Zu Besuch im Land der Tausend Farben


Passbildfresser
12. September 2012, 18:38
Filed under: Babys erste Schritte, Indien-Impressionen

Der indische Registrierungprozess ist ein passbild- und benzinfressendes Monster. Die Zutat „Zeit“ ist dabei das Verdauungsenzym, das die hineingestopften Formulare und zurückgelegten Wege in brauchbare Unterschriften und Dokumente zersetzt.

Und ich bin mir sicher, noch nicht einmal ansatzweise die Hälfte davon kennengelernt zu haben, da sich in meinem Erfahrungsspektrum bisher nur „alltägliche“ Prozesse wie Wohnsitzanmeldung und Registrierung von Ausländern in Indien befinden. „Alltäglich“ formuliere ich in Anführungszeichen, da sich die Formalitäten und benötigten Dokumente hier laut Aussage des DAAD nahezu im Tagesrhythmus ändern. Und nach den bisherigen Behördengängen, derer ich Zeugin werden durfte, kann ich mir das lebhaft vorstellen.

Warnung: Individualerfahrungen.
Andere Mitstipendiaten haben andere Erfahrungen gemacht – manche besser, manche schlechter. Wobei auch das bereits einiges über das System aussagt…

Ich mache darauf aufmerksam, dass grob geschätzte 90% des Inhalts eines jeglichen Formulars in meinen Händen lediglich aus meinen Pass- und Visumsinformationen sowie meiner Adresse in Pune bestehen. Sonst sind die wesentlichen Unterschiede in dem Papierberg, der meinen Ordner füllt, nur in den Überschriften zu finden.

Der erste Wochentag nach unserer Ankunft in Pune begann zumindest mit einem Prozess, der uns bereits vor Reisebeginn angekündigt wurde. Mit Hilfe unserer Hausverwalterin füllten wir die sogenannte C-Form aus, die von ihr zum Hausbesitzer gebracht, von selbigem unterschrieben und schließlich bei der Polizei abgestempelt wurde.
Polizeiliche Wohnortregistrierung ist ein Vorgang, der mir wenigstens aus China und – im Sinne des Meldeamts – auch aus Deutschland bekannt ist. So weit, so gut.

Am Tag darauf zahlten wir wie erwartet unsere Miete für die vor uns liegenden Monate. In Cash. Kommt uns das irgendwie bekannt vor?
Zugegebenermaßen sind 18.000 Rupien für deutsche Verhältnisse aber auch erheblich weniger als die blanke Zahl vermuten lässt. Für mich stellen 130 € Monatsmiete für 25 Quadratmeter inklusive Bad, aller Nebenkosten, Internet und Wäsche eine lebensverändernde Ersparnis im Vergleich zu Konstanz dar.

Nun, am Mittwoch begann erst einmal der richtige Spaß der Registrierung. Der glorreiche Tag startete damit, dass 15 Stipendiaten zwei Stunden damit verbrachten, ein einziges Formular auszufüllen. Ich möchte zu bedenken geben, dass meine obige Aussage zum Inhalt der Papierfetzen (Passinfos, Visumsinfos, Wohnort) nach wie vor gültig ist. Unerklärlich, wie wir so lang gebraucht haben. Meine Theorie ist, dass unsere bereits existente Panik vor dem dämonischen Anmeldeprozess uns dazu veranlasst hat, vor dem Ausfüllen jedes Unterpunkts mehrfach nachzufragen.

Wir wurden ein Passbild ärmer und wurden nun informiert, dass unsere ausgefüllte und von der Polizei abgestempelte C-Form zur lokalen Anmeldung nicht ausreiche. Stattdessen sei eine gesonderte Bestätigung des Hausbesitzers von Nöten, aus der hervorgeht, dass wir auch wirklich, ganz wirklich, in der angegebenen Behausung Unterschlupf gefunden haben.
Es sei angemerkt, dass uns diese Information am vorangegangenen Montag sehr viel mehr gebracht hätte, als unsere Hausverwalterin ohnehin den Weg zum Landlord bewältigen musste.

Stattdessen erhielten wir nun ein Exzellenzbeispiel indischer Zeitplanung, indem wir nicht einfach zu unserer Wohnung fahren und dort auf den für uns zuständigen Sachbearbeiter der Symbiosis University warten durften. Nein, für uns wurde ein Bus bestellt, damit wir diesen Weg alle gemeinsam zurücklegen konnten.
Alle gemeinsam lagen wir dann auch – ohne Übertreibung – drei Stunden an der Universität herum und langweilten uns über Mittag das letzte Bisschen Verstand aus dem Schädel. Mitten am Nachmittag trat besagter Sachbearbeiter dann endlich durch die Tür und war der Meinung, mit der Aussage „Schnell, schnell, schnell!“ bei uns irgendetwas anderes als ein „Willst du uns verarschen?“-Gefühl hervorzurufen.

Irgendwann standen wir wieder vor unserem Haus, reichten noch diverse Kopien diverser Dokumente ein, die wir dank Vorinformationen des DAAD glücklicherweise auch parat hatten.
Nächster Punkt: Erneutes Warten, das in irgendeiner Religion sicher zur Erleuchtung geführt hätte. Zum einen mussten noch Kopien von Dokumenten gemacht werden, was wir zu gern in den vergangenen drei Stunden erledigt hätten, wenn uns nur irgendjemand von der Notwendigkeit unterrichtet hätte. Zum anderen war unsere Hausverwalterin auf dem Weg zum Einholen wichtiger Unterschriften.

Bis wir uns mit dem Bus auf den Weg zur Polizeistation machten, erfuhren wir von anderer Stelle noch, dass wir vermutlich noch Passbilder und Führerschein des Hausbesitzers brauchen würden. Auf unsere Nachfrage hin verneinte dies der Symbiosis-Mitarbeiter jedoch. Nun gut, die Hausverwalterin kam zurück, wir gingen zur Polizei.
Die Erkenntnis dieser kleinen Rundreise war schließlich, dass auch dieser ausgefüllte Wisch selbstverständlich nicht genügt. Erst einmal bräuchten sie noch drei weitere Passbilder. Und – wie nach dem erwähnten Gespräch erwartet – noch weitere Informationen des Hausbesitzers, die wir zu diesem Zeitpunkt nicht besaßen, der Symbiosis-Mitarbeiter uns deren Notwendigkeit verneinte.

Schön. Nächster Tag. Bewaffnet mit einem weiteren Formular der Polizeistation, welches gleich noch einmal mit einem Passbild geschmückt wurde, traten wir unserer Hausverwalterin gegenüber. Natürlich verlangte das Formular nach weiteren Informationen des Hausbesitzers, die eingeholt werden mussten. Um zu bestätigen, dass wir auch ganz ganz ganz dolle wirklich dort wohnen, wo wir wohnen.
Dieser Gang sowie die Abstempelung des Wischs bei der Polizei wurde diesmal von einem anderen Inder erledigt, der von uns allen währenddessen 200 Rupien für diesen Dienst kassierte.
Ob dieses Geld bei der Polizei landete, weiß ich nicht. Im Zweifelsfalle gehe ich allerdings davon aus, dass dies mein erstes gezahltes Bestechungsgeld in Indien war.
Nach erneutem Warten wurden wir leider informiert, dass die zuständige Polizeibeamtin heute nicht da sei. Danke und bis morgen.

Es ist morgen. Freitag. Auf der Polizeistation, auf der wir übrigens von einem Mann abgefertigt werden, nicht von einer Frau, warten wir uns wieder die Seele aus dem Leib, während der Symbiosis-Mitarbeiter – welcher, wohlgemerkt, kein Englisch spricht – Dinge in Erfahrung brachte, die wir nicht verstehen.

Was dort letztendlich passierte: Ein Beamter sieht sich das Formular und unseren Pass an, versucht sich einmal am Aussprechen unseres Namens, nickt und wir können wieder gehen. Kein Stempel, nichts. Nur die Spur von „Du siehst so ähnlich aus wie dein Passbild und hast auf deinen Namen reagiert, ich verifiziere deine Identität.“

Fast eine Woche später: Heute ist Mittwoch, und unser Weg sollte uns zur Behörde für Ausländerregstrierung (Foreign Registration Office, FRO) führen. Laut Aussage des Symbiosis-Mitarbeiters sollte dieser Weg um Punkt 13:30 Uhr beginnen, und wir sollen bitte auf keinen Fall zu spät sein. – Um Punkt 15 Uhr beehrte uns der Herr wieder mit seiner Anwesenheit, um uns zum FRO zu geleiten.

Seltsamerweise war es ausgerechnet dieser Schritt des ganzen Hin- und Hers, vor dem uns vor Reisebeginn am meisten Respekt eingeflößt wurde. Und seltsamerweise stießen wir hier auf die wenigsten Probleme. Keine zusätzlichen Dokumente, Kopien, Passbilder oder Augenzeugenberichte waren von Nöten. Zwar wurden wir mehrfach zwischen diversen Sachbearbeitern hin und hergeschickt, die spezialisierte Aufgaben erledigen, zu welcher auch je ein einzelner Mitarbeiter in der Lage gewesen wäre, aber sonst: Alles akzeptiert, alles signiert.
Lediglich die Bearbeiterin, die jede einzelne Formularinformation (Passinfo, Visumsinfo, Adresse) in den PC eintippte, legte eine meditative Ruhe an den Tag, in welcher sie meine Daten nach Eingabe versehentlich löschte und noch einmal von vorn beginnen musste. Wäre ja auch zu schön gewesen.

In einer Woche können wir unsere Registrierungsbestätigung abholen. Ich bleibe aber lieber skeptisch.

Das wirklich Nette an der Geschichte? In ein paar Wochen wird der ganze Schwachsinn wieder von vorn beginnen – wenn wir uns offiziell in Pune abmelden müssen. Und daraufhin an unserem Praktikumsort wieder anmelden.

P.S.: Auch beim Erwerb einer SIM-Karte fürs Handy ist ein Passbild nötig. Ah ja.

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1 Kommentar so far
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Mein lieber Schwan! Ich denke da immer sofort an Folgendes:

^_^
Ich hab mich in Taiwan damals gar nicht angemeldet irgendwo XD Wer weiß, ob das nich genauso kompliziert gewesen wäre. Oder man braucht das gar nicht in Taiwan. Da haben wirs wieder, ne. Taiwan, Yvonne, TAIWAN!

Kommentar von GePeilan




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