Zu Besuch im Land der Tausend Farben


Monolithische Meisterwerke und mittelmäßige Mausoleen
28. September 2012, 18:43
Filed under: Sightseeing und Reisen

Die indischen Ellora- & Ajanta-Höhlen essen die chinesischen Longmen-Grotten zum Frühstück! In der Kategorie „in Berge gehauene Monumente religiösen Hintergrunds in Asien“ gibt es einen neuen Spitzenplatz.

Am vergangenen Wochenende verbrachte unsere gesamte Gruppe einen vom DAAD organisierten Kurzurlaub. Die holprige Busfahrt führte uns in die 500 Kilometer von Pune entfernte Stadt Aurangabad.
Zur Stadt selbst gibt es nicht viel zu sagen. Ich möchte mich an dieser Stelle nur herzlich bei allen deutschen Steuerzahlern für die Unterkunft in einem Vier-Sterne-Hotel bedanken. ^^

Der wesentliche Grund für die Wahl Aurangabads als Zentrum der Reise liegt jedoch an der günstigen Entfernung zu mehreren beeindruckenden Sehenswürdigkeiten. Darunter die Ellora- und Ajanta-Höhlen: Große Ansammlungen riesiger in die Felsen geschlagener Tempel.

Bei diesen in Stein gehauenen Meisterwerken handelt es sich aber nicht nur um ein Weltkulturerbe: Nein, die Höhlen von Ellora sind die größte monolithische Steinstruktur der Welt!
Und das ist kein Tippfehler oder unkorrekter Fremdwortgebrauch. Monolithisch. Alle 34 Höhlen in Ellora wurden über einen Zeitraum von 500 Jahren mit Hämmern und Hacken aus einem einzigen Fels geschlagen.

Gleiches lässt sich über die Höhlen von Ajanta sagen, welche mit einer Anzahl von 26 etwas hinter ihren Kollegen zurückliegen, aber nicht weniger beeindruckend sind. Es gibt keine einzige Säule, kein einziges Steinchen, das nicht mit allen anderen verbunden ist.

Neben ihrem Umfang besteht der wesentliche Unterschied der beiden Sehenswürdigkeiten aus ihrer religiösen Zuordnung. Alle Höhlen in Ajanta wurden von und für Buddhisten erbaut.

Dahingegen gibt es in Ellora Anlagen des Buddhismus, Jainismus und – in überwiegender Mehrheit – Hinduismus.

Alle Höhlen konnten wir aus Zeitmangel leider nicht besichtigen. Dank eines für uns gebuchten Reiseleiters konnten wir aber ein Bauwerk jeder Religion begutachten und wurden über die Bedeutung diverser Symbole, Statuen und Wandbemalungen informiert.

Eines Abends entschieden wir uns noch dazu, eine der wenigen Sehenswürdigkeiten zu besichtigen, welche die Stadt Aurangabad selbst vorweisen kann.
Das Gebäude mit dem in irgendeiner Sprache sicher melodischen Namen Bibi Ka Maqbara ist das Mausoläum der Mutter des Mogulprinzen Azam Shah.

Wer sich beim Anblick des hier eingefügten Fotos fragt, ob ich nicht versehentlich ein Bild des Taj Mahal gewählt habe, liegt nicht vollkommen falsch. Das Bibi Ka Maqbara wird auch „poor man’s Taj“ genannt oder, frei übersetzt, „Pseudo-Taj-Mahal“. Der erwähnte Mogulherrscher plante ein Mausoläum nach exaktem Vorbild des Taj, hatte jedoch nur einen Bruchteil des Budgets zur Verfügung.
Selbst die Inder finden das ziemlich lächerlich. Wir haben uns sagen lassen, dass jeder Tourist nur wegen der nahegelegenen Höhlen nach Aurangabad reist und das Bibi Ka Maqbara eben auch noch „mitnimmt, weil es eben da ist“. Nichtsdestotrotz: Es ist hübsch.

Am Sonntag führte uns der letzte Tagesordnungspunkt zum Daulatabad Fort, einer Festung aus dem 12. Jahrhundert. Mehrere Herrscher ließen sich von dieser Verteidigungsanlage beschützen und fügten mehr und mehr Mauern hinzu, bis sie irgendwann bei den heutigen sieben Stück angelangt waren. Diese Mauern und eine verwinkelte Architektur sorgten unter anderem dafür, dass die Festung nie gestürmt wurde, sondern nur durch monatelange Belagerungen eingenommen werden konnte.

Persönlich bin ich leider aus Gesundheitsgründen nicht weiter in die Festungsanlage vorgedrungen. Ich gehe bewusst nicht ins Detail, aber so viel sei gesagt: Eine Toilette würde der 25 km² großen Anlage gut tun.

Jetzt weiß ich leider nicht, wie ich diesen Beitrag clever beenden soll. Hm… Hier ist ein Bild von Affen auf einem Baum. ^^



Gandhis Asche
20. September 2012, 13:07
Filed under: Sightseeing und Reisen

Wurde auch Zeit, dass Gandhi unseren Weg kreuzt. Zumindest ein Teil seiner Überreste. Dabei muss man gewissermaßen den unbestreitbaren Vorteil des hinduistischen Rituals der Totenverbrennung anerkennen – die Rückstände lassen sich recht unproblematisch aufteilen. So bleibt Touristen, Verehrern und sonstigen Besuchern der Genuss erspart, in Neu Delhi, Pune und verstreut im Ganges jeweils die Begräbnisstätten seines Kopfs, linken Arms oder Blinddarms zu betrachten.

Im Hintergarten des Aga-Khan-Palasts, leise und versteckt hinter roten Mauergängen und Souvenirständen, befindet sich eine dieser Stätten. Gandhi hat in diesem Palastbau des 19. Jahrhunderts jedoch nicht etwa residiert, sondern stand hier von 1942 bis 1944 unter Hausarrest.
Auch seine Frau und sein Sekretär haben hier ihre letzte, staubförmige Ruhe gefunden.

Vier Räume im Inneren des Palastes – welcher eher eine größere Villa ist als ein Palast – sind der Öffentlichkeit zugänglich und wurden zum Museum umfunktioniert. „Museum“ ist dabei nicht im umfangreich-informativen Sinne zu verstehen, da kaum eines der in Fotos und Gemälden dargestellten Ereignisse im Leben Gandhis mit mehr als einer Jahreszahl und einer Überschrift betitelt war.
Jedoch waren mehrere seiner – logischerweise wenigen – persönlichen Gegenstände ausgestellt. Sandalen, Hemden, Briefe. Auch einen Blick auf das Sterbebett seiner Frau konnte man werfen.

Besonders die kleine umgebende Parkanlage schenkt dem Ganzen eine ruhige Atmosphäre. Ich bezeichne sie als klein, da sie innerhalb von fünf Minuten problemlos zu durchlaufen ist. Allerdings habe ich in Pune bisher keine Baum- und Grasansammlung gefunden, die auf gleich erfolgreiche Weise von Autohupen und Rikshamotoren abschirmt. Ganz abgesehen davon, dass es sich dabei auch um die mit Abstand am saubersten geteerte Straße seit drei Wochen handelt.

Ihre Nationaldenkmäler scheinen den Indern also durchaus etwas wert zu sein. Vor diesem Hintergrund schockiert es mich wenig, dass die heutige Vorlesung eines Universitätsprofessors zum Thema Indische Geschichte aus einem mehrstündigen Monolog über die Großartigkeit der indischen Zivilisation, der nach Gerechtigkeit und Demokratie strebenden indischen Gesellschaft und ihrer Basis von Friedfertigkeit und Toleranz bestand…
Käme ein solcher Vortrag aus China, würde jeder auf die böse Partei schimpfen und nach Menschenrechten schreien. Aber in der „größten Demokratie der Welt“ ist das ja anscheinend alles kein Problem.

Nun ja. Nationale Denkmäler. Am verfrüht beginnenden Wochenende wird uns ein Ausflug zu den Ellora- und Ajanta-Höhlen in der Nähe von Aurangabad geboten. Nach fünf bis sechs Stunden Busfahrt wird sich also hoffentlich das Material des nächsten Blogeintrags vor mir ausbreiten.



Bald kann ich „Namaste“ schreiben
16. September 2012, 09:21
Filed under: Babys erste Schritte, Studium und Praktikum

Schwunghaft nehmen unsere wöchentlichen Pläne greifbare Gestalt an. Dreimal pro Woche macht die – überwiegend weibliche – Einwohnerschaft unseres Hauses am Koregaon Park nun auf der Dachterrasse Yoga. Selbst ich, die Verkörperung zwiebackähnlicher Grazie und Biegsamkeit, lasse mich nicht zweimal bitten, mich von einem alten, zwei Köpfe kleineren Inder in Form biegen zu lassen.

Weniger ergiebig gestaltete sich für sechs von uns der erste Samstag unseres Indienaufenthalts. Auf Empfehlung nahmen wir einen Wochenendausflug zur Mahabaleshwar Hill Station in Angriff, einem eher von Indern frequentierten Urlaubsort in den Bergen. Dieser fiel ins Wasser – leider fiel uns das Ungetüm in Nebel- und Dauerregengestalt aber erst nach über drei Stunden Busfahrt auf.

Es gibt nicht viele Arten, auf die ich verschimmelte Gardinen in Hotelzimmern, klatschnasse Straßen und erkältungsanlockende Kälte in blumige Worte fassen kann. Deshalb sei nur gesagt, dass wir unseren Aufenthalt um 50 Prozent verkürzten, unser Busticket umtauschten und noch am gleichen Abend ins angenehm warme und ausnahmsweise trockene Pune zurückkehrten.
Moral von der Geschicht: Nie wieder Urlaub außerhalb der Saison!

Endlich rollte am Montag der Beginn unseres zweimonatigen Lehrplans an der Symbiosis University daher. Zwar verbarg sich bisher hinter keiner Veranstaltung das, was mich ihr Titel hätte vermuten lassen, aber die Veränderung zum Besseren ist nicht zu übersehen. Eine eintägige Veranstaltung zum Thema Landeskunde war ein Querschnitt durch alles, was vage als Geschichte, Kultur und Religion bezeichnet werden kann.
Unser indischer Tanzworkshop begann mit einer Powerpoint-Präsentation zu Hintergrund und Besonderheiten vieler klassischer Tänze, was erwiesenermaßen mehr Wissen vermittelt hat als das anschließende Rumgehampel. Ja, es hat Spaß gemacht, und am Ende wurde auch Bollywood getanzt. Ja, es gibt Bilder davon. Da sich keine davon bisher in meinem Besitz befinden, vermute ich allerdings, dass sie später als Erpressungswerkzeug fungieren sollen.
Und schließlich wurde eine Vorlesung zu indischer Mythologie zu einer anschaulichen Erläuterung, warum die Inder immer noch versuchen herauszufinden, was um Himmels Willen in ihrer eigenen Frühgeschichte passiert ist.

Didaktisch soweit nichts auszusetzen, außer dass eine Vorlesung über indisches Theater mit einem zweistündigen Philosophiemonolog darüber begann, warum es kein indisches Theater gibt und warum Theater an sich überhaupt nicht definiert werden kann. Da der gute Herr aber nicht exzentrisch, sondern unterhaltsam war, verzeih ich ihm.

Nicht zu vergessen: Der erste Hindi-Unterricht! Aussprachetechnisch nicht ganz so einfach, da eine beträchtliche Anzahl an Lauten im deutschen Sprachgebrauch schlichtweg nicht existiert. Aber trotzdem um Meilen bequemer als Chinesisch, da ein falsch ausgesprochenes Wort nicht automatisch eine vollkommen andere, existierende Bedeutung annimmt.
Die Schrift ist das Sahnehäubchen: Ein Alphabet! So fühlt sich der Himmel an! Zwar müssen die neuen Buchstaben auch erst einmal Schritt für Schritt auswendig gelernt werden, aber ich merke jetzt schon, dass ich dabei die gleichen Hirnteile und Synapsen aktiviere wie beim Schriftzeichen-Lernen. Zu irgendetwas musste es ja gut sein. ^^

Namaste.

Der gestrige Abend beendete diesen Samstag wesentlich glorreicher als den Samstag der vorherigen Woche – mit einem Barbecue bei Punes DAAD-Leiterin. Nachdem unser Riksha-Fahrer das Doppelte der erwarteten Zeit zum Finden des Wohnhauses benötigte und dafür das Dreifache des Preises einkassierte, wurde es ein wirklich entspannter, wenngleich von Smalltalk geplagter Abend.
Eingeladen war die sogenannte „Indisch-deutsche Gemeinschaft“, zu der wir also neben VW-Mitarbeitern, Professoren, interkulturellen Trainern und anderen Studenten anscheinend auch zählen. Das Essen schmeckte göttlich und ich fühle mich furchtbar beim Tippen dieses Satzes, da es sich im Wesentlichen um ein warmes, nicht-indisches Buffet handelte.



Passbildfresser
12. September 2012, 18:38
Filed under: Babys erste Schritte, Indien-Impressionen

Der indische Registrierungprozess ist ein passbild- und benzinfressendes Monster. Die Zutat „Zeit“ ist dabei das Verdauungsenzym, das die hineingestopften Formulare und zurückgelegten Wege in brauchbare Unterschriften und Dokumente zersetzt.

Und ich bin mir sicher, noch nicht einmal ansatzweise die Hälfte davon kennengelernt zu haben, da sich in meinem Erfahrungsspektrum bisher nur „alltägliche“ Prozesse wie Wohnsitzanmeldung und Registrierung von Ausländern in Indien befinden. „Alltäglich“ formuliere ich in Anführungszeichen, da sich die Formalitäten und benötigten Dokumente hier laut Aussage des DAAD nahezu im Tagesrhythmus ändern. Und nach den bisherigen Behördengängen, derer ich Zeugin werden durfte, kann ich mir das lebhaft vorstellen.

Warnung: Individualerfahrungen.
Andere Mitstipendiaten haben andere Erfahrungen gemacht – manche besser, manche schlechter. Wobei auch das bereits einiges über das System aussagt…

Ich mache darauf aufmerksam, dass grob geschätzte 90% des Inhalts eines jeglichen Formulars in meinen Händen lediglich aus meinen Pass- und Visumsinformationen sowie meiner Adresse in Pune bestehen. Sonst sind die wesentlichen Unterschiede in dem Papierberg, der meinen Ordner füllt, nur in den Überschriften zu finden.

Der erste Wochentag nach unserer Ankunft in Pune begann zumindest mit einem Prozess, der uns bereits vor Reisebeginn angekündigt wurde. Mit Hilfe unserer Hausverwalterin füllten wir die sogenannte C-Form aus, die von ihr zum Hausbesitzer gebracht, von selbigem unterschrieben und schließlich bei der Polizei abgestempelt wurde.
Polizeiliche Wohnortregistrierung ist ein Vorgang, der mir wenigstens aus China und – im Sinne des Meldeamts – auch aus Deutschland bekannt ist. So weit, so gut.

Am Tag darauf zahlten wir wie erwartet unsere Miete für die vor uns liegenden Monate. In Cash. Kommt uns das irgendwie bekannt vor?
Zugegebenermaßen sind 18.000 Rupien für deutsche Verhältnisse aber auch erheblich weniger als die blanke Zahl vermuten lässt. Für mich stellen 130 € Monatsmiete für 25 Quadratmeter inklusive Bad, aller Nebenkosten, Internet und Wäsche eine lebensverändernde Ersparnis im Vergleich zu Konstanz dar.

Nun, am Mittwoch begann erst einmal der richtige Spaß der Registrierung. Der glorreiche Tag startete damit, dass 15 Stipendiaten zwei Stunden damit verbrachten, ein einziges Formular auszufüllen. Ich möchte zu bedenken geben, dass meine obige Aussage zum Inhalt der Papierfetzen (Passinfos, Visumsinfos, Wohnort) nach wie vor gültig ist. Unerklärlich, wie wir so lang gebraucht haben. Meine Theorie ist, dass unsere bereits existente Panik vor dem dämonischen Anmeldeprozess uns dazu veranlasst hat, vor dem Ausfüllen jedes Unterpunkts mehrfach nachzufragen.

Wir wurden ein Passbild ärmer und wurden nun informiert, dass unsere ausgefüllte und von der Polizei abgestempelte C-Form zur lokalen Anmeldung nicht ausreiche. Stattdessen sei eine gesonderte Bestätigung des Hausbesitzers von Nöten, aus der hervorgeht, dass wir auch wirklich, ganz wirklich, in der angegebenen Behausung Unterschlupf gefunden haben.
Es sei angemerkt, dass uns diese Information am vorangegangenen Montag sehr viel mehr gebracht hätte, als unsere Hausverwalterin ohnehin den Weg zum Landlord bewältigen musste.

Stattdessen erhielten wir nun ein Exzellenzbeispiel indischer Zeitplanung, indem wir nicht einfach zu unserer Wohnung fahren und dort auf den für uns zuständigen Sachbearbeiter der Symbiosis University warten durften. Nein, für uns wurde ein Bus bestellt, damit wir diesen Weg alle gemeinsam zurücklegen konnten.
Alle gemeinsam lagen wir dann auch – ohne Übertreibung – drei Stunden an der Universität herum und langweilten uns über Mittag das letzte Bisschen Verstand aus dem Schädel. Mitten am Nachmittag trat besagter Sachbearbeiter dann endlich durch die Tür und war der Meinung, mit der Aussage „Schnell, schnell, schnell!“ bei uns irgendetwas anderes als ein „Willst du uns verarschen?“-Gefühl hervorzurufen.

Irgendwann standen wir wieder vor unserem Haus, reichten noch diverse Kopien diverser Dokumente ein, die wir dank Vorinformationen des DAAD glücklicherweise auch parat hatten.
Nächster Punkt: Erneutes Warten, das in irgendeiner Religion sicher zur Erleuchtung geführt hätte. Zum einen mussten noch Kopien von Dokumenten gemacht werden, was wir zu gern in den vergangenen drei Stunden erledigt hätten, wenn uns nur irgendjemand von der Notwendigkeit unterrichtet hätte. Zum anderen war unsere Hausverwalterin auf dem Weg zum Einholen wichtiger Unterschriften.

Bis wir uns mit dem Bus auf den Weg zur Polizeistation machten, erfuhren wir von anderer Stelle noch, dass wir vermutlich noch Passbilder und Führerschein des Hausbesitzers brauchen würden. Auf unsere Nachfrage hin verneinte dies der Symbiosis-Mitarbeiter jedoch. Nun gut, die Hausverwalterin kam zurück, wir gingen zur Polizei.
Die Erkenntnis dieser kleinen Rundreise war schließlich, dass auch dieser ausgefüllte Wisch selbstverständlich nicht genügt. Erst einmal bräuchten sie noch drei weitere Passbilder. Und – wie nach dem erwähnten Gespräch erwartet – noch weitere Informationen des Hausbesitzers, die wir zu diesem Zeitpunkt nicht besaßen, der Symbiosis-Mitarbeiter uns deren Notwendigkeit verneinte.

Schön. Nächster Tag. Bewaffnet mit einem weiteren Formular der Polizeistation, welches gleich noch einmal mit einem Passbild geschmückt wurde, traten wir unserer Hausverwalterin gegenüber. Natürlich verlangte das Formular nach weiteren Informationen des Hausbesitzers, die eingeholt werden mussten. Um zu bestätigen, dass wir auch ganz ganz ganz dolle wirklich dort wohnen, wo wir wohnen.
Dieser Gang sowie die Abstempelung des Wischs bei der Polizei wurde diesmal von einem anderen Inder erledigt, der von uns allen währenddessen 200 Rupien für diesen Dienst kassierte.
Ob dieses Geld bei der Polizei landete, weiß ich nicht. Im Zweifelsfalle gehe ich allerdings davon aus, dass dies mein erstes gezahltes Bestechungsgeld in Indien war.
Nach erneutem Warten wurden wir leider informiert, dass die zuständige Polizeibeamtin heute nicht da sei. Danke und bis morgen.

Es ist morgen. Freitag. Auf der Polizeistation, auf der wir übrigens von einem Mann abgefertigt werden, nicht von einer Frau, warten wir uns wieder die Seele aus dem Leib, während der Symbiosis-Mitarbeiter – welcher, wohlgemerkt, kein Englisch spricht – Dinge in Erfahrung brachte, die wir nicht verstehen.

Was dort letztendlich passierte: Ein Beamter sieht sich das Formular und unseren Pass an, versucht sich einmal am Aussprechen unseres Namens, nickt und wir können wieder gehen. Kein Stempel, nichts. Nur die Spur von „Du siehst so ähnlich aus wie dein Passbild und hast auf deinen Namen reagiert, ich verifiziere deine Identität.“

Fast eine Woche später: Heute ist Mittwoch, und unser Weg sollte uns zur Behörde für Ausländerregstrierung (Foreign Registration Office, FRO) führen. Laut Aussage des Symbiosis-Mitarbeiters sollte dieser Weg um Punkt 13:30 Uhr beginnen, und wir sollen bitte auf keinen Fall zu spät sein. – Um Punkt 15 Uhr beehrte uns der Herr wieder mit seiner Anwesenheit, um uns zum FRO zu geleiten.

Seltsamerweise war es ausgerechnet dieser Schritt des ganzen Hin- und Hers, vor dem uns vor Reisebeginn am meisten Respekt eingeflößt wurde. Und seltsamerweise stießen wir hier auf die wenigsten Probleme. Keine zusätzlichen Dokumente, Kopien, Passbilder oder Augenzeugenberichte waren von Nöten. Zwar wurden wir mehrfach zwischen diversen Sachbearbeitern hin und hergeschickt, die spezialisierte Aufgaben erledigen, zu welcher auch je ein einzelner Mitarbeiter in der Lage gewesen wäre, aber sonst: Alles akzeptiert, alles signiert.
Lediglich die Bearbeiterin, die jede einzelne Formularinformation (Passinfo, Visumsinfo, Adresse) in den PC eintippte, legte eine meditative Ruhe an den Tag, in welcher sie meine Daten nach Eingabe versehentlich löschte und noch einmal von vorn beginnen musste. Wäre ja auch zu schön gewesen.

In einer Woche können wir unsere Registrierungsbestätigung abholen. Ich bleibe aber lieber skeptisch.

Das wirklich Nette an der Geschichte? In ein paar Wochen wird der ganze Schwachsinn wieder von vorn beginnen – wenn wir uns offiziell in Pune abmelden müssen. Und daraufhin an unserem Praktikumsort wieder anmelden.

P.S.: Auch beim Erwerb einer SIM-Karte fürs Handy ist ein Passbild nötig. Ah ja.



Erste Bissen, erste Schritte, (noch) alte Gewänder
6. September 2012, 17:18
Filed under: Babys erste Schritte, Sightseeing und Reisen

Ganz ist die Woche noch nicht vorbei, aber trotz relativer Ereignislosigkeit fühle ich mich, als würde ich schon seit Wochen mit meinen Mitstipendiaten morgendlich in die Riksha zur Symbiosis University steigen, um mich durch Punes Schlaglöcher und Abgaswolken zu kämpfen. Etwa 120 Rupien (ca. 1,70 €) kostet die 30minütige Fahrt in den motorisierten Rikshas, denen ich im Zusammenhang mit Straßenverkehr und allgemeinem Stadtbild irgendwann auch nochmal einen eigenen Blogeintrag widmen muss.

Das Wichtigste zuerst: Das Essen schmeckt trotz für deutsche Augen hinterfragungswürdiger Optik wunderbar. Ich bin an dem Punkt angelangt, an dem ich blind Dinge von der Karte bestelle, um sie einfach auszuprobieren. Mittlerweile breche ich mir auch nicht mehr die rechte Hand, wenn ich ein Stück vom Naan (Brotfladen) abbreche, da die linke Hand beim Essen nicht benutzt wird.

Was ich mir wünschen würde, wäre ein Vokabelheft, um mir die Identität der indischen Gerichte zu merken, die sich hinter „Palak Paneer“, „Butter Masala“, „Aloo Gobi“, „Masala Dosa“ etc. verbergen, aber in ein paar Wochen wird das Problem hoffentlich der Vergangenheit angehören.
Was es über meine interkulturelle Kompetenz aussagt, dass ich nicht das geringste Fünkchen Wissen über indische Mahlzeiten mitbringe, weiß ich nicht.

Bisher scheinen wir beim DAAD programmtechnisch ganz gut versorgt zu sein. Am zweiten Tag stand eine Mini-Stadttour durch Pune auf dem Programm, die dank des Straßenverkehrs leider nicht mehr als zwei Punkte abdecken konnte. Im Endeffekt weiß ich auch nicht mehr über Pune als vorher und um ehrlich zu sein hätte mir selbst ein Ausschnitt von Google Maps mehr Hintergrundinformationen über meinen aktuellen Aufenthaltsort geben können.

Punkt Nummer 1, zu dem uns der Minibus durch die Straßen manövrierte: Shaniwar Wada, eine etwa 300 Jahre alte Festung im Stadtzentrum. Das zugehörige Foto hier ist übrigens nicht mit einem Garten zu verwechseln, sondern bildet tatsächlich die Festung ab: Mehr als das Eingangstor ist davon nämlich leider nicht übrig – vor ca. 200 Jahren brannte alles bis auf die Grundmauern nieder.
Im Grunde besuchten wir sozusagen eine Ruine, deren Historie mich wahrscheinlich stärker fasziniert hätte, wenn jemand kurz vor Durchlaufen der grasbewachsenen Steinbrocken zwei Sätze zu ihrer Identität verloren hätte. Mehr als das Eintrittsticket und zwei beschreibende Geschichtstafeln im Inneren gab es nämlich nicht. Ehrlich: Schade.

Etwas spannender wurde es glücklicherweise im Kelkar Museum, dem größten Museum der Stadt. Auch hier wäre eine Führung sicher hilfreich gewesen, um die genaue Bedeutung des Vitrineninventars zu durchschauen. Spärliche Beschriftung und Systematik in der Anordnung der Ausstellungsstücke sind in indischen Museen scheinbar üblich, aber zumindest die traditionelle Gebrauchsweise diverser Küchengeräte und religiöser Artefakte wurde uns von unseren indischen Begleitern von DAAD-Seite erläutert.
Nichtsdestotrotz handelt es sich um mehrere Etagen mit faszinierendem, nicht gerade spärlichem Vorrat an Schätzen der letzten Jahrhunderte. Fotos waren ohne Sonderzahlung leider nicht gestattet.

Der gesamte Mittwoch fiel schließlich dem Beginn des offiziellen Registrierungsprozesses bei den indischen Behörden zum Opfer, ohne dabei auch nur ansatzweise zu einem Ergebnis zu gelangen.
Den bürokratischen Irr- und Formularwegen werde ich später noch einen eigenen Eintrag widmen – allerdings erst, wenn sie tatsächlich allesamt erledigt und abgeheftet sind. Selbiges kann laut Aussage des DAAD zwar schlimmstenfalls noch sechs Wochen dauern, sollte jedoch idealerweise innerhalb der kommenden Woche erledigt werden.
Ich freue mich also schon darauf, in einem der nächsten Blogeinträge möglichst viele Umschreibungen für die Aussage „Wir brauchen davon noch eine Kopie“ zu finden.

Ach ja: Nach der Stadt-„Tour“ haben sich die weiblichen Individuen der Gruppe noch ein paar Empfehlungen für Geschäfte mit indischen Gewändern, z.B. Saris, erbeten. Unser Wunsch wurde erhört und ich habe mich – zögerlich freiwillig – für eine Testanprobe zur Verfügung gestellt. ^^



… und jetzt sind wir hier.
2. September 2012, 12:34
Filed under: Babys erste Schritte, Vorbereitungen

Der Monsun klatscht auf die zu etwa 50 Prozent geteerten Straßen vorm Haus und auf der Taxifahrt vom Flughafen hierher machte mein Herz mehrfach kleine Sprünge. Nicht aus Panik, sondern weil ich mich wie ein kleines Kind freudig an China erinnert fühle: Auch in Indien scheint eine laute Hupe jedes Vorfahrtsgebot außer Kraft zu setzen. Ich fühl mich wie zu Hause!

Wer sich von Absätzen mit mehr als drei Zeilen beängstigt fühlt: Sicher gelandet.

Mehrfach. Ich sitze in meinem Zimmer in Pune und bin vorsichtig optimistisch, dank meines ohnehin auch in Deutschland verbesserungswürdigen Schlafrhythmus‘ dem Jetleg in Indien zu entgehen.
Aber keine Angst – die nächsten Absätze befassen sich zwar mit meinem Weg zu diesem Status Quo, allerdings eher in Bezug auf die vergangenen Monate.

Zunächst detailliere ich also nicht den Ablauf von Start, Landung und Bordmahlzeit der erfolgreich absolvierten Flüge. Stattdessen allerdings…

… die Flüge, die nicht stattgefunden haben…

Der ursprüngliche Schlachtplan bestand darin, in der Nacht des 01. Septembers (Samstag) nach Leipzig zu fahren, um 6 Uhr morgens halbtot ein Flugzeug zu betreten und ca. 7 Uhr etwas weniger tot in Frankfurt anzukommen. Von dort startet(e) der Langstreckenflug nach Mumbai sowie die erste Bekanntschaft mit anderen Stipendiatinnen.

Den kleinen Makel in der Geschichte haben einige vielleicht schon bemerkt: Der Transport Leipzig-Frankfurt wäre ein Lufthansa-Flug gewesen. Und exakt deren Mitarbeiter kamen im Laufe der Woche korrekterweise zu dem Schluss: Egal wann sie streiken, irgendjemand ist immer stinksauer, wodurch die Mission als erfüllt betrachtet werden kann. Warum sollte also nicht ich die Glückliche sein?

Kurzerhand wurde der Flug storniert und mit der Unterstützung der besten Eltern, die ich mir wünschen kann, ein Flughafenhotel in Frankfurt gebucht. Einige Stunden verbrachten wir am Freitag, 31. August, dementsprechend auf deutschen Autobahnen und an die Lufthansa wurde kein Gedanke mehr verschwendet.

Sechs Monate vorher…

… habe ich meine Bewerbungsunterlagen für den DAAD gesammelt.

Als ich diese Monatszahl gerade am Kalender nachvollzogen hab, wäre ich fast vom Stuhl gefallen. Tja.

Zu diesem Abschnitt sei nur gesagt, dass Ende Februar ein diabolischer Einsendeschluss für Bewerbungsunterlagen ist. Fast jeder Professor, der relevante Zeugnisse und Empfehlungsschreiben ausstellen könnte, ist entweder nicht vor Ort oder zu gestresst, um selbst ein ehrliches Urteil in Worte zu fassen. Letztendlich führte das dazu, dass ich mein englisches Sprachzeugnis nicht in Konstanz, sondern bei meiner Bachelorzeiten-Hochschule in Zwickau abgeholt habe. Stress.

Übrigens: Das „Sprachzeugnis“ besteht aus einem Vordruck, auf dem vier Kreuze gesetzt werden müssen. Die Relevanz dieses Stück toten Baums für die Entscheidung über die Stipendienvergabe möchte ich vorsichtig anzweifeln.

Während das nur Zeit kostete…

… kostete der nächste Schritt Benzin.

Das Auswahlgespräch beim DAAD in Bonn. Dass eine Organisation mich gern persönlich kennenlernen möchte, bevor sie darüber entscheidet, mir monatelang ohne unmittelbare Gegenleistung Geld aufs Konto zu überweisen, sehe ich ein.

Aber die Ironie, Studenten fast 100 € oder mehr in ein Gespräch investieren zu lassen, welches sie nur führen, weil sie (meist) über keine eigenen Mittel zum Auslandsaufenthalt verfügen… lässt sich nicht komplett ignorieren.

Ganz zu schweigen davon, dass ich an besagtem Tag 2x fünf Stunden Wettrennen mit Lastwagen und Gülletransportern gefahren bin, um Mittelpunkt eines gerade mal 20minütigen Verhörs zu sein.

Theoretisch bin ich auch rückblickend betrachtet noch davon überzeugt, bei diesem Gespräch in den Punkten Selbstvermarktung und Selbstbewusstsein vollkommen versagt zu haben.

Praktisch sitze ich allerdings gerade in Pune. Hm.

… und jetzt sind wir hier.