Zu Besuch im Land der Tausend Farben


Abflug aus Pune – Fazit zu „India Light“
31. Oktober 2012, 09:23
Filed under: Indien-Impressionen

Pune wurde uns zu Beginn als „sanfter Einstieg“ nach Indien präsentiert, oder als „Lightversion Indiens“. Verständlich, da es – objektiv betrachtet – hier doch recht ruhig und mitunter westlich zuging. Produktauswahl, kaum Bettler, nur seltene Stromausfälle und eine saubere Universität.
Dazu haben wir den letzten Abend noch unindisch im Hard Rock Café beendet. Entspannter Abschied. ^^

Ich sitze auf halb ausgepackten Koffern in Auroville in Südindien, lasse den Praktikumsbeginn auf mich wirken und stelle fest, noch eine Pune-Revue schreiben zu müssen. Tada: Mein subjektiver Rückblick auf einige Aspekte und Impressionen, von denen ich erwarte, sie im Rest Indiens in noch verstärkter Form anzutreffen.

Kommunikation

Mit Englisch kann man sich in den westlichen Einrich- tungen gut verständigen. Kommunikation im Alltag – wie etwa mit Riksha- fahrern, Obsthändlern und Schneidern – erweist sich in Landessprache allerdings als einfacher, wenn man nicht auf Hände und Füße zurückgreifen möchte. Grundsätzlich waren fast alle Inder, die gezwungen waren, sich unsere Halb-Hindi-, Halb-Englisch-, Halb-Hand-Sprache anzuhören, sehr hilfsbereit. Wahrscheinlich hätte es noch besser geklappt, wenn wir die Regionalsprache – Marathi – gesprochen hätten.

Straßen-/Fußwegverkehr

Zum Straßenverkehr möchte ich inzwischen weniger Worte verlieren als man vermuten könnte. Das Chaos entsteht grundsätzlich durch Motorräder und Rikshas, da diese sich überall hindurchwinden wollen.
Im Wesentlichen operiert der Straßenverkehr in Pune jedenfalls nach dem Prinzip: „Warum sich mich drei Spuren zufrieden geben, wenn man auch sieben haben kann?“

Wesentliche Gründe, aus denen in Pune gehupt wird:

  • „Hier komme ich – bleib genau so, fahr nicht zur Seite, damit ich dich problemlos überholen kann.“
  • „Fahrt zur Seite, ich will dich überholen!“
  • „In 10 Sekunden wird die Ampel grün – fahr los!“
  • „Hört mal, ich habe eine Hupe!“

Wenn man dann auch noch eine Riksha erwischt, deren Hupe wie eine Ente mit Verstopfung klingt, wird das eine sehr amüsante Fahrt. Angehupt wird grundsätzlich alles – egal ob Auto, Bus, Motorrad, Riksha, Fußgänger oder auf der Straße liegender Hund.

Straßenbild: Dreckig und tierisch

Letzteres kommt nicht selten vor. Das klassische Indien-Stereotyp sind bekanntlich die überall herumlaufenden Kühe. Und ja, auch die gibt es. Aber die animalische Straßenhoheit in Pune haben herrenlose Hunde.

Vermutlich besteht ihr Hauptnahrungsmittel aus Abfall, aber davon gibt es in den Straßen nicht zu wenig. Mülleimer sucht man vergebens, und nur manchmal findet man größere Müllcontainer. Man kann sich ja denken, wo der Abfall stattdessen landet.

Paternalistische Frauenunsichtbarkeit

Eine Frau auf der Straße zu sehen, ist hier tatsächlich nicht ganz so einfach. Nein, anders: Wenn sie da sind, erkennt man sie leicht. Ein bunter Sari ist nicht gerade ein Ninjakostüm. Bisher habe ich sie aber zum größten Teil als Professorinnen und Verkäuferinnen wahrgenommen. Und als Fußgänger in der Innenstadt.
Meinen natürlich absolut akkuraten Schätzungen zufolge dürften etwa 90% aller Menschen, denen man in der Stadt begegnet, männlich sein.

Oberflächliches: Kleidung

Leider sehen die meisten Kurtas und Punjabikleider erst dann gut aus, wenn man sie am Körper trägt. Auf dem Bügel und im Regal erscheinen mir die Farb- und Musterkombinationen immer noch wie alte Gardinen.
Ja, ich fühle mich schlecht deswegen. Ja, ich will über meinen Schatten springen.

Korruption

Bürokratische Prozesse zu „beschleunigen“ wäre in Deutschland ein Ding der Unmöglichkeit. Der Knackpunkt liegt allerdings darin, dass in Deutschland die einzelnen Prozessschritte, Formulare und Bearbeitungszeiten bekannt sind.
Da wir sowohl bei Registrierung als auch Deregistrierung auf die Hilfe eines Symbiosis-Mitarbeiters fragwürdiger Kompetenz angewiesen waren, ergab sich die Notwendigkeit weiterer Zwischenschritte immer erst kurz bevor das Kind in den Brunnen fiel.
Ergebnis bei der Deregistrierung (bzw. Weiterleitung an die nächste Ausländerbehörde am Praktikumsort): Zeitnot – und nur gegen Geld geht es schneller.

Die Zeit in Pune

Meine allgemeine Meinung über Punes „Charme“ habe ich ja schon im letzten Eintrag preisgegeben.

Ich bin zu einem Zeitpunkt abgereist, an dem sich bei mir noch kein Alltagsgefühl einstellen konnte. Fast jeden Tag andere Kurse, fast jedes Wochenende bei einem anderen Ausflug. Für mich zu kurz, um Abschiedsschmerz zu empfinden oder Pune als „zu Hause“ zu bezeichnen.

Trotzdem (oder vielleicht genau deswegen) bin ich zufrieden mit den vergangenen zwei Monaten. Für mich kommt der Abschied zum richtigen Zeitpunkt. Die Kurse haben sich gelohnt und ich habe viele interessante Menschen kennengelernt, die ich hoffentlich nicht zum letzten Mal gesehen habe.
Und ich bin hoffentlich wieder ein ganz kleines, winziges Stückchen reifer geworden.



Mumbai oder Bombay? Egal, Hauptsache am Meer.
18. Oktober 2012, 17:56
Filed under: Indien-Impressionen, Sightseeing und Reisen

Sechs Millionen Einwohner in Pune sind nicht genug – endlich hat für vier Tage die dank doppelt so vieler Menschen bevölkerungsreichste Stadt Indiens Besuch von uns bekommen. Und viel Lob.

Kein Lob und nur eine Nacht lang Besuch erhielt leider das von Dreck und Getier zusammengehaltene Domizil, in dem wir zunächst schliefen, und welches mit seinen ambitionierten Zimmerpreisen etwas zu viel Selbstbewusstsein an den Tag gelegt hatte.
Für über 700 Rupien pro Person pro Nacht erhielten wir:

  • Eine ehemals weiße Matratze auf dem Fußboden eines Doppelzimmers, um es zum Dreibettzimmer aufzustocken.
  • Glücklicherweise keine Moskitos. Weil das Fenster auf eine Mauer zeigte.
  • Dafür diverses anderes Krabbelgetier auf dem Boden, das ich pauschal unter dem Begriff „Kakerlaken“ zusammenfasse.
  • Wände, die aussehen als wären etwa 500 besagter Kakerlaken daran erschlagen worden.
  • Ein Sandwich zum Frühstück, auf dem eines der Tierchen rumkrabbelte, das nicht im Zimmer erschlagen wurde.

Und die Grenzen von „Reißt euch zusammen, ihr verwöhnten Ausländer“ zu „Okay, für diesen Zimmerpreis ist das wirklich zu widerlich“ wurden ausgetestet. Dass wir die nächste Nacht dann in einem Hotel zum vierfachen Zimmerpreis verbrachten, sprengte höchstwahrscheinlich andere Grenzen. Die des DAAD-Budgets. Für die restlichen beiden Nächte suchten wir uns – wie geplant – auf eigene Kosten Unterschlupf in einem Hostel. Ohne krabbelnde Mitbewohner.

Im Gegensatz dazu hab ich absolut nichts auszusetzen am DAAD-Programm: Deutsches General- konsulat, Börse (Mumbai Stock Exchange), Zentral- bank (General Reserve Bank). Und im Gegensatz zu ein bis zwei anderen Exkursionen war man diesmal sogar von unserem Kommen in Kenntnis gesetzt worden und hat sich intensiv mit uns beschäftigt.

Beziehungsweise sich unseren Fragen gestellt, die insbesondere den Damen und Herren der Zentralbank dann doch etwas zu komplex waren. (Standardantwort: „Ja, das ist in der Tat ein großes Problem in Indien.“)

Nach Abschluss des offiziellen Programms entließ man uns in die Freiheit der sauberen Straßen der drei südlichsten Stadtbezirke: Colaba, Fort und Churchgate. Endlich die Möglichkeit, außerhalb von Minibussen und klimatisierten Konferenzräumen einige Eindrücke von Mumbai aufzunehmen.

Mein Fazit: Mumbai ist nicht ganz so weit von Indien entfernt wie Shanghai von China entfernt ist. Auch wenn Mumbai nicht wirklich mit Shanghai vergleichbar ist. (Mumbai hat eine Geschichte. Shanghai nicht. Verzeihung, Shanghai-Fans.)

Egal, vergleichen wir Mumbai lieber mit anderen indischen Städten Eines der wichtigsten Dinge, die Mumbai besitzt und die Pune meiner Ansicht nach fehlt, ist Charakter.

Straßen, Gebäude und Plätze, die sich schlichtweg voneinander unterscheiden. Innerhalb besagter Stadtteile konnte ich innerhalb von zwei Tagen eine ausreichende Groborientierung gewinnen – es gibt Dinge zu sehen. Woran orientiere ich mich in Pune nach zwei Monaten? An Tankstellen und Geschäften.

Und grundsätzlich gewinnt ohnehin jede Stadt infinite Pluspunkte, wenn sie sich auch nur ansatzweise in der Nähe ausgedehnter Wasserflächen befindet.

Mumbai als Hafenstadt hat da leichtes Spiel, und ist beim Betrachten der nächtlichen Skyline an der Bucht am Marine Driveway ein kleines Stück weiter zu meinem Herzen geschwommen.

Sonstige Besonderheiten? Natürlich mehr Autos, und man benötigt mindestens 30 Minuten, um auf vier Rädern zur Hauptverkehrszeit von jedem gegebenen Punkt A zu jedem beliebigen Punkt B zu gelangen. Aber glücklicherweise sind erreichenswerte Punkte in dieser Stadt nicht weit voneinander entfernt.

Der Wohlstand und die von britischer Architektur geprägte Innenstand verdeutlicht leider umso mehr die Armut die einem auch hier an den meisten Straßenrändern bettelnd entgegenschaut. Wirklich geändert habe ich daran auch nichts, als ich einer Frau ein paar Rupien dafür gegeben habe, dass sie mir eine Blumenkette an die Hand bindet.

Ein kurzer Eindruck kann natürlich täuschen. Besonders, da ich bisher nur vereinzelte Einblicke in das restliche Indien hatte. Doch erste Eindrücke sind ja bekanntlich die wichtigsten.
Aber egal ob ich die Liste umfangreich komplexer Stadteindrücke nun abhaken kann oder nicht: Die Liste postkartenwürdiger Sehenswürdigkeiten wurde gefüllt.



„Was für ein interessanter Temp- Oh, ein Elefant.“
9. Oktober 2012, 17:52
Filed under: Sightseeing und Reisen

Der erste Gruppenausflug, der nicht vom DAAD organisiert wurde – und ich wurde weder von Affen gefressen noch von Elefanten niedergetrampelt.

Dafür hätten Affen fast mein Essen geklaut und ein Elefant hatte seinen Rüssel auf meinem Kopf. Klingt trotzdem nach der besseren der zwei Alternativen.
Wohin es ging? Hampi!


Nachtbus nach Karnataka

Die erste Reise, die mich in Begleitung sieben weiterer Stipendiatinnen erstmalig über die Grenzen Maharashtras geführt hat, begann mit einer zehnstündigen Busfahrt. Ohne an dieser Stelle die Details indischer Langstreckenreisemöglichkeiten zu erörtern: Unsere gewählte Klasse namens „Semi Sleeper“ gewährte uns weiche Sitze mit verstellbaren Rückenlehnen. Ich war zufrieden und gewappnet für drei Tage Kurzurlaub.

Unser Reiseziel Hampi ist eines der größten archäologischen Gebiete Indiens: Eine lange Zeit verschollene Hauptstadt eines südindischen Königreichs.

Auch für architektonisch nur marginal interessierte Touristen bietet eine Temperatur von 30°C und eine beeindruckende Landschaft aus glattgespülten Felsbergen einiges zum Bewundern.

Stadt alter Tempelruinen

Berühmt ist Hampi dennoch für seine großen sowie zahlreichen Steintempel. Von ca. 200 v.Chr. bis ins 16. Jh. n.Chr. wurden dort regelmäßig Ganesha, Shiva, Vishnu und Krishna angebetet.
Ihr Ende fanden Stadt und Königreich dann mit dem Angriff der Mogule. Diesen Herren haben wir es zu verdanken, dass die Mehrheit der Tempel als Ruine dahinexistiert, oder schwer beschädigte Statuen beherbergt.

Straße neuer Ruinen

Aber nicht jede Zerstörung führt auf die Mogulherrschaft zurück. Noch vor nur neun Monaten zog sich ein breiter Basar vom Haupttempel Hampis aus und bot zahllosen kleinen Läden Unterschlupf.
Jetzt sehen alle Häuser des mehrere Hundert Meter langen Basars so aus wie abgebildet, was mehr als 300 Familien zur „Umsiedlung“ gezwungen hat.
Ein Vergleich drängt sich auf: In China finden derartige „Umsiedlungen“ ja auch nicht seltener statt – und ganz und gar nicht diplomatischer. Aber in China stünden dort jetzt 10 Hotels, 3 Einkaufszentren und 227 kleine Läden vor einer gepflasterten Straße. In Hampi steht jetzt ein Zaun vor ein paar Geisterhäusern.

Zurück zu hübscheren Steinen

Schon von unserem Guesthouse aus konnten wir das Tor des Virupaksha-Tempels sehen.
Dieser Tempel und die dortigen Priester sind nicht das einzige, was da noch aktiv ist: Auch Dutzende von Affen haben sich zwischen den Säulen eingenistet und freuen sich über jeden Touristen, der nicht gut genug auf seine Habseligkeiten aufpasst.

Dickhäutige Segensbringerin

Die erwähnenswerteste animalische Attraktion Hampis waren aber nicht etwa die behaarten Futterdiebe, sondern eine borstige, sanftmütige Rüsselträgerin: Lakshmi – Tempelelefant und der Hauptgrund, an einem der städtischen Obststände Bananen zu kaufen.

Die über 20 Jahre alte Dame nimmt in der Tempelanlage jedoch nicht nur Grünfutter und gelbes Obst entgegen, sondern gern auch Geld. Sie wurde darauf trainiert, die ihr in den Rüssel gelegten Geldscheine und -münzen nicht etwa zu fressen, sondern ihrem Trainer zu geben und im Anschluss dem großzügigen Spender ihren Rüssel auf den Kopf zu legen.
Natürlich haben wir das ausprobiert – womit ich jetzt offiziell von einem Tempelelefanten gesegnet wurde.

Einmal haben wir der heiligen Dickhäuterin auch beim morgendlichen Baden im Fluss zugesehen. Eine Stunde lang wird sie von der Rüssel- bis zur Schwanzspitze sauberpoliert, bevor es zurück zu den Segnungspflichten im Tempel geht.

Flussfahrt im Abendlicht

Eines Abends ließen wir uns von einem Bambusboot von etwa zwei Metern Durchmesser durch einen kleinen Teil des abendlich ruhigen Gewässers paddeln, bewunderten den Sonnenuntergang und ließen uns in einem beiläufigen Nebensatz darüber informieren, dass es in diesen Gewässern auch Krokodile gibt. Danke für die Warnung?



Fahrtwind! Mehr Fahrtwind!

Die hochsommerlichen (für Karnataka niedrigen) Temperaturen hielten uns nicht vom Sightseeing ab. Dank geliehener Fahrräder und bestelltem Tourguide konnten wir am zweiten Tag die wichtigsten Anlagen der Umgebung besichtigen und noch im Sonnenuntergang kurz vor Torschluss den Vittala-Tempel besuchen, bevor wir von den Wachleuten rausworfen wurden.

Noch mehr Affen

Nach nur zwei Minuten Bootsfahrt befanden wir uns am letzten Urlaubstag auf der Nordseite des Flusses und begaben uns auf den Weg zum Tempel des Affengottes Hanuman. Ratet, welche Tiere dort en masse hausten.

Und nicht lang darauf fanden wir uns in den weichen Sitzen eines Semi-Sleeper-Busses wieder, um Montags um 5 Uhr morgens von Rikshafahrern übers Ohr gehauen zu werden und letztendlich für wenigstens zwei Stunden ins Bett zu fallen. Zurück in Pune. Aber es hat sich gelohnt.



Ganpati Bappa Morya! – Ganesha-Fest in Pune
3. Oktober 2012, 17:21
Filed under: Home Sweet Home, Indien-Impressionen

Ein beschützender Gott mit Elefantenkopf wird zehn Tage lang gefeiert und am Ende ins Wasser geschmissen. Alles begleitet von Tanzen, Trommeln, Singen und vielen Farben in geschmückten Straßen.
Mindestens zwei Monate lang bereiten sich Trommel- und Tanzgruppen, Vereine und Tempel auf die zehn Tage andauernde Festlichkeit vor, die dem Gott mit dem Elefantenkopf gewidmet ist: Ganesha.

Kleine Mythologiestunde?

Ganesha ist der Sohn des Gottes Shiva und der Göttin Parvati.
Shiva war oft außer Haus, womit seine Frau Parvati nicht wirklich zufrieden war. Darum erschuf sie aus dem Dreck an ihrem Körper ihren Sohn Ganesha, der von nun an das Haus beschützte.
Als Shiva zurückkehrte, verweigerte der pflichtbewusste Ganesha ihm den Eintritt. Shiva, der nicht wusste, dass er seinen Sohn vor sich hatte, hackte ihm den Kopf ab.
Verständlicherweise wurde Parvati wütend und so musste Shiva den Karren irgendwie aus dem Dreck ziehen. Er beauftragte seine Diener, ihm den Kopf des erstbesten Tieres zu bringen – was dann schließlich ein Elefant war. Dessen Kopf setzte Shiva seinem Sohn auf und erweckte ihn wieder zum Leben.

Das Schöne an Ganesha ist, dass der gute Herr wirklich für alles zuständig ist. Der beschützt alles und jeden, egal ob Haus, Auto, Menschen oder Laptop – Glück und Sicherheit sind praktisch garantiert.

Besonders Maharashtra, der Bundesstaat, in welchem ich mich aktuell befinde, gehört zu den Regionen, in denen Ganesha sehr beliebt ist.

Was “Beliebtheit” im Kontext hinduistischer Götterverehrung bedeutet, erfuhren wir bereits am ersten Tag des Fests. Nicht nur sind die Ränder der meisten Straßenzüge geschmückt (gern auch mit Werbung), auch Musik beginnt langsam aber sicher unaufhaltsam zu schallen. Auf kunstvollen Wagen rollen dann den ganzen Tag über Ganesha-Statuen von ihrer ursprünglichen Heimat durch die neugierigen Menschenmassen.

Eskortiert wird jede Statue von Trommlern, um am Ende ihrer Reise ihren Platz auf der für sie bestimmten Bühne einzunehmen.

Auf diesen Bühnen, von denen in nahezu jeder Straße mindestens eine zu finden ist, residiert die rundbäuchige Gottheit dann für die kommenden zehn Tage.

Einige dieser Bühnen sind selbstverständlich berühmter und prächtiger als andere. An den umfassendsten Exemplaren, die dann durchaus die Ausnahme eines Einfamilienhauses einnehmen können, wurde mehrere Monate lang gebaut.

Und das nicht umsonst: Lange Menschenschlangen nehmen zwei bis drei Straßenzüge ein, um nach stundenlangem Warten vor der Ganesha-Statue anzugelangen.
Wir haben uns sagen lassen, dass die Leute auch über Nacht anstehen, um schließlich vor dem Gott niederzuknien, Opfergaben zu bringen etc.

An dieser Stelle erhielten wir – eine Gruppe europäischer Nicht-Hinduisten – seltsamerweise religiöse Privilegien. Durch einen Seiteneingang gelangten wir nach einer Minute praktisch an den Beginn der Menschenschlange und durften Fotos schießen.

Und damit nicht genug des “Westler tun beim Ganesha-Fest Dinge, die keine religiöse Bedeutung für sie haben”-Spaßes.
Am Abend des vorletzten Festtages durften wir Teil einer Puja sein. In einfachen Worten handelt es sich dabei um eine rituelle Ehrerbietung gegenüber der Gottheit, deren Statue dabei unter anderem gereinigt, geschmückt, besungen und mit Feuer bzw. Rauch umschwenkt wird. Letzteres wird als Aarti bezeichnet und ist der Teil der Puja, den wir vor einem der fünf größten Ganeshas Punes ausführen durften.

Grundsätzlich kann jeder auch in seinen eigenen vier Wänden eine Puja durchführen. Dieser Gedanke minderte dann auch meine Skepsis ein wenig, als wir Westlerinnen auf der Bühne standen und – von einer Fernsehkamera beobachtet – den Feuerkelch geschwenkt haben.

Besagte fünf Mammut-Ganeshas waren schließlich auch am zehnten und letzten Tag des Festes Zentrum des Umzugs durch die Straßen der Innenstand.

Gegen 10 Uhr morgens setzte sich die Parade in Bewegung und wurde innerhalb von zwei Stunden zu einer riesigen Tanz- und Trommelwelle, die wohl nur aus der Vogelperspektive annähernd aufgesogen werden kann.
Erst acht Stunden später sollte der erste Ganesha am Anfang der Parade das Flussufer erreichen, was wir allerdings nicht bis zum Ende verfolgten.

Wer die Worte Ganpati Bappa Morya! noch nicht rufen konnte, lernt es spätestens hier. Es bedeutet: „Mein Herr Ganesha, bitte komm nächstes Jahr wieder!“, und wir riefen es mehrfach in die Mikrofone und Linsen diverser Fernsehkameras. Glücklicherweise war Ganesha dann aber doch eine größere Attraktion als wir. ^^

Erinnert ihr euch noch an die Ganeshas, die an Tag 1 trommelbegleitet zu den allgegenwärtigen Bühnen gebracht wurden? Am Nachmittag und Abend dieses letzten Festtages begeben sie sich auf ihren Wagen, begleitet von tanzenden und feiernden Menschen, auf ihre zweite und letzte Reise: Zum Wasser.

Denn das Fest endet damit, dass alle Statuen in einen Fluss, ein Becken, einen Eimer oder ein anderes Gewässer eurer Wahl geworfen werden. Am Abend haben wir dies an einem Flussufer beobachtet.
Auch Familien kommen zum Ufer. Nach der obligatorischen Puja übergeben sie ihren kleinen Ganesha Bootsleuten, die ihn dann taufen und sinken lassen.

Da das nicht nur von unglaublich vielen Hindus praktiziert wird, sondern auch noch jedes Jahr, kann man sich wohl kaum vorstellen, wie viele Ganesha-Statuen sich mittlerweile in den hiesigen Gewässern befinden. Da Umweltschutz und Nachhaltigkeit hier nicht gerade tief verinnerlichte Konzepte sind, besteht bei Weitem nicht jeder Ganesha aus natürlich abbaubarem Material.
Was man wohl sehen würde, wenn man auf den Grund des Flusses taucht?

In diesem Sinne: Ganpati Bappa Morya!