Zu Besuch im Land der Tausend Farben


Neuer Haken auf der Tempel-Checkliste
28. Februar 2013, 18:22
Filed under: Sightseeing und Reisen

Tiruvannamalai, drei holprige Busstunden von Auroville entfernt, hat mit einem von Höhlen und Ashrams übersähten Berg eigentlich noch mehr zu bieten als einen Tempel. Aber leider hatten Hitze und Gesundheit dann doch stärkere Argumente als der persönliche Sightseeing-Zwang.
Zwei Wochen nach der Berg-Tour/-tortur habe ich mich wieder aus meinem Nest im Wald gewagt, um den angeblich zweitschönsten Tempel Tamil Nadus zu besuchen: Den Arunachaleshwar-Tempel.

Im Vergleich zu Chidambaram sind die vier Tore des rechteckigen Tempelgebiets nicht nur merklich höher, sondern… weiß. Kein Tropfen bunte Farbe findet sich auf den steinernen Türmen. Als hätte jemand einen üblichen Hindu-Tempel genommen und ihn kopfüber in einen Eimer Deckweiß getaucht.

Falls es in diesem Tempelgelände ein Fotoverbot gab, dann hatte die Durchsetzung und Überwachung mehr Lücken als ein Tempelelefant Borsten am Rüssel hat.

Zu Anschauungszwecken: Ein Tempelelefant.

Zwar war die Anzahl an Besuchern, die tatsächlich zu Anbetungszwecken einen oder mehrere der dutzend Schreine im Gelände besuchen, nicht unbeachtlich, aber sie verblasst im Vergleich zu den Indern von nah und fern, deren Gesicht in neun von zehn Fällen von einer hochgehaltenen Handykamera verdeckt wurde.

Schon nach wenigen Metern war der doppelt positive Effekt dessen zu erkennen: Zum einen stach ich nicht mehr in meiner Identität als westliche Touristin heraus (sondern nur noch in meiner Identität als Westlerin…), und zum anderen konnte ich endlich Bilder der wunderschönen Deckenbemalungen machen, an deren fotographischer Verewigung ich letztes Jahr in Chidambaram leider gehindert wurde!

Anbetungsgegenstand: Shiva.
Deckebemalung: Szenen aus seinen Legenden.

Wäre schön, wenn es mehr zu erzählen gäbe.
Es war schon mal nicht hilfreich, dass das online gebuchte Hotel beim Einchecken nichts von meiner Reservierung wissen wollte. Zwar hat sich nach einer halben Stunde noch ein Bett finden lassen, aber schon gegen Mittag haben mich ungute Gefühle in der groben Magengegend dann doch dazu überredet, einfach wieder in den nächsten Bus zu steigen.

P.S.: Das erwähnte Unwohlsein hat sich dann im Laufe des Sonntags und Montags manifestiert… Leider war keine der Bananen, Brotscheiben und Elektrolytlösungen derartig lecker, dass sie es wert gewesen wäre, sie zweimal zu essen. Dennoch hat mein Magen ziemlich genau 24 Stunden lang versucht, mich vom Gegenteil zu überzeugen. Ich würde ja sagen: „Was für ein Arsch“, aber der kann nun wirklich nichts dafür.



Wir sind Wolkenkratzer
12. Februar 2013, 14:54
Filed under: Sightseeing und Reisen

In meinen Synapsen findet sich keine bewusste Erinnerung mehr an einen Wanderurlaub, der in mir grenzenlosen Enthusiasmus entfacht hätte. Und daran hat das vergangene Wochenende nichts geändert.
Der kleine indische Urlaubsort Kodaikanal befindet sich etwa sieben Busstunden von Auroville entfernt in den Bergen. Er lockt Touristen mit dicht bewachsenen Wanderwegen, Berggipfeln und diversen Trekking-Routen an – und stand aus selbigen Gründen nie auf der Liste geplanter Reiseziele.

Durch die Nacht

Wie es der Zufall aber so wollte, erfuhr ich von einer Volunteer-Gruppe, die eigens einen Minibus inklusive Fahrer gebucht hatten, um das Wochenende in den Bergen zu verbringen – und noch Sitze zu vergeben hatten.
Kurz gesagt: Der Zwang zur Sozialisation (mit echten Menschen und so…) übertrumpfte die Abneigung gegenüber 2000-Meter-hohen Erdunebenheiten…

Bevor mir also in Auroville früher oder später die Walddecke auf den Kopf fällt, packe ich lieber den Rucksack und springe in den Minibus… für sieben halb-bequeme Schlafstunden, bis wir am frühen Samstagmorgen das Ziel erreichten.

Zwischen fremden Sprachen

Wie sich herausstellte, haben Langzeitaufenthalte in Ländern, deren Sprachen – aktuell überwiegend Tamil – ich nicht beherrsche, mehr Nebeneffekte als ich dachte. Sie erhöhen zum Beispiel meine Frustrationstolerenz, wenn ich Teil einer Gruppe von neun Volunteers bin, von denen sieben fließend Französisch sprechen.
Neben einer netten Kolumbianerin war ich die einzige, die oft darauf hoffte, dass sich die Franzosen, Belgier und Schweizer gelegentlich daran erinnern, dass Englisch auch eine Kommunikationsoption darstellt…

Doch wie gesagt: Es störte mich weniger als vermutet.
Lag das möglicherweise an der Zen-Schule des ersten indischen Zen-Meisters, die wir am Samstagmorgen besichtigten?

Über den Wolken

Wie auch immer. Während ich also vor einem Monat die Western Ghats aus Richtung Westen (Munnar) bewundert habe, ermöglichte sich nun also eine Detailbetrachtung von entgegengesetzter Seite aus.

Mich an diesem Wochenende als „Wolkenkratzerin“ zu bezeichnen, ist überraschend wörtlich zu nehmen – mal mehr, mal weniger:

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Im Übrigen ist das keine Aussicht, für die wir stundenlang Felswände erklimmen mussten. Dieser Anblick eröffnete sich direkt vor unserem Hostel.

Null Grad Celsius Außentemperatur, dünne Decken und Warmwasser nur von 7-10 Uhr morgens gestalteten die einzige Übernachtung in Kodaikanal nur unwesentlich bequemer als die vorangegangene Nacht im Minibus.
Wie sich herausstellen sollte, sind drei Stunden Schlaf aber immer noch ausreichend, um fünf Stunden lang über Stock und Stein zu wandern.

Unterm Himmel

Und genau dieses Vorhaben nahmen wir, unter Führung eines indischen Guides, am frühen Sonntagmorgen in Angriff.
Die Stunden, die mich an Bergwänden und –wäldern entlang über Wurzeln und Felsen führten, spielten sich ziemlich exakt so ab, wie ich erwartet hatte…

Tränengleiche Schweißtropfen und stöhnende Oberschenkel erinnerten mich minütlich daran, wie phänomenal außer Form ich bin und warum ich persönlich nicht vorhatte, während meines Indienaufenthalts nach Kodaikanal zu fahren. Aber sei’s drum – Springen von den Klippen war keine Option, um der Bergwanderung zu entkommen. Und da es zu nahezu jedem Zeitpunkt nur einen einzigen Weg gab, den man hätte betreten können, hat mich auch gelegentliches Hinterherschleichen nicht von der Gruppe getrennt. (Nicht zu vergessen: Die kolumbianischen und französischen Weggefährt/innen, die ein Auge für mich übrig hatten. ^^)

Und für die Landschaft hat es sich die Qual natürlich wie üblich gelohnt.
Plus: Im drastischen Gegensatz zu chinesischen „Wanderwegen“ bin ich in Kodaikanal keiner einzigen Treppenstufe begegnet!

Im Ausklang

Gen Sonntagabend galt es dann lediglich noch, ein paar Stunden bis zur nächtlichen Rückfahrt nach Auroville zu überbrücken. Während unserer (letztlich erfolg- reichen) Suche nach einem Pub mit Sitzmöglichkeit begeg- neten wir auch einem lautstarken Fest- umzug zu Ehren Sankt Michaels.


Zum Abschluss also noch ein Bild für alle, die immer noch fälschlicherweise glauben, dass 24 Millionen Inder weniger „indisch“ werden, nur weil sie christlich sind. ^^



Waldgesänge
5. Februar 2013, 18:10
Filed under: Home Sweet Home, Studium und Praktikum

Widerstandslos habe ich mich vor fast drei Wochen wieder vom Auroville-Alltag gefangen nehmen lassen. Die Geckos an meinen Zimmerwänden haben mich kreischend begrüßt, die Ameisenstraßen formten einen roten Teppich und die Moskitos summten eine Hymne zu Ehren meines Mutes, als Passagier eines kleinen 50-Sitz-Flugzeuges auf dem Mini-Flughafen Pondicherrys gelandet zu sein.
(Das Ding hatte Propeller. Und der Flughafen könnte im früheren Leben ein Fußballfeld gewesen sein.)

Morgens und abends nachts schallen nun also wieder indische und südamerikanische Gesänge durch die Baumwipfel hin zu meinem Fenster. Gesänge und Getrommel aus Chanting Circles, bei denen 10 bis 30 Leute, die sich etwa anteilsgleich in Hippies, Aussteiger und Neugierige unterteilen lassen, um ein Lagerfeuer sitzen und sich summend, trommelnd und singend dem „Great Spirit“, der eigenen Gefühlswelt oder leider auch der Abwesenheit einer angenehmen Singstimme hingeben.

Auroville ist auch der bisher einzige Ort der Welt, an dem ich ein „Öko-Musik-Festival“ ohne Kopf-Schieflegen und verwirrtes Nachfragen als gegeben hinnehmen kann.
Ein Festival gleichen Namens fand hier am vergangenen Samstag statt. Unternehmen aus Auroville versammelten sich, bauten Stände auf, und der geneigte Aurovillian oder Gast konnte im gleichen Atemzug Papierschmuck, Bambushölzer, Solartaschenlampen, Biokleidung und Bakterienkulturen für die Komposttoilette kaufen.
Alles untermalt von Livemusik von Pop bis Indian Fusion Funk.

Es wäre eine beachtliche Lüge, wenn ich mit geschwellter Brust und hochgezogener Augenbraue behaupten würde, dass mir nicht auch die entspannte Halb-Hippie-Atmosphäre ein klein wenig gefehlt hat.

An allererster Stelle natürlich dieser Arbeitsplatz:

Alleskleber im Kartenhaus meines täglichen Seelenfriedens.