Zu Besuch im Land der Tausend Farben


Von Glaspalästen und Blechkerkern
14. Januar 2013, 08:16
Filed under: Studium und Praktikum

Mal wieder in der Millionenstadt. Wie vorgesehen, verbringe ich zwei schöne Januarwochen nicht in Auroville, sondern im mumbaier Büro meines Praktikumsunternehmens. Und wie es alle Lebensumstände nun mal an sich haben, hat auch diese kleine „Entsendung“ positive und negative Aspekte…

Die dreckbefleckte Medaillenseite

So wenig Probleme mir meine Aufgabenstellung auch bereitet, so intensiv ist das tiefe Bedürfnis, sie so schnell wie nur menschenmöglich hinter mich zu bringen! Meine Effizienz steigt ins unermessliche Höhen, wenn es mir hilft, diesem lichtlosen Rattenbunker zu entfliehen, der sich Büroraum nennt.
Wer jetzt in Versuchung ist zu sagen:

„Verblödetes Weibsbild! Glaubst du, nur weil du zwei Wochen in Mumbai bist, bekommst du einen klimatisierten Schreibtisch in einem vierzigstöckigen Glaspalast? Komm mal wieder auf den Boden“,

den möchte ich höflichst bitten, nach draußen zu gehen und sich lachend unter einen Mähdrescher zu legen. -.-

Mein vorheriges Praktikum absolvierte ich in einer zum Büro umfunktionierten Drei-Zimmer-Wohnung in einem 2000-Seelen-Nest im Schwabenland. Mein üblicher Arbeitsplatz in Auroville lässt sich auf einem Balkon mitten im Wald lokalisieren, auf dem zu 50% des Tages kein Strom fließt. Es sind sicher nicht die Glaspaläste, die mir fehlen.

Ich habe beide Arbeitsplätze genossen. Was mir fehlt, ist in erster Linie… Glas. Insbesondere die Art, aus der gottverdammte Fenster gemacht werden! Wer hätte erwartet, dass ausgerechnet in einem Solarunternehmen Tages- licht eine derart knappe Ressource ist, dass ich jetzt in einem Metallbunker mein Nicht-Gehalt* verdiene?

Oh, und hinsichtlich des angesprochenen „klimatisierten Schreibtischs“ merke ich nur an, dass ich ein Huhn opfern würde, um irgendjemanden in dieser Firma zu überreden, die verfluchte Klimaanlage zu sabotieren, oder zumindest auf eine Temperatur über dem Gefrierpunkt zu setzen.

Die glänzende Seite der Medaille

Der Silberstreif am Horizont des Feierabends ist glücklicherweise meine Unterkunft: Ich darf bei der Chefin des mumbaier Büros wohnen – kostenlos und wortwörtlich „all inclusive“. Wer mich auch nur ein wenig kennt, weiß genau, dass ein warmes Bett und ein funktionierender Internetanschluss bereits etwa 80 Prozent meiner Grundbedürfnisse abdecken.

Alles darüber hinaus ist Luxus: warme Duschen (!), drei warme Mahlzeiten pro Tag, zubereitet von drei Hausangestellten, die dafür sorgen, dass man nicht einmal zum Wasserglas-Holen einen Finger krümmen muss, und welche nebenbei noch die ganze Bude aufräumen, Geschirr spülen und die beiden Kinder meiner Chefin in Schach halten.

Für alle Wege zwischen Arbeitsplatz und warmem Bett wird nicht etwa der öffentliche Nahverkehr herangezogen, sondern der hauseigene Fahrer. Selbigen darf ich mir, sofern er nicht anderweitig benötigt wird, auch jederzeit für private Zwecke zum Untertan machen, um mich von A nach B transportieren zu lassen.

Was diesem hübschen Bild einen kleinen Makel verleiht, ist nur die Tatsache, dass alle Angestellten ausschließlich Hindi sprechen. Hätte ich das gewusst, als ich im September und Oktober Hindi-Unterricht hatte…
Na ja, so übersetzt eben die sechsjährige Tochter, dass ich gern einen Tee hätte, wenn das Hausmädchen beim Wort „tea“ nur peinlich berührt lächelt.

Und Mumbai generell?

Soweit keine neuen Begebenheiten, die den ersten Eindrücken im vergangenen Jahr widersprächen.
Die Stadt ist immer noch viel zu groß, um praktisch zu sein; ist dank Meeresnähe und Schwäche des indischen Sekundärsektors nicht ganz so versmogt wie sie es sein könnte (aber trotzdem versmogt); und ist bemüht, jede Lücke zwischen den existierenden Betonbauten, Kolonialbauten und Tempeln mit glasfacaden-bespickten Wolkenkratzern zu füllen.
Also nichts Neues im Staate Indien.

Wobei es schwer fällt zu ignorieren, dass ich den Löwenanteil der Zeit, in der ich nicht in einem Kinderbett schlafe oder mich während der Arbeit weinend daran zu erinnern versuche, wie frische Luft riecht, im Stau stehe.

In weniger umfangreichen Worten: Mein weinendes Auge wird wohl nicht sehr viel Wasser verlieren, wenn ich den Rückflug nach Südindien antrete.

* Ja, der deutsche Steuerzahler finanziert mein Stipendium. Ja, ich muss in Auroville keine Miete zahlen. Ja, ich beschreibe im gleichen Blogeintrag die Vorzüge von Hausangestellten und Chauffeuren. Klappe.

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Kerala IV – Fazit
10. Januar 2013, 12:17
Filed under: Indien-Impressionen, Sightseeing und Reisen

„Jetzt besuchen wir nur noch den Shop eines Freundes!“ – Altstadtrundfahrt in Kochi

Verspätet noch ein Bericht zur letzten Kerala-Reisestation und meinem verachteten Urlaubsende: Kochi. Großstadt, Meer, und wieder mal kochend heiß.

Trotz gebührender Faulheit konnte ich mich überzeugen, eine Kathakali-Vorführung zu besuchen. Diesen klanglosen Namen gab man jedenfalls dem regionalen Tanzstil Keralas. Wie ich herausfinden durfte, tendiert dieser Tanz doch sehr viel stärker in Richtung Theater als die indischen Tanzstile, die ich bisher live gesehen hatte. Wenig Körperbewegung, viel Körperspannung, der größte Teil der Geschichte wird über Mimik und Gestik vermittelt und die Musik besteht aus Trommeln und Becken. Und das Kostüm ist riesig. Allein das Gesichtsmakeup, bei dessen Auftragen man zuschauen durfte, benötigte einen einstündigen Vorlauf.

Da sich die schönsten Stadtteile Kochis nicht auf dem Festland befinden, sondern auf einer vorgelagerten Insel, war selbige der Hauptanlaufpunkt am letzten Tag in Freiheit. Für 100 Rupien machen es sich Rikshafahrer zur Aufgabe, gutgläubige Touristen zu Fischernetzen, Tempeln und diversen Kirchen zu kutschieren. Diesmal sogar mit Fotoerlaubnis.

Letzter Stop der Rundfahrt ist dann selbstverständlich der Laden eines „Freundes“, in dem man sich doch bitte einen Teppich, Schmuck, Möbel, Statuen und anderen Krempel andrehen lassen soll, um das Tageseinkommen des Reiseleiters etwas aufzubessern. War ja klar.

Und so endete mein Urlaub in Kerala. Letztendlich konnte ich nur zufrieden ins Bettchen fallen und mich freuen, zufällig als letzte Reisestation ein Hotel gebucht zu haben, in welchem mir sogar Seife, Toilettenpapier und ein Handtuch zur Verfügung gestellt werden. Luxus…

„Perspektivenwechsel“ – Abschlussgedanken

Als ich in China war, war mir klar, dass das Land unvorstellbar groß ist. Seltsamerweise erschien mir Indien im Gegensatz dazu nie als wirklich massiver Brocken auf der Weltkarte. Diese Ansicht kann ich nun nach einer Reisewoche dankbar im Klo runterspülen. Denn:

Indien ist groß. Also wirklich bescheuert groß. Selbst Kerala ist enorm. Und Kerala ist nur ein winzig kleiner Fleck auf der Landkarte, der so aussieht, als habe man ihn noch notdürftig an die Südwestküste gequetscht, als im Rest des Landes kein Platz mehr war.
Kerala hat 60 Millionen Einwohner. Das ist dreimal so viel wie Schweden – bei nahezu identischer Größe.
Wenn man sich in Deutschland ins Auto setzt und vier Stunden fährt, hat man knapp die Hälfte der Republik hinter sich gebracht. Wenn ich in Kerala ins Taxi steige und vier Stunden geradeaus kutschieren lasse, komme ich von der Küste des unteren Drittels an Ostgrenze des mittleren Drittels.
Wenn ich in Indien den Bundesstaat wechsle, sprechen die Menschen eine andere Sprache. (Auch wenn mir das manchmal auch in Deutschland so vorkommt.)

„Dienerschaft und Rattenloch“ – Arbeit in Mumbai

Dem Urlaubsende zum Trotz geht es für mich allerdings nicht zurück nach Auroville. Zwei Wochen lang werde ich sozusagen „entsendet“, um im Firmenbüro in Mumbai etwas unentlohnte Arbeit zu leisten.
Wobei… So ganz unentlohnt ist sie nicht…

Mehr dazu im nächsten Eintrag.



Kerala III – Mehr Tee als ich im Leben trinken werde
6. Januar 2013, 09:41
Filed under: Sightseeing und Reisen

Trotz meiner tendenziellen Aversion gegenüber Bergen bin ich vor zwei Tagen dann doch in Munnar gelandet.

Kurz nach Verfassen des letzten Blogeintrags führte mich ein Bus – genauer gesagt zwei Busse, mit einer Fahrtzeit von insgesamt sieben Stunden… – hoch in die Berge. In die Western Ghats im Osten Keralas, der geographischen Grenze zu Tamil Nadu.

Wer jemals mit mir Serpentinen hochgefahren ist, der wird meine Reaktion darauf sicher nur dann als „empfindlich“ bezeichnen, wenn ihm gerade das Wort „psychotisch“ nicht einfällt.
Insofern bin ich schon sehr stolz auf mich, freiwillig und mit vollem Risikobewusstsein mein Leben in die Hände des Fahrers eines rostigen Linienbusses gelegt zu haben. Die Schilder vor jeder zweiten Kurve („Dangerous Curve! Accident Prone Area!“) haben meiner geistigen Gesundheit nichts zu Gute getan, aber meine Güte hat sich der Aufstieg gelohnt!

Die Region um Munnar ist bekannt für ihre ausufernden Teefelder. Durch selbige habe ich ab acht Uhr morgens mit persönlichem Rikshafahrer eine Tour unternommen. Und diese fantastische Landschaft war jeden einzelnen Meter wert!

200.000 Menschen aus Kerala und Tamil Nadu sind hier jeden Tag des Jahres – auch zur Monsunzeit – auf den Teefeldern beschäftigt.

Ohne Panorama ist es fast unmöglich, die gigantischen Ausmaße dieser Teeplantagen in einem Bild festzuhalten. Über Kilometer hinweg ist jeder einzelne Hügel mit goldgrün schimmernden, kissenhaften Teefeldern bedeckt und verwandelt die 1500 bis 2000 Meter hohen Berge in regelrechte Skulpturen.
Etwa 2000 Meter über dem Meeresspiegel gelangt man schließlich zur Top Station – mit Weitblick über die Western Ghats.

Das einzige emotionale Highlight meines Kerala-Sightseeings, das diesen Ausblick noch toppen kann, ist die Hotel-Ausstattung: Da es auf 1500 Meter Höhe nun mal auch in Indien kalt ist – besonders nachts und morgens. Was das heißt? Warmes Wasser in den Hotels! Meine erste heiße Dusche seit über zwei Monaten. Wenn ich mir nicht zu verweichlicht vorkäme, würde jetzt noch eine Freudenträne über meine Wange rollen.

Einen Warnhinweis im Badezimmer habe ich leider nicht in einem Foto verewigt: „Careful! Long hot showers may cause suffocation!” – Ähm, danke, das Risiko geh ich ein.



Kerala II – Palmen-Übersättigung
3. Januar 2013, 07:30
Filed under: Sightseeing und Reisen

Wenn Palmen das universelle Symbol für Urlaub sind, dann hatte ich in den letzten Tagen höchstwahrscheinlich den Urlaubs-Overkill.

Und ich will mehr…

… unironisches Strandgefühl.

Bei direkt unter den Klippen gelegenem Sandstrand, einer hunderte von Metern langen Klippenstraße, auf der Restaurants und Läden um die beste Aussicht konkurrieren, und 30-Grad-warmem Wasser wäre jeder sarkastische Kommentar einfach nur überflüssig und böswillig.

Dafür hat sich die einstündige Zugfahrt von Trivandrum mit Stehplatz im Zweite-Klasse-Abteil, eingequetscht zwischen Indern und eigenem Reisegepäck, fraglos gelohnt.
Viele – hauptsächlich westliche – Touristen verbringen in diesem kleinen – aber stark wachsenden – Dorf mehrwöchige Urlaube. Ich hingegen war in Varkala lediglich zum…

… Jahreswechsel.

Kurz, schmerzlos, nicht allein.
Dank drei Mitstipendiaten und deren Besuch fand sich passenderweise eine Gruppe von 13 Leuten, die gemeinsam auf das Jahr 2013 angestoßen haben.

Die indische Seite der Dinge beteiligte sich mit einem kurzen Feuerwerk über den Klippen. Nach fünf Minuten war dann wieder alles wie zuvor, und die feiernden Inder zogen sich in die Bars zurück, die um diese Uhrzeit noch nicht von Polizisten geschlossen wurden.
Zwei Uhr nachts kletterte ich dann schon wieder zurück in mein Baumhaus, in dem mich das gebuchte Hostel für zwei Nächte mit Matratze und Ventilator untergebracht hatte.

Zum Thema Palmen-Overkill…

… Backwater-Tour.

Standard-Tagesordnungspunkt beim Kerala-Besuch ist eine Tour durch die Backwaters – und diesem Stereotyp konnte und wollte ich mich nicht entziehen.

Die Fährfahrt von Kollam nach Alleppey führte über sieben Stunden lang durch breite Wasserstraßen, vorbei an mehr Fischerdörfern und Kanus als es Kirchen im Vatikan gibt. Umringt von einer Menge Deutschen und Engländern – eben allen, die um diese Jahreszeit dem Winter entfliehen wollen – wurde es dann dank ein bisschen Smalltalk über Gott und die Welt (und Indien) auch nicht langweilig.

In einer netten siebzigjährigen Schweizerin habe ich dann auch meine Zimmernachbarin für die darauffolgende Übernachtung in Alleppey gefunden. Aus Mangel an Alternativen hatte ich ein Doppelzimmer gebucht – glücklicher Zufall für alle Beteiligten.
Ganz zu schweigen davon, dass das Hostel inmitten eines von Palmeninseln dekorierten Sees außerhalb des Stadtzentrums liegt.

An exakt diesem Seeufer tippe ich soeben diese Zeilen, halte die Ameisen um mich herum in Schach, und bin fast ein bisschen herzensschwer, nach nur einer hier verbrachten Nacht wieder in einen Bus zum nächsten Reiseziel steigen zu müssen.

Vielleicht ist 13 ja doch keine Unglückszahl.