besserer Alternativen führten uns unsere Füße am Abend nochmals zum Hafen. Zufällig erreichten wir das Wasser pünktlich zu einer Show namens „Symphony of Lights“. (Nochmal: Danke für den Hinweis, Petra. ^^) Die Show selbst war unglücklicherweise recht enttäuschend. Ein paar Hochhäuser am gegenüberliegenden Hafen leuchten abwechselnd in unterschiedlichen Farben, mehr oder weniger im Rhythmus zu eingespielter Orchestermusik. Nicht wirklich spektakulär – ich persönlich muss sagen, dass ich die nächtliche Skyline Hongkongs an sich da sehr viel atemberaubender fand.

So schön, dass sich sogar meine Digicam entschloss, ein paar akzeptable Nachtfotos zu schießen. Yay. ^^

Freitag, 14:30 Uhr – Herzklopfen vor der Einreise

Die Abreise aus der Stadt, deren Name übersetzt „duftender Hafen“ bedeutet, lag noch etwa fünf Stunden entfernt, welche wir mit dem Besuch des Kowloon Parks verbrachten. Dieser gefiel mir unerwarteter Weise sogar noch besser als der Hongkong Park. Vielleicht war er abwechslungsreicher? In jedem Fall enthielt er auch eine Raucherterrasse, was sich als günstig für meine Reisebegleiterin Ja. erwies. In Hongkong ist Rauchen in der Öffentlichkeit nur an ausdrücklich ausgeschriebenen Stellen gestattet – jedes andere glimmende Nikotinstäbchen wird mit einer Strafe von 5000 HK$ belohnt.

Ein paar Stunden, einen Schaufensterbummel im Nobelkaufhaus Miramar (beispielsweise mit Hosenträgern für 1000 HK$), einen weiteren Hafenspaziergang sowie einen kurzen Regenschauer später saßen wir bereits wieder im Bus und traten die Fahrt an den berüchtigten Grenzübergang an.

Freitag, 22:00 Uhr – Entspannter Herzrhythmus

Wow. Das dürfte tatsächlich mein einziges chinesisches Visumserlebnis gewesen sein, bei dem es keine Probleme gab. Kommentarlos entließ man mich auch Hongkong und auch bei der erneuten Einreise ins Reich der Mitte wurde mein Pass ohne Beanstandung abgestempelt. – DANKE!

Ganz so glücklich verlief es für viele Passagiere am Flughafen Shenzhens leider nicht. Ihr erinnert euch an die Bemerkung zur Regenzeit in Shanghai im letzten Eintrag? Diese sorgte dafür, dass mehrere Flüge abgesagt wurden und fast alle anderen Flüge mit Verspätungen leben musste. Selbst meinen Flug nach Qingdao, der pünktlich hätte starten können, konnte ich erst nach mehr als einer Stunde Wartezeit im Flugzeug antreten. Zum Glück erwartete mich in Qingdao nichts und niemand weiter als das weiche Bett meiner Wohnung.

Samstag, 0:00 Uhr – Schlussfolgerungen

  • Länderwechsel: Den Wartenschlangen nach zu urteilen, ist es einfacher, aus einem Land herauszukommen, als eines zu betreten. Wie ich feststellen durfte, kann es auch genau andersherum sein und langsam lerne ich die Europäische Union zu schätzen…
  • Flugzeuge: Ganz besonders in einem so riesigen Land wie China, sind Inlandsflüge ein Geschenk des Himmels. Toll, doch es gilt das gleiche wie bei Zügen: Man genießt die Reise nur, wenn das eigene Überleben nicht von der Pünktlichkeit abhängt…
  • Hongkong: Eine vollkommen andere Welt als China. Eigentlich nicht zu vergleichen. Man merkt der Stadt die lange Unabhängigkeit an.

    Pluspunkte: Zahlreiche Parks und Museen im gesamten Stadtzentrum, Hochhäuser überall, Englisch überall – nicht nur auf Schildern, sondern auch aus den Mündern der Einwohner, dazu noch eine sehr saubere Stadt und umgeben von Wasser.

    Minuspunkte: Schriftzeichen sind Langzeichen und Kantonesisch klingt wie Schluckauf. Abgesehen davon: Teuer. Sehr, sehr teuer. Leben könnte ich mir dort nur mit entsprechendem Gehalt vorstellen. In diesem Falle: Klar, schickt mich hin! Alles in Allem finde ich die Stadt wirklich toll und könnte mich schnell an die Hochhäuserschluchten gewöhnen.
  • Bisher schönster Gedanke bezüglich Deutschland: Bald werde ich wieder in einem Land sein, aus dem ich nicht rausgeworfen werden kann! Ein Hoch auf die Staatsbürgerschaft. Leben ohne die eisige Kralle des Visums im Nacken!

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Hongkong-Woche Teil 1 – Regentropfen in Shanghai
27. Juli 2010, 06:17
Filed under: China-Impressionen, Sightseeing und Reisen

Eine Woche, die ich zu 60% mit Schlafen verbracht habe, nach meiner Rückreise aus Südchina bin ich der Meinung, das Trauma langsam aufarbeiten zu können. Was natürlich leicht übertrieben ist, aber trotzdem eine nicht ganz ungenaue Umschreibung meines Rückblicks auf die vergangene Woche. Wenn ich gewollt hätte, hätte ich aus jedem der Unterkapitel einen einzelnen Blogeintrag machen können.

Sonntag, 20:15 Uhr – Flughafengedanken

Mit dem Taxi zum Flughafen, eine Stunde vor Eincheckbeginn angekommen – ja, so liebe ich mir meine Paranoia, so soll es sein. Überteuerte Sandwiches in einem Flughafencafé gegessen, pünktlich eingecheckt, an Bord gegangen, fertig. Interessant: Gerade nachdem ich einen Blogeintrag zur Buskultur chinesischer Mitmenschen hinterlassen habe, sehe ich das gleiche Verhalten in den Airport-Shuttles, welche die Passagiere vom Gate zum Flugzeug fahren. – Die Leute steigen ein, gehen einen Schritt und bleiben direkt im Türbereich stehen, um sich dort gegenseitig wahlweise das Handgepäck oder die Ellenbogen gegenseitig in die Mägen zu rammen. Idioten. Jeder in diesem Bus will zum selben Flugzeug, keiner muss unbedingt früher aussteigen als der andere. Ich versteh’s nicht. Egal, ich hab es mir am Fenster bequem gemacht, den freien Raum um mich herum genossen und die vielen blinkenden Lichtchen beobachtet, die der abendliche Liuting International Airport Qingdaos mir bot, während die letzten Passagiere verzweifelt versuchten, das Gefährt zu betreten.

Sonntag, 23:00 Uhr – Verloren in Shanghai (für zehn Minuten)

Nach sicherer Landung am Pudong International Airport in Shanghai war auch die unverschämt teuere Taxifahrt kein Grund zur Aufregung. Als ich allerdings an der Kreuzung stand, zu der ich von meiner Gastgeberin in Shanghai geschickt wurde, um auf ihre Abholung zu warten, durfte ich feststellen: Kein Netz auf dem Handy. Wunderbar. Meine Handykarte aus Qingdao weigert sich also, in Shanghai Menschen zu kontaktieren. Welche Reaktion das um diese Uhrzeit in Deutschland hervorgerufen hätte, ist klar: Panik. Oder die Suche nach einer Tankstelle, je nachdem. Zum Glück ist das ja China und man findet rund um die Uhr an diversen Straßenecken Restaurants, die noch Dinge braten/kochen/zubereiten. Mit Dackelblick und gebrochenem Chinesisch konnte ich mir also ein Telephongespräch erschnorren und lag irgendwann endlich schlafend auf dem Sofa meiner Kommilitonin.

Montag, 19:30 Uhr – Ähnlichkeiten

Da ich bei meinem letzten Shanghai-Besuch Ende Dezember Qingdao noch nicht kannte, war mir gar nicht bewusst, wie sehr sich das Sightseeing in diesen beiden so unterschiedlichen Städten ähneln kann. (Zum Vergleich: Im Zentrum Qingdaos leben nur 2 Millionen Menschen, in Shanghai wohl etwa 8 Millionen.) Und trotzdem: Da Shanghai eine sehr junge Stadt ist, gibt es anstelle historischer Sehenswürdigkeiten nur Einkaufszentren, Hochhäuser und Einkaufszentren in Hochhäusern.

So beschränkte sich das Sightseeing am Montag wie auch in Qingdao darauf, durch die Straßen zu schlendern und Fotos von zufällig vorbeikommenden Gebäuden zu machen. Wenigstens waren dies nicht irgendwelche willkürlichen Bauten, sondern ich wurde durch die „French Concession“ geführt, das „Französische Viertel“, was aber weniger mit Frankreich als vielmehr mit ganz Europa zu tun hat. Es handelt sich um eine großflächige Ansammlung von Wohnhäusern, Parks, Gärten, Cafés und Geschäften, die in allem gebaut sind außer im chinesischen Stil. Diese von grünen Bäumen überdachten Straßen nennen hauptsächlich Ausländer ihr Zuhause, was man leider auch an den Preisen merkt. Mit der Ausrede Begründung, dass wir ja praktisch Urlaub haben, haben wir uns dort nichtsdestotrotz ein kleines Abendessen im auf dem Foto abgebildeten Café gegönnt.

Dienstag, 15:00 Uhr – Sonnige Gedanken

Selbige mussten wir uns machen, da das Sightseeing ins Wasser fiel. Leider war mir nicht bewusst, dass in Shanghai gerade Regenzeit herrscht, bin ohne Regenschirm angereist und wurde auf dem Weg zu einer anderen Kommilitonin bis auf die Knochen durchgeweicht. Trotzdem: Wenn ich die Wahl habe zwischen wolkenverhangendem Himmel mit passablen Temperaturen und strahlendem Blau, das einem besagte Knochen eher zum Schmelzen bringt, wähle ich ersteres.

Das Frustrierende: Wie im oberen Abschnitt beschrieben, hält sich die Masse von Shanghais Sehenswürdigkeiten in stark überschaubaren Grenzen. Nun war ich schon zweimal in dieser Mega-Metropole und hab es trotzdem nicht geschafft, alle nennenswerten Ausflugsziele zu besuchen. Versagerin…

Nichtsdestotrotz konnten wir an diesem Morgen noch die Flugtickets nach Shenzhen buchen und feststellen, dass uns die Reise wirklich arm machen wird. Na ja, damit wären wir auch nach dem recht kostengünstigen Leben in China vermögenstechnisch wieder auf Studentenniveau… Also egal, auf in den Süden.

Mittwoch, 17:00 Uhr – „Lasst mich rein! … Nein, lasst mich erst mal raus!“

17:00 Uhr und endlich sicher im Hongkonger Hostel angekommen. Damit ist das Happy End dieses Tages zwar schon vorweggenommen, aber in den vorangegangenen Stunden habe ich es mehrfach in Frage gestellt…

Um unseren Flug um 8:30 Uhr zu erreichen, schmiss uns der Wecker 5:30 Uhr aus dem Bett und zu diesem Zeitpunkt konnte mich der Stau vor der Flughafenausfahrt noch nicht wirklich schocken. Auch das Grübeln über unser Gepäck während der geplanten Zwischenlandung erwies sich als unnötig, da wir das Flugzeug nicht wechseln mussten und dies dementsprechend auch für unsere Taschen galt.

In Shenzhen wurde es dann offensichtlich, wie üblich die Weiterreise nach Hongkong von dort aus ist. Noch im Flughafengebäude selbst gibt es Schalter von Busgesellschaften, die zum Preis von nur 90元 pro Person die Fahrt bis zur Grenze und die Weiterfahrt auf der anderen Seite bis ins Stadtzentrum Hongkongs anbieten. Also: Bezahlen, einsteigen, auf zum Grenzübergang. Genau beim Aussteigen wurden wir von einem der südlichen Regenschauer überrascht: Im ersten Moment erdrückende Hitze, dann zwei Regentropfen, gefolgt von einem erschlagenden Wolkenbruch, der innerhalb von 30 Sekunden jede Körperzelle durchweicht. Zwei Minuten später ist alles vorbei. Nun ratet, in welchen zwei Minuten wir aus dem Bus geworfen wurden…

Tropfend nass sollte es unter Vorzeigen des Reisepasses eigentlich kein Problem sein, den ersten Grenzschalter zu passieren: Die Ausreise aus China. Ja – sollte. Während sich die Menschenschlange hinter mir verlängerte, rief die nicht-englischsprechende Fachkraft hinter der Glasscheibe mehrfach Kollegen zu sich, verwies auf Pass und Computermonitor und war ebenso ratlos wie ich.

Kurz darauf hieß es von einem blau gekleideten Sicherheitsbeamten: „Please follow me.“ und „Please wait a moment.“, die einzigen Sätze in seinem Repertoire, während ich auf einer abseits gelegenen Bank platziert wurde und meinen Reisepass hinter undurchsichtigen Glastüren gemeinsam mit noch mehr Grenzpersonal verschwinden sah. Auf die Frage, was denn das Problem sei, bekam ich auch nicht mehr als ein „Please wait a moment“…

Ich muss es noch mal verdeutlichen: Überall in diesem Gebäude leuchteten Schrifttafeln mit Pfeilen und dem Schriftzug „To Hong Kong“ – und mich trennen eine Tür und zwei Schritte davon, China zu verlassen?! Die Redewendung „So nah und doch so fern“ war noch nie so passend wie in dieser Situation. Kann mit diesem Visadreck nicht einfach mal alles glatt laufen? Nicht einmal, wenn ich einfach nur aus dem Land raus will?

Was nun tatsächlich das Problem war, weiß ich bis heute nicht. Nach einigen Minuten, in denen ich Blut und Wasser schwitzte und innerlich auf Abführung wartete, bekam ich meinen Pass zurück und durfte mich in Richtung Hongkong begeben. Endlich. Erst wird es einem mit den Visumsformalitäten unnötig schwer gemacht, überhaupt in diesem Land zu bleiben, und dann wird man nicht rausgelassen? Dreck.

Beim Warten in der Einreise-Schlange nach Hongkong konnte ich mich langsam wieder beruhigen. Wenigstens war es in dieser Stadt möglich, nur mit Reisepass und ausgefülltem Formzettel einzureisen.

Im Reisebus auf der anderen Grenzseite stieg die Panik wieder mit einem Blick auf die Uhr, die schnell klarmachte, dass wir das Hostel niemals zur bei der Buchung angegebenen Zeit erreichen würden. Zur Erklärung: Nicht wenige Hostels überbuchen die Räume sofort, wenn die Gäste nicht pünktlich erscheinen.

Nun habe ich zu Beginn dieses Abschnitts ja schon vorweggenommen, dass wenigstens in Hongkong alles funktioniert hat. Mit der ausgedruckten Karte ließ sich der Gebäudekomplex schnell finden und unser Zimmer war auch noch da.

Fortsetzung im nächsten Eintrag…



Vorletztes Abenteuer
11. Juli 2010, 06:43
Filed under: Home Sweet Home, Sightseeing und Reisen

In wenigen Stunden werde ich mich hoffentlich im Flugzeug nach Shanghai befinden, dort noch zwei Tage bei einer Freundin verbringen und dann gemeinsam mit ihr gen Hongkong aufbrechen. Aus Ermangelung an Lust, meinen Laptop bei erdrückenden Temperaturen quer durch die Volksrepublik zu schleppen, wird es keine Zwischenberichte geben, nicht dass das bei der „Häufigkeit“ und „Regelmäßigkeit“ meiner Blogeinträge irgendjemandem aufgefallen wäre.

Warum Hongkong?

Der Versuch, es in möglichst wenigen Worten zusammenzufassen:

Der Visatyp, den ich habe, kann nur für maximal 12 Monate verlängert werden, bevor man einmal ausgereist sein muss. Ich hatte die Verlängerung für mein Ende Februar auslaufendes Visum bereits Anfang Februar beantragt, weshalb mir praktisch ein Monat „verloren“ gegangen ist. Auf dem Papier habe ich also Visa für insgesamt 12 Monate (1×6 Monate, 2×3 Monate), obwohl es in Wirklichkeit nur etwa 11 sind.

Lange Rede, kurzer Sinn: Da Hongkong als „Ausland“ gilt und man dort (hoffentlich) relativ problemlos schnelle Touristenvisa für China bekommt, führt mich mein Weg noch einmal weit in den Süden.

Zugegeben, ich wäre auch ohne den Visumsstress noch einmal verreist, aber Hongkong war nicht gerade auf Platz 1 der Liste, obwohl ich bisher viel Gutes über die Stadt gehört habe. Bald kann ich mir also meine eigene Meinung bilden. Meinem Kontostand wird diese Erfahrung nicht gefallen, aber möglicherweise ist sie es wert.

Beiläufiges „Guckt mal, ich wohne am Meer“-Bild:



Beobachtungen im chinesischen ÖPNV
5. Juli 2010, 06:01
Filed under: China-Impressionen

Seit Freitag bin ich offiziell und pünktlich von meinen Pflichten als Praktikantin entbunden worden und kann mich nun mit guter Laune und Empfehlungsschreiben in der Tasche auf die freie Zeit freuen. (Was ich am vergangenen Wochenende im Wesentlichen damit „gefeiert“ habe, keinen einzigen Fuß vor die Tür zu setzen. Hey, jedem das Seine.)

Der im Allgemeinen schönste Punkt dieser neuen Freiheit ist allerdings nicht etwa das Wegfallen der Arbeit, denn die hat – sowohl rückblickend betrachtet als auch währenddessen – wirklich Spaß gemacht hat. Nein, der bisher wirklich beste Aspekt des Urlaubs ist, mich nicht mehr morgens und abends in völlig überfüllte Busse zwängen zu müssen! Ich will heute versuchen, den Wahnsinn kurz in Worte zu fassen.

Wie schon mal erwähnt, hat Qingdao noch keine Metro vorzuweisen und trotz örtlich anzutreffender Baustellen wird sich daran in den nächsten drei bis fünf Jahren nichts ändern. Die einzige Möglichkeit, für 1元 mehrere Kilometer weit transportiert zu werden, ist also das Einsteigen in einen Bus. Voraussetzung für dieses Vorhaben ist das Finden der richtigen Linie samt Haltestellen, was sich einfacher sagen und tippen lässt, als man es realisieren kann – denn sowohl Aktualität als auch Vollständigkeit von Fahrplänen sind… keine Selbstverständlichkeit. Auf dem Stadtplan ist mit ein wenig bis sehr viel Glück vielleicht jede zweite Haltestelle einer Linie eingezeichnet. Falls tatsächlich jede Haltestelle als Punkt dargestellt ist, darf man jubeln, wenn sie auch namentlich beschriftet ist, man also weiß, wann man aussteigen muss. Und ein wahrer Glückstreffer ist es, wenn an besagtem beschrifteten Punkt auch alle Buslinien vermerkt sind, die dort halten. Vielleicht ist das dann bei jedem zweiten Vollmond auch zufällig eine Linie, die man braucht.

Aber gut, man fährt ja nicht ständig wild in der Gegend herum, sondern kennt irgendwann die persönlich relevanten Buslinien und Namen der Haltestellen. Mit dem Vermerk, dass man sie… dann immer noch nicht wirklich kennt. Ich muss(te) morgens zu meiner Arbeitsstelle beispielsweise nur drei Stationen mit Linie 224 fahren. Worauf achtet man also für gewöhnlich, wenn man an der Bushaltestelle wartet? Auf die Busnummer? 224? Das ist leider nur die halbe Wahrheit. Besagte Linie fährt nämlich zwei verschiedene Routen, wobei ich selbstverständlich die längere von beiden benötig(t)e und noch 10 bis 15 Minuten Fußweg vor mir lagen, wenn ich in die falsche eingestiegen bin. Selbst ich habe dann irgendwann mitbekommen, dass man den Unterschied an einem kleinen bis mittelgroßen Schild in der Frontscheibe des Busses erkennen kann. Danke.

Gehen wir mal davon aus, man weiß das alles und kann zielsicher sagen, wo man ein- und aussteigen muss. Das ist noch keine Garantie, auch in den Bus hineinzukommen – jedenfalls nicht zur Hauptverkehrszeit. Der Begriff „Stoßzeit“ gewinnt eine völlig neue Bedeutung, wenn man versucht, sich um 8 Uhr morgens oder 17:30 Uhr abends in einen Bus zu begeben. Ich seh gerne ein, dass sowas auch in deutschen Städten zum Alltag gehört, aber glücklich gelegen ist meine Haltestellen deswegen trotzdem nicht: Die vorletzte Haltestelle vorm Stadtzentrum, d.h. bevor der Wagen langsam anfängt, sich zu entleeren. Es passt schon keiner mehr rein, wenn der Bus hält. Vielleicht steigen zwei bis drei Seelen aus. Aber mindestens zehn wollen noch rein. Und irgendwie wird das dann auch in die Tat umgesetzt.

Dabei beobachte ich immer wieder, dass keiner auch nur ein Stück an andere denkt, sondern nur um sich selbst besorgt ist: In der Busmitte gibt es Quadratkilometer an Platz. Die Leute könnten dort stundenlang Mikado spielen, ohne gestört zu werden. (Wenn man mal von den kranken Busfahrern absieht, die auf gefühlte 80 km/h beschleunigen, wenn sie mehr als 20 Meter freie Strecke vor sich haben und dann 1 Meter vorm nächsten Hindernis auf die Bremse treten. Und das alles ohne Stoßdämpfer.) Aber anstatt in der Busmitte auch noch zusammenzurücken und jeden wertvollen Quadratzentimeter zu nutzen, bleiben sie stehen, blockieren alles und im Türbereich kämpfen Türeinsteiger dann um jedes bisschen Sauerstoff, weil ein zu tiefer Atemzug dem Nebenstehenden höchstwahrscheinlich den Arm brechen würde.

Wer denkt, das sei asozial, ist bisher aber nur morgens mit dem Bus gefahren. In den Morgenstunden scheint wenigstens der grundsätzlich Konsens zu herrschen, dass alle im selben Boot/Bus sitzen/stehen und pünktlich zur Arbeit müssen. Da wird reingequetscht, was an der Haltestelle steht und wenn schon drei Hintern aus der Tür herausquellen, murrt trotzdem keiner, wenn man sich trotzdem noch dazustellt. Morgens ist die einzige Anforderung, die man an seine Mitfahrer stellt: „Bitte wasche dich und benutze Deo.“ Abends: „Halt dich von mir fern oder lauf nach Hause!“ Zu dieser Zeit hat man Glück, überhaupt wieder aus dem Bus rauszukommen, weil keiner es für nötig hält, selbst kurz auszusteigen, um Platz zu machen – was morgens für keinen ein Problem darstellt.

Einige Exemplare haben aber (morgens wie abends) auch dieses Prinzip nicht ganz durchschaut. Sie steigen zwar notgedrungen mit aus, um andere Passagiere nach draußen zu lassen, bleiben dann aber mitten vor der Tür stehen. Anstatt zur Seite zu treten und dann wieder einzusteigen, lassen sie den Aussteigenden zehn Zentimeter rechts und links Platz, um irgendwie wieder in die Außenwelt zu gelangen, und kommen sich dabei wahrscheinlich noch großzügig vor.

Das einzig Unangenehmere sind dann chinesische Hausfrauen in ihren Vierzigern, die gegen 16 Uhr mit Einkaufstüten in die Busse stürmen und dabei alles aus dem Weg räumen, was sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringt. Nach dem Motto: „Wenn ich mich während der Fahrt mit ausgestreckten Armen um 360° drehen will, dann mache ich das auch, egal wem ich währenddessen mit meinem Gepäck die Rippen breche.“

Wenigstens habe ich manchmal auch den Eindruck, dass Chinesen das ganze System der Buskultur auch nicht so ganz verstehen. Einige Busfahrer lassen bis zu einer bestimmten Haltestelle nur vorn Leute einsteigen und erst ab zu großer Fahrgastzahl wird dann auch die hintere Tür zum Einsteigen freigegeben. An der Bushaltestelle stehende Chinesen kriegen das aber nicht wirklich mit. Auch nicht, wenn sie minutenlang an die hintere Tür klopfen, diese natürlich nicht geöffnet wird, vorn währenddessen weitere Leute einsteigen und der Bus dann irgendwann wieder losfährt. Hm.

Es ist jetzt kurz nach Mittag an einem Montag und ich halte es für ungefährlich, mich in einen Bus zu stellen und Einkäufe zu erledigen. Wünscht mir Glück!