Zu Besuch im Land der Tausend Farben


Thailand III – Wenn erste Eindrücke der Wahrheit entsprächen
27. April 2013, 14:11
Filed under: Indien-Impressionen

Nur wenige Argumente bringen mich davon ab, gebetsmühlenhaft zu verkünden, dass Shanghai nicht viel mit dem Rest Chinas gemeinsam hat. Und auch meine Erfahrungen in Mumbai hatten nur eine geringe Auswahl Schnittstellen mit meinen Erfahrungen im Rest Indiens. Daher gibt es vorerst keinen objektiven Grund für mich zu glauben, in Bangkok einen repräsentativen Eindruck von Thailand bekommen zu haben.

Was schade ist. Denn ich möchte gern glauben, dass das ganze Land so ist wie die kurzen Einblicke, die mir seine Hauptstadt in den letzten zwei Wochen geboten hat. Besonders im Vergleich zu Indien.

Das ist (fast) alles, was ich dazu sagen kann. Sauberer, geordneter, freundlicher. Ich weiß, dass ich viel Dreck finde, sobald ich etwas an dieser oberflächlichen Fassade kratze. Aber für den Moment habe ich nicht den Bedarf, diesen positiven Eindruck loszulassen…

Deshalb jetzt – mal wieder bei einer Tasse Kaffee am Flughafen wartend – nur noch einige Gedanken, die ziellos in meinem Kopf schwirren.

  • Noch ein „Land des Lächelns“.

    Die Studentin interkultureller Kommunikation in mir weiß natürlich, dass da ein Löwenanteil indirekte Kommunikation im Spiel ist, und dass ich mir aus jedem zweiten Lächeln nicht viel machen sollte. Aber wenn ich als Deutsche („Direkt, aber wir lassen jedes sein eigenes Süppchen kochen und lassen ihn in Ruhe.“) die Wahl habe zwischen einem lauten, verhältnismäßig direkten Indien und einem leiseren und höflich distanzierterem Thailand… Nein, den Satz muss ich nicht beenden.

  • Garderobenbedarf.

    Dieser Punkt macht mich dann doch froh, für den Augenblick nicht länger hier zu wohnen. Denn das würde fraglos preisintensive Shoppingtouren nach sich ziehen, um den Inhalt meines Kleiderschranks umzuwerfen.

    Nicht etwa, weil qualitativ hochwertige Markenware hier spottbillig ist. (Ist sie nicht.) Sondern einfach, weil ein schlichter 360-Grad-Blick in den Straßen Minderwertigkeitskomplexe verursachen kann. Vom Scheitel bis zur Sohle ist praktisch jede Thailänderin, die mir über den Weg gelaufen ist, elegant und auf den Punkt gekleidet, gestylt und in Szene gesetzt. Noch schlimmer als in China.

    Dass ich ein halbes Jahr in einem Dorf im Wald gelebt habe, hilft dabei nicht. Was in Auroville zweifelsfrei als overdressed galt (Fängt schon mal an bei Jeans. Oder sichtbarem Makeup.), lässt mich in Bangkok aussehen wie frisch aus der Mülltonne gekrochen.

    Und es ist nicht so, dass es den Thailändern nicht auffallen würde. Zitat: „Das macht doch nix, dass du so aussiehst. Wir sehen ja, dass du Ausländerin bist.“ Danke. In deinem Kopf hörte sich das bestimmt freundlich an.

  • Katzenhafter Straßenverkehr.

    Wie auf Samtpfoten reiht sich ein Auto ans nächste, wartet an Ampeln, ordnet sich aus Seitenstraßen in die Hauptstraße ein, überholt und lässt überholen,… Bei meiner ersten und zweiten Fahrt in Bangkoks Straßen hatte ich nur ein unterschwelliges Gefühl in der Magengegend, dass irgendwas… seltsam ist. Irgendwas war nicht normal. Erst später fiel es mir dann wie Schuppen von den Augen: Niemand hupt. Niemand.

    Ganz zu schweigen davon, dass dort tatsächlich nur drei Spuren gebildet werden, wo drei Spuren vorgesehen sind. Und dass nicht das schnellste, wendigste, größte oder lauteste Auto (je nach Situation) Vorfahrt hat, sondern dass diese Entscheidung von den Straßenschildern geregelt wird.

  • Hier wird das „Eis“ im „Eiskaffee“ ernstgenommen…

    Auch mal eine Erfahrung. Egal ob Cola, Saft, Kaffee oder Kakao: Bevor das Glas nicht randvoll mit Eiswürfeln gepackt wurde, findet kein Getränketropfen seinen Weg ins Gefäß. Was die Trinkerfahrung dann beträchtlich beschleunigt, wenn man keinen völlig verwässerten Kaffee möchte.

So. War’s das jetzt etwa schon? Nicht ganz. Drei Tage lang werfe ich mal einen Blick auf die Südspitze der Halbinsel: Singapur. Der Rückflug nach Thailand schickt mich dann fast direkt an den Strand zum tatsächlichen „Urlaub“. Ob das im Blog breitgetreten wird? Wohl eher nicht. ^^ Bin ja nicht die erste Deutsche, die im Golf von Thailand badet.

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Thailand II – Etwas mehr als Salz und Brot
23. April 2013, 08:52
Filed under: Studium und Praktikum

Unglücklicherweise hatte ich das thailändische Neujahrsfest ja nun um einen Tag verpasst. Dessen Zelebrierung besteht scheinbar unter anderem darin, dass sich wildfremde Menschen auf den Straßen mit Wasser und Wasserballons bewerfen. (Und ich war nicht dabei. Wahrhaft tragisch, dass mir die Entscheidung zwischen „Im Zimmer einschließen“ und „In einem Loch eingraben“ erspart blieb.)

Bleiben also zwei Wochen Büroarbeit in einem Industriepark, der zehn Minuten Fußweg von meinem licht- und küchenlosen Appartement/Hotelzimmer entfernt liegt.
Wider Erwarten bestehen diese beiden Wochen aber nicht nur aus zombiehaftem Hin- und Herwandeln zwischen Bett und Büro, ohne dabei zu bemerken, ich welchem Land ich mich befinde oder nicht befinde.

Am Samstag fand im Haus meiner Chefin eine große Feier statt, zu der nach meiner Einschätzung nicht nur jeder Verwandte dritten Grades, sondern auch die ganze Firma eingeladen war. Der Grund, für 50 Leute kostenloses Essen anzubieten (Das war ungelogen das Hauptargument einer Kollegin, warum ich unbedingt kommen sollte.), war aber nicht ganz uneigennütziger Natur:
Anlass der Festlichkeit war eine Haussegnung. Vor einigen Jahren wurde ihr Haus von Regenfällen und Überflutungen stark mitgenommen. Jetzt – nach Abschluss aller Renovierungsarbeiten – will man kein gottgewaltiges Risiko eingehen und die Behausung ordnungsgemäß nach Tradition segnen lassen.

Gut also, dass es hier keinen Mangel an buddhistischen Tempeln und mietbaren Mönchen gibt.

Wohnzimmer leeren, Platz machen für eine Gruppe von Mönchen, die etwa eine Stunde lang singen, beten und Kerzen verbrennen, während Teller um Teller eine stattliche Menge Speisen vor ihnen serviert wird. Das ansehnliche Gästebuffet darf noch nicht angerührt werden, bevor die Mönche satt sind.

Aber nur weil die Herren erst fertigessen müssen, bevor sich das gemeine Fußvolk den Teller füllen darf, sind Vorfreude und Vorbereitung ja nicht verboten. Ich wurde eingeladen, meinen eigenen Papayasalat (Som Tam) zusammenzustellen.

Kaum hatte ich den Holzmörser in der Hand, hatte sich die Traube schaulustiger Gäste in Tischnähe auch schon verdoppelt. Viele nette Thailänder, die alle der Meinung waren, besser zu wissen, wie man ein Salatblatt in die Hand nimmt oder eine Tomate schneidet. Bin überrascht, dass sie mir überhaupt ein Messer in die Hand gegeben haben.

Nach den skeptischen Blicken auf das, was ich da zusammenrührte, waren sie vielleicht einfach der Meinung, dass mein Salat lebensgefährlicher ist als jede Waffe. (Eine Kollegin hat erst mal das Kreuzzeichen vor ihrer Brust gemacht, bevor sie ihre Gabel mit dem Zeug gefüllt hat. ^^)

Und noch der Wortwechsel, den ich an diesem Tag am häufigsten geführt habe:

ICH
(nehme mir Essen)

THAILÄNDER MIT ENTSETZTEM BLICK
Vorsicht, das ist scharf!
O________O

ICH
Super, gefällt mir.

THAILÄNDER MIT BEGEISTERTEM BLICK
Oh! ^________^



P.S.: Sonst ist die Arbeitssituation auch okay – kein Klagelied nötig.

Das Büro ist ähnlich lichtlos wie mein zweiwöchiger Kerker in Mumbai vergangenen Januar, hat aber wenigstens architektonisch weniger Ähnlichkeit mit einem Spießrutenlauf zur Folterbank. Anders formuliert: Die Räume sind etwas größer, die Luft etwas besser, Produktion und Lager sind direkt nebenan, und es gibt (Instant-)Kaffee. Also keinesfalls der Vorhof der Hölle – mir geht’s gut.
Und in drei Tagen bin ich auch schon wieder weg.



Thailand I – Drei Gedanken zum Länderwechsel
17. April 2013, 11:05
Filed under: Babys erste Schritte, Home Sweet Home, Indien-Impressionen

1.) Optimierungsbedürftiges Timing

Zeigt sich bei mir langsam eine Tendenz, immer zu den ungünstigsten Zeitpunkten umzuziehen?

  • 2010 lege ich mir aus Visumspanik das Ei selbst ins Nest, ausgerechnet zum Frühlingsfest umzuziehen. (13 Stunden im Zug und fast erfroren im vollkommen menschenleeren Hostel.)

  • November 2012 ziehe ich innerhalb der einzigen Monsunwoche nach Auroville, in der eine Zyklonwarnung ausgerufen wird. (Strom, Internet, Trockenheit und Wärme als entfernte Träume.)

  • Und in Thailand arbeitet außer im Supermarkt keiner, weil Neujahr gefeiert wird. Klar, 16. April, das springt einem ja förmlich ins Auge… *

2.) Startschuss zum Thailand-Minikapitel

Nach einer Landung um 3 Uhr morgens Ortszeit ist mir diese Pause einerseits ganz recht. Andererseits versuche ich, mich mit Tütencappuccino und dem Tippen dieser Zeilen tagsüber wach zu halten, um nicht die erste Schwachmatin zu sein, die von 1,5 Stunden Zeitverschiebung Jetlag davonträgt.

Mein Appartment in Firmennähe im nördlichen (d.h. nicht-touristischen) Bangkok hat zwar noch kein Internet (Oh weh… Man stelle sich eine wimmernde Jungfer vor, die sich den Arm an die Stirn wirft und melodramatisch in Ohnmacht fällt…), wird aber für die kommenden zwei Wochen mein Basislager sein. Von dort aus werde ich hoffentlich nicht nur ins Büro laufen, sondern hoffentlich auch die Landeshauptstadt erkunden können.

3.) Sonstige Ersteindrücke

Erst jetzt fällt mir auf, dass ich das erste Mal in einem Land bin, auf dessen Landschaft und Kultur ich nicht mindestens ein Jahr lang studienbedingt vorbereitet wurde. Schockschwerenot, da werde ich mich doch tatsächlich mal auf meinen gesunden Menschenverstand verlassen müssen.

  • Erste Gemeinsamkeit mit Indien: Ich kann kein Wort lesen und keiner spricht Englisch.

  • Erster Unterschied zu Indien (und China): Ich stehe am Immigrations-Schalter am Flughafen, habe kein Visum im Pass und werde trotzdem sofort ins Land gelassen. Es ist geisteskrank und unnatürlich, wie unvorstellbar glücklich ich in diesen zwei Minuten war…

In den nächsten Wochen werden wohl noch ein paar Blogeinträge folgen, aber im Großen und Ganzen heißt es: Indien 2012/13 gehört meiner persönlichen Vergangenheit an!

* Um nicht ganz inkompetent zu wirken: Ich wusste, dass in dieser Woche Neujahr gefeiert wird. Aber die Mitarbeiterin, die mich vom Flughafen abgeholt hat (3 Uhr nachts… die Arme.) konnte mir mangels Englischkenntnissen nicht wirklich kommunizieren, wann nun genau gearbeitet wird und wann nicht.
Und wenn mir dank nationalem Feiertag auch noch die Interneteinrichtung vorenthalten wird, werde ich bissig.



Passbildfresser II – Ein Drama in 5 Akten
13. April 2013, 15:53
Filed under: Babys erste Schritte, Indien-Impressionen

Die Fortsetzung der Bürokratieodyssee von Pune.

Zeitraum: 6 Monate

Orte:

  • Deutschland
  • Auroville
  • RRO (Regionale Registrierungsbehörde) Pondicherry

Darsteller:

  • Ich (verzweifelt bemüht, nicht illegal in diesem Land zu leben)
  • Auroville-Studentenservice
  • Auroville-Stiftung
  • RRO-Sachbearbeiterin
  • RRO-Mitarbeiter
  • RRO-Chef

—————- AKT 1 —————-

(Juli 2012, per E-Mail aus Deutschland)

ICH
„Ich brauch offizielle Einladungsdokumente
aus Auroville für Visum und Registrierung.“

AUROVILLE-STUDENTENSERVICE
„Pff, du hast schon ein Visum,
wozu belästigst du mich?“

ICH
„Aber ich muss mich doch auch regis-“

AUROVILLE-STUDENTENSERVICE
„Lalala, ich hör dich nicht, lalala…“



—————- AKT 2 —————-

(November 2012, in der Registrierungsbehörde in Pondicherry)

RRO-SACHBEARBEITERIN
„Du brauchst noch die offizielle
Einladung von Auroville.“

ICH
(schlage Kopf gegen Schreibtisch)


—– (1 Tag später) —–


AUROVILLE-STUDENTENSERVICE
„Kein Problem, ich regle das für dich!“


—– (1 Woche später) —–


AUROVILLE-STUDENTENSERVICE
„Was? Wer bist du?
Keine Ahnung, was du brauchst.“


—– (1 Woche später) —–


AUROVILLE-STUDENTENSERVICE
„Du hast nen Termin bei der Stiftung.
Los, weg mit dir!“



—————- AKT 3 —————-

AUROVILLE-STRIFTUNG
„Ich bin wichtig!“

ICH
„Hi.“

AUROVILLE-STRIFTUNG
„Du bist nur sechs Monate in Auroville,
du musst dich nicht registrieren.“

ICH
„Ich bin aber länger als sechs Monate in Indien.
Selbst in meinem Visum steht,
dass ich mich registrieren muss.“ -.-

AUROVILLE-STRIFTUNG
(nach einem Anruf bei der RRO)
„Okay, ich hab das für dich geklärt,
du gehst heute zur RRO.“

ICH
(reiße die Dokumente an mich)

AUROVILLE-STRIFTUNG
„Ich bin wichtig! Wichtiiiig!“


—– (1 Stunde später) —–


RRO-SACHBEARBEITERIN
„Du hast dich zu spät registriert
und musst deshalb eine Strafgebühr zahlen.“

ICH
„Ich sehe natürlich ein,
dass die Verspätung vollkommen meine Schuld ist
und das alles nicht schon
im Juli hätte vermieden werden können…“

RRO-SACHBEARBEITERIN
„Aber sonst sind alle Dokumente da.
Komm in zwei Wochen wieder.“


—– (2 Wochen später) —–


RRO-SACHBEARBEITERIN
„Es fehlen noch Dokumente aus Pune.“

ICH
(zeige auf die 50 Papierfetzen
und Stempel in meiner Akte)


RRO-SACHBEARBEITERIN
„Es fehlt aber noch eine Bestätigung aus Pune.
Wir haben sie angefragt.
Wir rufen dich an, wenn sie da ist.“



—————- AKT 4 —————-

(2 Monate später, Ende Dezember 2012)

ICH
„Hey, so langsam würde ich mich gern
offiziell registrieren.“

RRO-Mitarbeiter:
(blättert durch meine Akte)
„Hm… Du bist noch gar nicht registriert…
Da fehlen Dokumente aus Pune.“

ICH
„Immer noch?!“


—– (wieder 2 Monate später, Ende Februar 2013) —–


ICH
„In zwei Monaten bin ich hier weg.
Solltet ihr nicht langsam mal dafür sorgen,
dass ich legal in diesem Land bin?“

RRO-MITARBEITER
(blättert durch meine Akte)
„Hm… Du bist noch gar nicht registriert…
Da fehlen Dokumente aus Pune.“

ICH
„Die haben sich vier Monate lang nicht gezuckt.
Was um Himmels Willen sollte mich dazu bewegen
zu glauben, dass sich daran
in den nächsten Wochen was ändert?!“

RRO-MITARBEITER
„Hm… Wir schicken noch mal
eine Erinnerung nach Pune.“

ICH
(schmerzhaft breit lächelnd)
„Viel Glück!“


—– (1 Monat später bzw. 1 Monat vor Ausreise, März 2013) —–


ICH
„Registriert mich oder gebt mir
wenigstens ne Ausreisegenehmigung!“

RRO-MITARBEITER
(blättert durch meine Akte)
„Hm… Du bist noch gar nicht registriert…“

ICH
„Schei* die Wand an, wer hätte das gedacht?“

RRO-MITARBEITER
„Da fehlen Dokumente aus Pune.“

ICH
„Ich steh hier nicht auf,
bevor mir irgendjemand was anderes sagt.“


—– (2 Minuten später im Büro des RRO-Chefs) —–


RRO-CHEF
„Laut deiner Akte fehlen noch Dokumente aus Pune.“

ICH
„Nein, wirklich?
Warum hat mich darauf
bloß noch niemand aufmerksam gemacht?“

RRO-CHEF
„Ich werde persönlich in Pune anrufen,
um das zu klären.“

—– (1 Woche später am Telefon) —–


RRO-CHEF
„Schei* drauf,
beantrag einfach
ne Ausreisegenehmigung.“



—————- AKT 5 —————-

(2 Wochen vor Ausreisetermin, April 2013)

ICH
„Hallo, ich möchte gern Ausreise beantragen.“

RRO-MITARBEITER
(blättert durch meine Akte)
„Hm… Du bist noch gar nicht registriert…
Da fehlen Dokumente aus-“

ICH
„Kann ich mit deinem Chef reden?“


—– (1 Minute später) —–


RRO-CHEF:
„Ah, hallo.
Ja, du kannst Ausreise beantragen.“

ICH
„Na dann los.“

RRO-CHEF
(nimmt meine Akte von seinem Schreibtisch
und gibt sie einer Mitarbeiterin)


RRO-SACHBEARBEITERIN
„Kein Problem, komm 5 Tage vor deiner Ausreise
mit deinem Pass wieder her.“

ICH
„Bin ich grad extra hierhergekommen,
damit meine Akte von einem Schreibtisch
unbearbeitet auf einen anderen Schreibtisch wandert?“

BEIDE
„Ja.“


—– (5 Tage vor Ausreisetermin) —–


ICH
„Tada, hier bin ich, hier ist mein Pass,
lasst mich hier raus!“

RRO-MITARBEITER
„Hm… Du bist noch gar nicht-“

ICH
„Chef!“

RRO-CHEF
„Ja, Ausreise. Passt.“

RRO-SACHBEARBEITERIN
„Komm in 2 Tagen wieder.“

ICH
„Yeah.“


—– (1 Tag später am Telefon) —–


RRO-SACHBEARBEITERIN
„Komm schon heute
und bring dein Flugticket mit.“


—– (4 Stunden später) —–


RRO-SACHBEARBEITERIN
(reicht mir zwei Dokumente)
„Hier ist deine Aufenthaltsgenehmigung,
die bestätigt, dass du bis 17. April
hier registriert bist.“

ICH
(verkneife mir zu kommentieren,
dass das also der Wisch ist,
für den noch Dokumente aus Pune gefehlt haben)


RRO-SACHBEARBEITERIN
„Uuuuund hier ist deine Ausreisegenehmigung!“

ICH
(schmeiße symbolischen Konfetti
und möchte diese Menschen
nie wieder sehen)



Blinzeln zwischen den Flügen: Kalkutta in drei Minuten
9. April 2013, 16:44
Filed under: Sightseeing und Reisen

Die zweitgrößte Stadt Indiens erschien mir wie ein riesiger, zusammengeworfener Kochtopf an Gebäuden, Menschen und Staub, die alle nahtlos ineinander übergehen. Reiche und arme Ziegelkonstrukte, Baustellen und Parks, Teer und Trampelpfad, alles ein übergangsloses, sich wiederholendes Wirrwarr.
Mein erster und einziger Eindruck Kalkuttas hätte gern Zeit gehabt, in den Straßen noch mehr von seinen Freunden zu finden.

Meine unflexible europäische Zunge weigert sich nicht zum ersten Mal, eine indische Stadt bei ihrem neuen, nicht-kolonialistischen Namen zu nennen. Anders als bei dem ehemals Trivandrum genannten Thiruvananthapuram liegt das allerdings nicht an der Silbenzahl. Im heutigen Beispiel bevorzuge ich den Klang „Kalkutta“, da sich „Kolkata“ wie eine Kreuzung aus Magenkrankheit und Zahnpflegeprodukt anhört.

Einen Absatz habe ich auf diese Nebensächlichkeit nur verschwendet, da es sonst nicht viel von einem halbtägigen Zwischenstopp an der mittleren Ostküste des Landes zu berichten gibt.

Ein architektonischer Zeitzeuge, dass die englische Indienherrschaft tatsächlich in Westbengalen begonnen hat, ist das Victoria Memorial.

Mit hoheitlichen Zitaten und Inschriften, die wieder einmal zeigen, mit wie viel guten Vorsätzen und philanthropischen Idealen man an politische Umstrukturierungen rangehen kann, ohne eine (rückblickend) dunklere Periode des Landes verhindern zu können.
Aber hinterher ist man immer schlauer. Und die britische Verwaltungshoheit führte zum Bau eines der (laut Lonely Planet) schönsten Gebäude Indiens. Kann nicht widersprechen.

Die im letzten Eintrag kurz (und von Laptop-Stationen schwärmend) erwähnte Flugverspätung hat mir schlussendlich exakt die zwei Stunden in Kalkutta geraubt, die ich mir noch zum „Umschauen“ gewünscht hätte.

Jetzt muss ich mich verstört grummelnd damit abfinden, zwar sechs Monate in Auroville gelebt zu haben, aber bei einem Kalkutta-Besuch nicht einmal das Geburtshaus und Meditationszentrum des hier geborenen Sri Aurobindo besucht zu haben. (Und ja, die Erklärung ist tatsächlich so einfach wie sie sich anhört: Auroville wurde nach dem Prediger Revolutionär Sektenführer Guru Sri Aurobindo benannt.)

Es blieb nur noch Zeit zum Schländern im Hof der Nationalbibliothek…

… und zur Rückkehr in eines der schönsten (und teuersten) Hotels, in denen ich je übernachtet habe. Wäre doch schade, die vorerst letzte Touristen-Tour in Indien nicht mit einem Knaller zu beenden.
Unglücklich, dass ich das weichste Bett seit Monaten schon um 4 Uhr morgens verlassen musste, um wieder gen Auroville aufzubrechen…



Delhi-Abschlussnote: Ausreichend.
5. April 2013, 14:09
Filed under: Indien-Impressionen, Sightseeing und Reisen

Wider Erwarten hatte ich nun also das (zunächst) zweifelhafte Glück, die Staatshauptstadt mit etwas genauerem Blick zu beäugen. So detailliert, wie ein eintägiger Aufenthalt es eben zulässt…

Lange Analyse kurz: Der Eindruck, dass die Stadt das Höllenloch ist, das mir von mehr als einer Person beschrieben wurde, will bei mir nicht so richtig aufkommen. Voll, dreckig, teuer, laut. Allerdings nichts, mit dem nicht zu rechnen gewesen wäre. Von den schöneren Ecken ganz zu schweigen.

Ab und an wird Mumbai ja als positives Kontrastbeispiel angebracht. Hm. Mumbai kann man wohl als „geordneter“ bezeichnen – aber ich verwende diesen Begriff im indischen Kontext im weitesten Sinne.

Vielleicht liegt es daran, dass ich vorrangig in Süddelhi unterwegs war. Vielleicht habe ich die schlimmsten Ecken einfach nicht gesehen. Aber ich bin durch Old Delhi gelaufen und bin weit davon entfernt, es als Alptraum der letzten Nächte zu deklarieren.

Ah ja, Old Delhi. Es gibt Orte, an denen ich keine Bedenken habe, meine Kamera aus meiner geöffneten Tasche zu holen. Und es gibt Old Delhi. Ein Ort, an dem freie Fußwege Luxus, Bettler allgegenwärtig und löcherlose Straßen nicht vorhanden sind. Aber keinesfalls das Gruselkabinett der Indientraumata.

Eine der erwähnten schöneren Ecken habe ich dann auch besucht: Lodi Garden. Außer verliebten Pärchen gibt es dort noch diverse Architekturdenkmäler der Lodi Dynastie des 15. Jahrhhunderts. Taktvollerweise habe ich mich darauf beschränkt, letztere zu fotographieren.

Und ganz getreu der Gedankenlinie „Ich hasse es, aber wenn ich es lange (wie in Auroville) nicht mehr habe, vermisse ich es“: Ich war shoppen. Na und?

Im Riksha- und Metroverkehr verging der Tag erwartungsgemäß schnell. Es war nicht Varanasi, aber es war wenigstens auch nicht Auroville. Welch nichtssagender Satz.

Letztlich noch zum Ort, an dem ich diese Zeilen tippe: Indira Gandhi Airport, wartend auf den Flug nach Kolkata. Wie ist der Flughafen so?
Anscheinend beeindruckend genug, um darin drei Blogabsätze zu investieren… Der schönste Anblick überhaupt:

Gute Güte! Direkt nach der „Ich bin mir nicht sicher, ob dein Vorhängeschloss und -schlüssel ein Sicherheitsrisiko darstellen“-Sicherheitskontrolle und diversen „Anstellen? Die Schlange beginnt dort, wo ich stehe“-Indern könnte für mich eine mit Steckdosen ausgestattete Laptop-Station auch genauso gut eine Massageliege sein!

Kein Kaffee oder Frühstück der Welt kann entspannt vier Stunden Wartezeit überbrücken, die jetzt dank zweistündiger Flugverspätung auf mich zukommen. Aber egal – dass ich gerade auf hohem Niveau jammere, habe ich hoffentlich klargemacht.



Das einzige Fotomotiv, das indischer ist als eine Kuh
4. April 2013, 16:21
Filed under: Sightseeing und Reisen

Wenn ich schon mal fünf Uhr morgens für eine Sehenswürdigkeit aufstehe, dann erwarte ich einen der atemberaubendsten Anblicke diesseits der Milchstraße. Ich wurde nicht enttäuscht: Ja, das Taj Mahal ist tatsächlich so schön wie auf Bildern.

Zwar habe ich bisher weder Eiffelturm, noch Freiheitsstatue, noch Sidneyer Opernhaus gesehen, kann aber nach dem Taj-Mahal-Besuch behaupten, wenigstens eines der fraglos berühmtesten Gebäude dieses Erdballs gesehen zu haben. (Man bemerke, wie ich die Große Mauer spontan mal nicht als Gebäude definiere.)

Erklärlicherweise fühlt es sich auch grenzenlos hirnrissig an, jetzt Fotos eines Monuments einzufügen, von dem jeder ohne große Gehirnanspannung weiß, wie es aussieht. Wie auch immer – Beweisfoto, dass das Taj Mahal am 03. April 2013 bei Sonnenaufgang noch stand:

Und noch das obligatorische Durch-den-Torbogen-Bild…

Die vierstünde Zugfahrt von Delhi nach Agra war für diesen Anblick jeden Kilometer wert. Nicht einmal das moskitoinfizierte, von hyperaktiven Indern besuchte und mich durch ohrenbetäubende Ventilatoren vom Schlaf abhaltende Hostel konnte mich davon abbringen, mich fassunglos davon zu überzeugen, dass das berühmteste Grabmal der Welt life in der Tat so glänzt wie auf Bild und Video. Und das ohne Photoshop.

Nur zwei Kilometer entfernt liegt das Agra Fort, die Festung, von der aus vier Mogulherrscher ihr Reich verwaltet haben, und in dem der Erbauer des Taj Mahal in seinen letzten Lebensjahren gefangen war.

Zeitgleich romantisch und sadistisch, dass er von jedem Fenster seines Luxus-Gefängnisses das Grabmal seiner Liebsten (dritten Frau) sehen konnte, in das er den halben Staatshaushalt investiert hatte.

Weniger beeindruckend war dann die zweite Tageshälfte in Agra, die ich im Wesentlichen mit der Entscheidung über meinen weiteren Reiseverlauf verbrachte. Zwischenzeitlich brachten sich auch noch ein Reisebüro und ein Rikshafahrer in die Entscheidungsfindung mit ein. Mit der traurigen Erkenntnis, dass auch Nummer 7 auf der Warteliste ein unwahrscheinlicher Platz ist, noch ein Bett im Zug von Agra nach Varanasi zu bekommen, fand ich mich letztendlich ab.

Blieb also nur noch: Umdisponieren! Busticket für die Rückfahrt nach Delhi gekauft, und viel zu viel Geld für ein Flugticket von Delhi nach Kolkata über den Tresen wandern lassen. (Welches ich aber nicht nutzen werde, ohne vorher wenigstens noch Sightseeing in Delhi betrieben zu haben.) Da Kolkata ohnehin der letzte Reisestopp gewesen wäre, ist es nur die älteste Stadt Indiens (Varanasi), die wohl noch etwas auf mich warten muss. (Wenn/Falls ich noch einmal durch dieses Land reise.)

Übrig blieb noch eine Stunde zwischen „Schei* auf die Warteliste, ich fahr zurück nach Delhi“ und „Bitte lass den gebuchten Bus auch wirklich nach Delhi fahren“. Das geplante Ziel war in weniger als 15 Minuten abzulaufen: Ein kleines Mausoleum, das im Allgemeinen „Baby-Taj“ genannt wird. Ich frag mich, wieso…

Was dann übrigens schon die zweite Taj-Mahal-Kopie wäre, die ich in Indien gesehen habe.

Die Chinesen hätten’s wahrscheinlich authentischer kopiert. (Dass das Ding dann wahrscheinlich schon eingestürzt wäre, ist nur marginal relevant.)

Je mehr Gedanken ich an die Busfahrt gen Norden verschwende, umso näher rücke ich meinen Kopfschmerzen. 35°C sind keine Temperatur, bei der man mit einer anderthalben Stunde Verspätung aus einer luftverschmutzten Großstadt flüchten möchte. Kurioserweise auf dem Weg in eine der versmogtesten Städte der Welt.

Dem indischen Pantheon sei Dank, wartete in Delhi wieder die Couch drei (nicht zwei, wie im letzten Eindruck falscherweise behauptet) lieber Mitstipiendiatinnen auf mich.

Und das alles an einem Tag.