Zu Besuch im Land der Tausend Farben


Lächeln beim Brot-Kauf, Lächeln beim korrekten Atmen
24. November 2012, 17:22
Filed under: Home Sweet Home, Indien-Impressionen

Einkaufskorb füllen – und das Gemeinschaftskonto

Im letzten Eintrag habe ich ja schon angedeutet, dass mir einige der hier in Auroville angestrebten Ideale nicht ganz un-kommunistisch vorkommen. Trotz Dorfatmosphäre und Baum-Überzahl gibt es in Auroville neben diversen Cafés auch einen Supermarkt ein Verteilungszentrum (Pour Tous Distribution Center).

Ja, die Waren werden dort nur „verteilt“. Geld, Kontonummern oder Aurocards wandern da nicht über den Tresen. Stattdessen zahlt jedes Mitglied monatlich eine Festsumme, von der dann die Regale gefüllt werden.
Nun, was findet man dort? Was man jeden Tag so braucht: Obst, Gemüse, Putzmittel, Linsen, Moskitospray. Ganesha sei Dank, es gibt Moskitospray…

Auch im dortigen Angebot wird sichtbar, dass Auroville zu 50 Prozent von Franzosen und Deutschen bevölkert wird: Es gibt Brot!

Die lokale Bäckerei – ein kleiner Baustein in meinem persönlichen Seelenheil. Denn so lecker indische Küche auch ist, mir ist noch nicht viel über den Weg gelaufen, das man auch im kalten Zustand als täglich genießbar bezeichnen kann. Und mit dem Mantra „Eine warme Mahlzeit pro Tag reicht“ bin ich dann doch deutscher als ich vermutet hätte.

Jedenfalls: Brot, Butter, Käse, Müsli – das können sie gern an mich „verteilen“.

Atmen gegen Krebs und Lähmung

Aktuell habe ich auch die Gelegenheit, an einem Pranayama-Workshop teilzunehmen. Schnittstellen mit Yoga scheinen vorhanden zu sein, erscheinen mir aber eher schleierhaft. Den größten Zeitanteil der Pranayama-Übungen verbringen wir sitzend, mit geschlossenen Augen und lächelnd. Ab und zu wird dann auf bestimmte Weise tief eingeatmet, mal dieser Muskel gedehnt, mal der andere, und die letzten 15 Minuten des einstündigen Trainings widmen wir uns liegend der Tiefenentspannung.
Und um Himmels Willen das Lächeln nicht vergessen!

Es freut mich ja für den Lehrer, dass er sich damit vor einer Rückenlähmung bewahrt hat. Nur darf mir niemand meinen geistigen Sicherheitsabstand verweigern, wenn man mir sagt, dass ich meinen Körper von allen Giften befreien kann, wenn ich nur tief genug ein- und ausatme.
Und dabei lächle. Natürlich immer lächeln!

Die Frage, warum ich trotzdem teilnehme, kann ich pragmatisch beantworten: Solang es mir danach besser geht als davor, halt ich den Mund und beklag mich nicht.
Und lächle.

Zeitvertreib

Wenn ich mich umsehe, wird mir jedenfalls nicht langweilig. Dreimal pro Woche dehne ich mich beim Yoga und Pilates – und drücke damit den Altersschnitt der Gruppe in mathematisch dramatischem Ausmaß.
Ich muss aber schon sagen, dass es unbeschreiblich motiviert, wenn es 60jährige Frau biegsamer ist als man selbst!

Dazu kommen Veranstaltungen, die man der lokalen Mini-Zeitung (acht aneinander getackerte A4-Seiten) „News & Notes“ entnehmen kann.
Morgen feiert beispielsweise die Äthiopien-Ausstellung im Unity Pavillion Eröffnung. Ich freue mich auf äthiopischen Kaffee zum Frühstück.



Einkaufen, Essen, Fahren – ganz normal, aber anders
12. November 2012, 17:03
Filed under: Babys erste Schritte, Indien-Impressionen

Was Auroville „anders“ macht, sind wirklich nicht Bauten und Sehenswürdigkeiten, sondern die grundsätzliche Lebensweise und die Gedanken, die hinter ihr stehen. (Und die ich in den nächsten Monaten hier hoffentlich brühwarm erörtern kann. ^^)

Kleingeldparadies

Dass es hier – anders als im Rest Indiens – nie an Wechselgeld mangelt, habe ich der „Mother“ zu verdanken. Die Dame vertrat das nicht ganz unkommunistische Ideal einer Stadt, in der kein Geldverkehr herrscht.

Bezahlt wird natürlich trotzdem ganz eiskalt und kapitalistisch in Rupien (und auch nicht zu wenig davon…), aber eben bargeldlos. Permanent hier angesiedelte Aurovillians (Kein Name, der meiner Fantasie entsprungen ist.) haben Konten, deren Nummer beim Einkauf genannt werden kann. Gäste und Helfer wie ich erhalten eine sogenannte Aurocard, wie mit Geld aufgeladen und zur Bezahlung genutzt wird.

Grünes Essen – nicht spirituell, aber öko

Meine regelmäßigsten, ausgewogensten und größtenteils ökologischsten Mahlzeiten konsumiere ich fast täglich in der Solar Kitchen. Die Solarküche – die in Mensaatmosphäre mittags und abends für 100 Rupien hunderte von Tellern mit ansehnlichen Bergen an Essen füllt.

Die Mischung aus westlichen und indischen Angeboten wird dabei ausschließlich mit Solarenergie zubereitet, wobei die gigantische Solarschüssel auf dem Dach die Hauptrolle spielt.
Das Beste daran? Dank meiner Praktikumsfirma esse ich mittags umsonst. Und plötzlich schmeckt alles noch mal doppelt so gut…

Mobilitätshilfe

Wie letztens angekündigt, bestand eine meiner ersten Amtshandlungen hier in der Suche nach einem fahrbaren Untersatz. Gesagt, getan: Ein kleiner roter Roller für die nächsten sechs Monate, den ich für stattliche 120 Rupien pro Tag mieten kann.

So fahre ich zwar nicht kostenlos, aber wenigstens schnell und emissionslos – das gute Stück ist ein E-Bike. Dank geringer Wattzahl darf ich den roten Summer ohne Kennzeichen, Versicherung und internationale Fahrerlaubnis fahren, und bin trotzdem mit ca. 30 km/h unterwegs.
Und mit Hupe. Wir sind ja immer noch in Indien.

Nächtlicher Kompassbedarf

Es bedarf schon großen Talents, sich in einem 25 Quadratkilometer-Gebiet zu verirren, was mir dank Ausschilderungen und Karte hoffentlich nicht passieren wird.

Kritisch wird es nur nachts, wenn mangels Wegbeleuchtung und Straßenpflaster wirklich jeder Weg so aussieht als fahre man durch den tiefsten Wald. Theoretisch kann man nur der Nase entlang fahren, da das Scheinwerferlicht dazu dienen muss, die wenigen unmittelbar vor einem liegenden Meter auszuleuchten. Sonst kann man schon mal eine Unebenheit übersehen, oder es steht plötzlich eine Kuh vor einem. Das meine ich todernst.

Und trotzdem ein winziges Sightseeing-Erlebnis

Am vergangenen Sonntag hatte ich tollen und entspannten Besuch einer Mitstipendiatin plus Anhang, mit dem ich mich dann wenigstens kurz dem Sightseeing widmen konnte.

Eine der wenigen Sehenswürdigkeiten, die Auroville vorweisen kann: Das Matrimandir. Und gleichzeitig genau die Einrichtung, von denen es den Aurovillians (Kein Name, der meiner Fantasie entsprungen ist.) am liebsten wäre, wenn sie nicht von Touristen belagert werden würde.

Aus diesem Grund ist der Zutritt in den „großen goldenen Golfball“ nur mit Anmeldung erlaubt – wir haben uns daher mit einem Foto vom Aussichtspunkt aus begnügt. In den nächsten Wochen werde ich aber sicher eine Gelegenheit finden, das dortige „Konzentrationszentrum“ und damit den spirituellen Kern Aurovilles zu besuchen, der sich sehr viel Mühe dabei gibt, nicht mit einer Religion verwechselt zu werden.



Frischer Wind im Leben, oder doch gleich ein Zyklon?
4. November 2012, 15:52
Filed under: Babys erste Schritte, Home Sweet Home, Indien-Impressionen

Auroville. Vor fast einer Woche bin ich in den Inlandsflieger nach Chennai gestiegen und im Anschluss noch 3 Stunden mit dem Taxi nach Süden gefahren worden.

Die 2000-Einwohner-Gemeinschaft kann ohne mit der Wimper zu zucken als Dorf bezeichnet werden, auch wenn man statt Strohhütten hier moderne Wohn- und Verwaltungsgebäude findet. In etwa 30 Minuten kann man mit dem Fahrrad vom nördlichen zum südlichen Ende des Greenbelts fahren – des Waldes, der in dieser Wüste gepflanzt wurde, und der Auroville jetzt einkreist.

Die Gefahr, mich zu verlaufen, kann ich bisher trotzdem nicht aus der Welt schaffen. Das Gebiet ist weitläufig, man sieht ständig nur Bäume und mehr staubige Pfade als gepflasterte Straßen. Bei Sonnenschein kann ich den Charme von Wald und Frischluft aber de facto nicht leugnen. Ebensowenig wie die dringende Notwendigkeit eines motorisierten Untersatzes, um von A nach B zu kommen, besonders nach Sonnenuntergang – Punkt 18 Uhr.

Gegründet wurde das „internationale Dorf“, in dem Frieden und Gemeinschaft unabhängig von Herkunft und Nationalität praktiziert werden sollen, in den 1960ern von einer Französin, die heute als Guru einfach „Mother“ genannt wird, und den philosophischen Grund- stock für all das gelegt hat.
Details erfahre ich hoffentlich während einer der Einführungs- veranstaltungen, bei denen ich mich hoffentlich nicht dafür rechtfertigen muss, nicht hier zu sein, um Erleuchtung zu finden.
Letztendlich wird es wohl eine Sache der Gewohnheit sein, dass die einzelnen Ortsbereiche und Wohngebiete Namen wie „Revelation“, „Discipline“, „Solitude“, „Inspiration“ und „Sincerity“ tragen.

Der praktisch bisher größte Unterschied zum Leben in Pune hat weniger mit Auroville zu tun, sondern mit der Tatsache, dass es ein Dorf ist: Mehrmals pro Tag fehlt für mehrere Stunden der Strom.
Was auch am ersten Abend zu hochgezogenen Augenbrauen meinerseits geführt hat. Ohne Strom, ohne Internet und ohne Licht in einem fremden Zimmer zu sitzen, und nicht mal ein Handy zu haben, um mit jemandem darüber zu reden, war doch eher eine ungewohnte Situation, von der an es eigentlich nur bergauf gehen konnte…

Dachte ich jedenfalls, bis kurz darauf eine Zyklonwarnung ausgestellt wurde und den Einwohnern geraten wurde, die Häuser nicht zu verlassen. Ist zum Glück alles heil geblieben. Inzwischen habe ich auch zumindest immer Licht – ein Vorteil, wenn man bei einem Solarunternehmen arbeitet.

Allerdings arbeite ich dort nicht nur, sondern wohne da im Grunde. Eine Tür neben dem Büroeingang liegt die Tür zur Gästewohnung – meinem Domizil für die kommenden sechs Monate. Kurze Arbeitswege, aber auch wenig psychische Distanz? Wir werden sehen.

Wasser ist – dem Monsun sei Dank – aktuell keine Mangelware. Um nicht ganz die verwöhnte Westlerin raushängen zu lassen, beklage ich mich auch nur ganz leise darüber, nur kalt duschen zu können.

Das wirklich nasskalte Wetter steht mir im kommenden Monat noch bevor. Wenn ich mir aber dann überlege, dass dieses Wetter hier gerade Winter ist… und dann an den aktuellen Winter in Deutschland denke… kann ich ein schadenfrohes Lächeln nicht vermeiden.