Zu Besuch im Land der Tausend Farben


Vorabendliche Melancholie
10. August 2010, 13:19
Filed under: Babys erste Schritte, China-Impressionen, Home Sweet Home

Vorbei. Es fällt mir schwer, das Ende des China-Kapitels als Anfang eines neuen Kapitels zu sehen, also schwelge ich selbstmitleidig in Gedanken an das Ende. Nein, so schlimm ist es nun auch wieder nicht. Aber obwohl ich gern sagen würde, dass mir die letzten beiden Wochen, in denen ich Besuch von meinen Eltern hatte, einen Eindruck vermittelt haben, wie das Leben in Deutschland wieder aussehen kann, ist das überhaupt nicht der Fall. Die Reisen durch diverse Hostels, das unter der Smogdecke kochende Beijing, das drückend schwüle Nanjing, das EXPO-fokussierte Shanghai, das derzeit bewölkte Qingdao und das „Präsentieren“ vieler Aspekte Chinas, die ich im letzten Jahr kennengelernt habe, haben mir eher vor Augen geführt, was ich hier zurücklasse: Ein großes Stück Sorgenfreiheit.

Mal abgesehen vom ständigen Visumsstress, gab es keine Probleme, die sich nicht schnell bewältigen ließen. Auch trotz der monatelangen Euro-Krise habe ich in einem sauberen, geräumigen Ein-Zimmer-Appartement in Zentrumsnähe gelebt. Ich konnte durch das Land reisen, ohne dafür innere Organe in Zahlung geben zu müssen. Mein Praktikum war die arbeitliche Umsetzung meiner Hobbys. Ich habe hier in einem Minikosmos gelebt, in dem der größte Einfluss der Weltpolitik im aktuellen Wechselkurs bestand.

Morgen werde ich insgesamt etwas weniger als 20 Stunden in drei Flugzeugen und Flughäfen verbringen. Das sollte mehr als genug Zeit sein, um mich zusammenzureißen, Optimismus zu entwickeln und mich darauf zu freuen, endlich meine Freunde und Familie wiederzusehen. Für den heutigen Abend gestehe ich mir also das Recht zu, melancholisch zu sein.

Egal ob es kindisch ist, darüber Tränen oder große Worte zu vergießen: Ich muss die hübsche Puppe zurückgeben, mit der ich für ein paar Monate spielen durfte, und den abgenutzten Teddy zurücknehmen, der mir von Studium, Sparsamkeit und Zukunftsängsten erzählt. In weniger als 12 Stunden ist es soweit. Egal ob ich will oder nicht.

Irgendwo ganz weit unten im Berg von „Was wird passieren“ und „Wie soll ich das machen“ liegt aber die Hoffnung versteckt, dass ich immer noch gern mit dem Teddy kuschle… Ach sind wir heute mal wieder metaphorisch.

Advertisements


Hongkong-Woche Teil 2 – Sonnenstrahlen im Dufthafen
27. Juli 2010, 07:53
Filed under: China-Impressionen, Sightseeing und Reisen

Mittwoch, 22:00 Uhr – Nutze die Zeit!

Das gebuchte Hostel in der Chungking Mansion war genau so wie beschrieben und erwartet: Ein recht großer Komplex mit vielen Geschäften und Imbissen im Inneren, dazu versteckte Aufzüge zu den 16 Etagen der verschiedenen Gebäudeblöcke. Dazu in jedem Gang herumstreifende Inder, die unschuldige Ausländer in andere Hostels locken wollen oder mit dem zugegebenermaßen ehrlichen Werbespruch „Fake bag! Fake watch!“ auf gute Geschäfte hoffen. So aufdringlich sie auch sein mochten, man konnte sie relativ gut ignorieren und sobald man sich den Weg zum richtigen Aufzug eingeprägt hatte, fand sich auch das korrekte Hostel schnell.

Ein kurzer Blick auf die (kostenlose!) Stadtkarte verriet auch die unglaublich günstige Lage des Hostels: Direkt an der zentralen Metrostation Tsim Sha Tsui (Ja, Kantonesisch ist eine seltsame Sprache…) und nur einen zehnminütigen Spaziergang vom Hafen entfernt.

Letzteres machten wir uns zunutze und schlenderten am Wasser entlang mit einem klaren Blick auf Hong Kong Island auf der gegenüberliegenden Hafenseite, während wir uns noch im auf dem Festland gelegenen Stadtteil Kowloon befanden.

Direkt am Wasser befindet sich das hongkonger Äquivalent zum amerikanischen „Walk of Fame“: Die „Avenue of Stars“ – Namen und Handabdrücke ostasiatischer Filmstars im Boden. Erwartungsgemäß sagten uns die Namen überhaupt nichts, was den Spaziergang allerdings nicht weniger entspannend machte.

Ausklingen lassen konnten wir den Abend dann bei einem Bier im Irish Pub neben dem Hostel. Kurz gesagt: Der Tag endete besser als das Visumstief es hätte vermuten lassen.

Donnerstag, 16:00 Uhr – Streichle die Wolken!

In unser Doppelzimmer im Hostel passten neben einem Mini-Bad mit Duschkopf über der Toilette nicht mehr als zwei Betten und ein Kühlschrank. Doch wie wir ja wissen, ist Platz in Hongkong ein wertvolles Gut und für den gegebenen Preis war die gegebene Anzahl an Quadratmetern mehr als akzeptabel. Genau das merkt man auch, wenn man in den Straßen einen Blick gen Himmel richtet: Man muss ihn erst mal suchen. Hongkongs Stadtgebiet besitzt keine kleinen Häuser. Es ist eine einzige Ansammlung gigantischer Hochhäuser und das hat seinen Grund. Ähnlich wie auch Manhattan in den USA hat Hongkong feste Grenzen in allen Himmelsrichtungen (Norden: China. Osten, Süden, Westen: Meer.) Die einzige Richtung, in die die Stadt noch wachsen kann, ist oben.

Unser Weg am zweiten von drei Tagen in Hongkong führte uns in den Stadtteil, den wir am Vorabend bereits von Weitem bewundert hatten: Hong Kong Island. Nur eine Metrostation entfernt – und meine Güte, ist die Metro in Hongkong teuer! Wenn ich für eine Station in die nächste Tarifzone schon 8 HK$ bezahle, muss ich dann für eine Fahrt zum anderen Stadtende meine Organe verkaufen? Nie wieder werd ich mich über die 4元 beklagen, die in Shanghai für eine ähnliche Fahrt verlangt werden.

Für die Investition wurden wir dann beim Besuch der wirklich hübschen Anlage des Hong Kong Parks belohnt. Zum Glück wurden wir vor den allgegenwärtigen Mücken gewarnt (Danke, Petra!), sodass wir nur selten stehen blieben und von nichts Lebensbedrohlichem ausgesaugt wurden.

Am anderen Parkende begrüßte uns direkt die nächste Station unseres Ausflugs: Der Ticketschalter für die Tram, die uns auf eine der Hügelspitzen Hongkongs brachte. Nur 56 HK$ ärmer und sagenhafte 400 Meter über dem Meeresspiegel bot sich dann der folgende Ausblick, der die Ausgaben voll und ganz rechtfertigte:

Deutlicher lässt sich die Feststellung „Hongkong besitzt keine kleinen Häuser“ nicht in einem Foto festhalten.

Sattsehen konnte ich mich daran nicht. Leider hielt uns ein weiterer Regenschauer davon ab, durch den zugehörigen Park zu laufen, und so stiegen wir erneut in die Tram, die sich an den steilen Bergseiten langsam der Schwerkraft entgegen bewegte.

Mit der Metro erreichten wir noch schnell den ebenfalls auf der Insel liegenden Victoria Park, wobei dieser leider kein Foto rechtfertigt. So schön und grün er auch sein mag, er ist nicht zum Sightseeing angelegt worden, sondern zur Entspannung und zum Zeitvertreib für Anwohner. Also zurück nach Kowloon.

Donnerstag, 21:00 Uhr – Lichtermeer

Beste Nachricht des Tages: Ich hielt mein Touristenvisum in Händen! Mehr als 500 HK$, ein Passfoto und den Pass brauchte das Hostel nicht, um mir innerhalb von weniger als 48h das ersehnte Papier zu besorgen!

In Ermangelung besserer Alternativen führten uns unsere Füße am Abend nochmals zum Hafen. Zufällig erreichten wir das Wasser pünktlich zu einer Show namens „Symphony of Lights“. (Nochmal: Danke für den Hinweis, Petra. ^^) Die Show selbst war unglücklicherweise recht enttäuschend. Ein paar Hochhäuser am gegenüberliegenden Hafen leuchten abwechselnd in unterschiedlichen Farben, mehr oder weniger im Rhythmus zu eingespielter Orchestermusik. Nicht wirklich spektakulär – ich persönlich muss sagen, dass ich die nächtliche Skyline Hongkongs an sich da sehr viel atemberaubender fand.

So schön, dass sich sogar meine Digicam entschloss, ein paar akzeptable Nachtfotos zu schießen. Yay. ^^

Freitag, 14:30 Uhr – Herzklopfen vor der Einreise

Die Abreise aus der Stadt, deren Name übersetzt „duftender Hafen“ bedeutet, lag noch etwa fünf Stunden entfernt, welche wir mit dem Besuch des Kowloon Parks verbrachten. Dieser gefiel mir unerwarteter Weise sogar noch besser als der Hongkong Park. Vielleicht war er abwechslungsreicher? In jedem Fall enthielt er auch eine Raucherterrasse, was sich als günstig für meine Reisebegleiterin Ja. erwies. In Hongkong ist Rauchen in der Öffentlichkeit nur an ausdrücklich ausgeschriebenen Stellen gestattet – jedes andere glimmende Nikotinstäbchen wird mit einer Strafe von 5000 HK$ belohnt.

Ein paar Stunden, einen Schaufensterbummel im Nobelkaufhaus Miramar (beispielsweise mit Hosenträgern für 1000 HK$), einen weiteren Hafenspaziergang sowie einen kurzen Regenschauer später saßen wir bereits wieder im Bus und traten die Fahrt an den berüchtigten Grenzübergang an.

Freitag, 22:00 Uhr – Entspannter Herzrhythmus

Wow. Das dürfte tatsächlich mein einziges chinesisches Visumserlebnis gewesen sein, bei dem es keine Probleme gab. Kommentarlos entließ man mich auch Hongkong und auch bei der erneuten Einreise ins Reich der Mitte wurde mein Pass ohne Beanstandung abgestempelt. – DANKE!

Ganz so glücklich verlief es für viele Passagiere am Flughafen Shenzhens leider nicht. Ihr erinnert euch an die Bemerkung zur Regenzeit in Shanghai im letzten Eintrag? Diese sorgte dafür, dass mehrere Flüge abgesagt wurden und fast alle anderen Flüge mit Verspätungen leben musste. Selbst meinen Flug nach Qingdao, der pünktlich hätte starten können, konnte ich erst nach mehr als einer Stunde Wartezeit im Flugzeug antreten. Zum Glück erwartete mich in Qingdao nichts und niemand weiter als das weiche Bett meiner Wohnung.

Samstag, 0:00 Uhr – Schlussfolgerungen

  • Länderwechsel: Den Wartenschlangen nach zu urteilen, ist es einfacher, aus einem Land herauszukommen, als eines zu betreten. Wie ich feststellen durfte, kann es auch genau andersherum sein und langsam lerne ich die Europäische Union zu schätzen…
  • Flugzeuge: Ganz besonders in einem so riesigen Land wie China, sind Inlandsflüge ein Geschenk des Himmels. Toll, doch es gilt das gleiche wie bei Zügen: Man genießt die Reise nur, wenn das eigene Überleben nicht von der Pünktlichkeit abhängt…
  • Hongkong: Eine vollkommen andere Welt als China. Eigentlich nicht zu vergleichen. Man merkt der Stadt die lange Unabhängigkeit an.

    Pluspunkte: Zahlreiche Parks und Museen im gesamten Stadtzentrum, Hochhäuser überall, Englisch überall – nicht nur auf Schildern, sondern auch aus den Mündern der Einwohner, dazu noch eine sehr saubere Stadt und umgeben von Wasser.

    Minuspunkte: Schriftzeichen sind Langzeichen und Kantonesisch klingt wie Schluckauf. Abgesehen davon: Teuer. Sehr, sehr teuer. Leben könnte ich mir dort nur mit entsprechendem Gehalt vorstellen. In diesem Falle: Klar, schickt mich hin! Alles in Allem finde ich die Stadt wirklich toll und könnte mich schnell an die Hochhäuserschluchten gewöhnen.
  • Bisher schönster Gedanke bezüglich Deutschland: Bald werde ich wieder in einem Land sein, aus dem ich nicht rausgeworfen werden kann! Ein Hoch auf die Staatsbürgerschaft. Leben ohne die eisige Kralle des Visums im Nacken!



Hongkong-Woche Teil 1 – Regentropfen in Shanghai
27. Juli 2010, 06:17
Filed under: China-Impressionen, Sightseeing und Reisen

Eine Woche, die ich zu 60% mit Schlafen verbracht habe, nach meiner Rückreise aus Südchina bin ich der Meinung, das Trauma langsam aufarbeiten zu können. Was natürlich leicht übertrieben ist, aber trotzdem eine nicht ganz ungenaue Umschreibung meines Rückblicks auf die vergangene Woche. Wenn ich gewollt hätte, hätte ich aus jedem der Unterkapitel einen einzelnen Blogeintrag machen können.

Sonntag, 20:15 Uhr – Flughafengedanken

Mit dem Taxi zum Flughafen, eine Stunde vor Eincheckbeginn angekommen – ja, so liebe ich mir meine Paranoia, so soll es sein. Überteuerte Sandwiches in einem Flughafencafé gegessen, pünktlich eingecheckt, an Bord gegangen, fertig. Interessant: Gerade nachdem ich einen Blogeintrag zur Buskultur chinesischer Mitmenschen hinterlassen habe, sehe ich das gleiche Verhalten in den Airport-Shuttles, welche die Passagiere vom Gate zum Flugzeug fahren. – Die Leute steigen ein, gehen einen Schritt und bleiben direkt im Türbereich stehen, um sich dort gegenseitig wahlweise das Handgepäck oder die Ellenbogen gegenseitig in die Mägen zu rammen. Idioten. Jeder in diesem Bus will zum selben Flugzeug, keiner muss unbedingt früher aussteigen als der andere. Ich versteh’s nicht. Egal, ich hab es mir am Fenster bequem gemacht, den freien Raum um mich herum genossen und die vielen blinkenden Lichtchen beobachtet, die der abendliche Liuting International Airport Qingdaos mir bot, während die letzten Passagiere verzweifelt versuchten, das Gefährt zu betreten.

Sonntag, 23:00 Uhr – Verloren in Shanghai (für zehn Minuten)

Nach sicherer Landung am Pudong International Airport in Shanghai war auch die unverschämt teuere Taxifahrt kein Grund zur Aufregung. Als ich allerdings an der Kreuzung stand, zu der ich von meiner Gastgeberin in Shanghai geschickt wurde, um auf ihre Abholung zu warten, durfte ich feststellen: Kein Netz auf dem Handy. Wunderbar. Meine Handykarte aus Qingdao weigert sich also, in Shanghai Menschen zu kontaktieren. Welche Reaktion das um diese Uhrzeit in Deutschland hervorgerufen hätte, ist klar: Panik. Oder die Suche nach einer Tankstelle, je nachdem. Zum Glück ist das ja China und man findet rund um die Uhr an diversen Straßenecken Restaurants, die noch Dinge braten/kochen/zubereiten. Mit Dackelblick und gebrochenem Chinesisch konnte ich mir also ein Telephongespräch erschnorren und lag irgendwann endlich schlafend auf dem Sofa meiner Kommilitonin.

Montag, 19:30 Uhr – Ähnlichkeiten

Da ich bei meinem letzten Shanghai-Besuch Ende Dezember Qingdao noch nicht kannte, war mir gar nicht bewusst, wie sehr sich das Sightseeing in diesen beiden so unterschiedlichen Städten ähneln kann. (Zum Vergleich: Im Zentrum Qingdaos leben nur 2 Millionen Menschen, in Shanghai wohl etwa 8 Millionen.) Und trotzdem: Da Shanghai eine sehr junge Stadt ist, gibt es anstelle historischer Sehenswürdigkeiten nur Einkaufszentren, Hochhäuser und Einkaufszentren in Hochhäusern.

So beschränkte sich das Sightseeing am Montag wie auch in Qingdao darauf, durch die Straßen zu schlendern und Fotos von zufällig vorbeikommenden Gebäuden zu machen. Wenigstens waren dies nicht irgendwelche willkürlichen Bauten, sondern ich wurde durch die „French Concession“ geführt, das „Französische Viertel“, was aber weniger mit Frankreich als vielmehr mit ganz Europa zu tun hat. Es handelt sich um eine großflächige Ansammlung von Wohnhäusern, Parks, Gärten, Cafés und Geschäften, die in allem gebaut sind außer im chinesischen Stil. Diese von grünen Bäumen überdachten Straßen nennen hauptsächlich Ausländer ihr Zuhause, was man leider auch an den Preisen merkt. Mit der Ausrede Begründung, dass wir ja praktisch Urlaub haben, haben wir uns dort nichtsdestotrotz ein kleines Abendessen im auf dem Foto abgebildeten Café gegönnt.

Dienstag, 15:00 Uhr – Sonnige Gedanken

Selbige mussten wir uns machen, da das Sightseeing ins Wasser fiel. Leider war mir nicht bewusst, dass in Shanghai gerade Regenzeit herrscht, bin ohne Regenschirm angereist und wurde auf dem Weg zu einer anderen Kommilitonin bis auf die Knochen durchgeweicht. Trotzdem: Wenn ich die Wahl habe zwischen wolkenverhangendem Himmel mit passablen Temperaturen und strahlendem Blau, das einem besagte Knochen eher zum Schmelzen bringt, wähle ich ersteres.

Das Frustrierende: Wie im oberen Abschnitt beschrieben, hält sich die Masse von Shanghais Sehenswürdigkeiten in stark überschaubaren Grenzen. Nun war ich schon zweimal in dieser Mega-Metropole und hab es trotzdem nicht geschafft, alle nennenswerten Ausflugsziele zu besuchen. Versagerin…

Nichtsdestotrotz konnten wir an diesem Morgen noch die Flugtickets nach Shenzhen buchen und feststellen, dass uns die Reise wirklich arm machen wird. Na ja, damit wären wir auch nach dem recht kostengünstigen Leben in China vermögenstechnisch wieder auf Studentenniveau… Also egal, auf in den Süden.

Mittwoch, 17:00 Uhr – „Lasst mich rein! … Nein, lasst mich erst mal raus!“

17:00 Uhr und endlich sicher im Hongkonger Hostel angekommen. Damit ist das Happy End dieses Tages zwar schon vorweggenommen, aber in den vorangegangenen Stunden habe ich es mehrfach in Frage gestellt…

Um unseren Flug um 8:30 Uhr zu erreichen, schmiss uns der Wecker 5:30 Uhr aus dem Bett und zu diesem Zeitpunkt konnte mich der Stau vor der Flughafenausfahrt noch nicht wirklich schocken. Auch das Grübeln über unser Gepäck während der geplanten Zwischenlandung erwies sich als unnötig, da wir das Flugzeug nicht wechseln mussten und dies dementsprechend auch für unsere Taschen galt.

In Shenzhen wurde es dann offensichtlich, wie üblich die Weiterreise nach Hongkong von dort aus ist. Noch im Flughafengebäude selbst gibt es Schalter von Busgesellschaften, die zum Preis von nur 90元 pro Person die Fahrt bis zur Grenze und die Weiterfahrt auf der anderen Seite bis ins Stadtzentrum Hongkongs anbieten. Also: Bezahlen, einsteigen, auf zum Grenzübergang. Genau beim Aussteigen wurden wir von einem der südlichen Regenschauer überrascht: Im ersten Moment erdrückende Hitze, dann zwei Regentropfen, gefolgt von einem erschlagenden Wolkenbruch, der innerhalb von 30 Sekunden jede Körperzelle durchweicht. Zwei Minuten später ist alles vorbei. Nun ratet, in welchen zwei Minuten wir aus dem Bus geworfen wurden…

Tropfend nass sollte es unter Vorzeigen des Reisepasses eigentlich kein Problem sein, den ersten Grenzschalter zu passieren: Die Ausreise aus China. Ja – sollte. Während sich die Menschenschlange hinter mir verlängerte, rief die nicht-englischsprechende Fachkraft hinter der Glasscheibe mehrfach Kollegen zu sich, verwies auf Pass und Computermonitor und war ebenso ratlos wie ich.

Kurz darauf hieß es von einem blau gekleideten Sicherheitsbeamten: „Please follow me.“ und „Please wait a moment.“, die einzigen Sätze in seinem Repertoire, während ich auf einer abseits gelegenen Bank platziert wurde und meinen Reisepass hinter undurchsichtigen Glastüren gemeinsam mit noch mehr Grenzpersonal verschwinden sah. Auf die Frage, was denn das Problem sei, bekam ich auch nicht mehr als ein „Please wait a moment“…

Ich muss es noch mal verdeutlichen: Überall in diesem Gebäude leuchteten Schrifttafeln mit Pfeilen und dem Schriftzug „To Hong Kong“ – und mich trennen eine Tür und zwei Schritte davon, China zu verlassen?! Die Redewendung „So nah und doch so fern“ war noch nie so passend wie in dieser Situation. Kann mit diesem Visadreck nicht einfach mal alles glatt laufen? Nicht einmal, wenn ich einfach nur aus dem Land raus will?

Was nun tatsächlich das Problem war, weiß ich bis heute nicht. Nach einigen Minuten, in denen ich Blut und Wasser schwitzte und innerlich auf Abführung wartete, bekam ich meinen Pass zurück und durfte mich in Richtung Hongkong begeben. Endlich. Erst wird es einem mit den Visumsformalitäten unnötig schwer gemacht, überhaupt in diesem Land zu bleiben, und dann wird man nicht rausgelassen? Dreck.

Beim Warten in der Einreise-Schlange nach Hongkong konnte ich mich langsam wieder beruhigen. Wenigstens war es in dieser Stadt möglich, nur mit Reisepass und ausgefülltem Formzettel einzureisen.

Im Reisebus auf der anderen Grenzseite stieg die Panik wieder mit einem Blick auf die Uhr, die schnell klarmachte, dass wir das Hostel niemals zur bei der Buchung angegebenen Zeit erreichen würden. Zur Erklärung: Nicht wenige Hostels überbuchen die Räume sofort, wenn die Gäste nicht pünktlich erscheinen.

Nun habe ich zu Beginn dieses Abschnitts ja schon vorweggenommen, dass wenigstens in Hongkong alles funktioniert hat. Mit der ausgedruckten Karte ließ sich der Gebäudekomplex schnell finden und unser Zimmer war auch noch da.

Fortsetzung im nächsten Eintrag…



Beobachtungen im chinesischen ÖPNV
5. Juli 2010, 06:01
Filed under: China-Impressionen

Seit Freitag bin ich offiziell und pünktlich von meinen Pflichten als Praktikantin entbunden worden und kann mich nun mit guter Laune und Empfehlungsschreiben in der Tasche auf die freie Zeit freuen. (Was ich am vergangenen Wochenende im Wesentlichen damit „gefeiert“ habe, keinen einzigen Fuß vor die Tür zu setzen. Hey, jedem das Seine.)

Der im Allgemeinen schönste Punkt dieser neuen Freiheit ist allerdings nicht etwa das Wegfallen der Arbeit, denn die hat – sowohl rückblickend betrachtet als auch währenddessen – wirklich Spaß gemacht hat. Nein, der bisher wirklich beste Aspekt des Urlaubs ist, mich nicht mehr morgens und abends in völlig überfüllte Busse zwängen zu müssen! Ich will heute versuchen, den Wahnsinn kurz in Worte zu fassen.

Wie schon mal erwähnt, hat Qingdao noch keine Metro vorzuweisen und trotz örtlich anzutreffender Baustellen wird sich daran in den nächsten drei bis fünf Jahren nichts ändern. Die einzige Möglichkeit, für 1元 mehrere Kilometer weit transportiert zu werden, ist also das Einsteigen in einen Bus. Voraussetzung für dieses Vorhaben ist das Finden der richtigen Linie samt Haltestellen, was sich einfacher sagen und tippen lässt, als man es realisieren kann – denn sowohl Aktualität als auch Vollständigkeit von Fahrplänen sind… keine Selbstverständlichkeit. Auf dem Stadtplan ist mit ein wenig bis sehr viel Glück vielleicht jede zweite Haltestelle einer Linie eingezeichnet. Falls tatsächlich jede Haltestelle als Punkt dargestellt ist, darf man jubeln, wenn sie auch namentlich beschriftet ist, man also weiß, wann man aussteigen muss. Und ein wahrer Glückstreffer ist es, wenn an besagtem beschrifteten Punkt auch alle Buslinien vermerkt sind, die dort halten. Vielleicht ist das dann bei jedem zweiten Vollmond auch zufällig eine Linie, die man braucht.

Aber gut, man fährt ja nicht ständig wild in der Gegend herum, sondern kennt irgendwann die persönlich relevanten Buslinien und Namen der Haltestellen. Mit dem Vermerk, dass man sie… dann immer noch nicht wirklich kennt. Ich muss(te) morgens zu meiner Arbeitsstelle beispielsweise nur drei Stationen mit Linie 224 fahren. Worauf achtet man also für gewöhnlich, wenn man an der Bushaltestelle wartet? Auf die Busnummer? 224? Das ist leider nur die halbe Wahrheit. Besagte Linie fährt nämlich zwei verschiedene Routen, wobei ich selbstverständlich die längere von beiden benötig(t)e und noch 10 bis 15 Minuten Fußweg vor mir lagen, wenn ich in die falsche eingestiegen bin. Selbst ich habe dann irgendwann mitbekommen, dass man den Unterschied an einem kleinen bis mittelgroßen Schild in der Frontscheibe des Busses erkennen kann. Danke.

Gehen wir mal davon aus, man weiß das alles und kann zielsicher sagen, wo man ein- und aussteigen muss. Das ist noch keine Garantie, auch in den Bus hineinzukommen – jedenfalls nicht zur Hauptverkehrszeit. Der Begriff „Stoßzeit“ gewinnt eine völlig neue Bedeutung, wenn man versucht, sich um 8 Uhr morgens oder 17:30 Uhr abends in einen Bus zu begeben. Ich seh gerne ein, dass sowas auch in deutschen Städten zum Alltag gehört, aber glücklich gelegen ist meine Haltestellen deswegen trotzdem nicht: Die vorletzte Haltestelle vorm Stadtzentrum, d.h. bevor der Wagen langsam anfängt, sich zu entleeren. Es passt schon keiner mehr rein, wenn der Bus hält. Vielleicht steigen zwei bis drei Seelen aus. Aber mindestens zehn wollen noch rein. Und irgendwie wird das dann auch in die Tat umgesetzt.

Dabei beobachte ich immer wieder, dass keiner auch nur ein Stück an andere denkt, sondern nur um sich selbst besorgt ist: In der Busmitte gibt es Quadratkilometer an Platz. Die Leute könnten dort stundenlang Mikado spielen, ohne gestört zu werden. (Wenn man mal von den kranken Busfahrern absieht, die auf gefühlte 80 km/h beschleunigen, wenn sie mehr als 20 Meter freie Strecke vor sich haben und dann 1 Meter vorm nächsten Hindernis auf die Bremse treten. Und das alles ohne Stoßdämpfer.) Aber anstatt in der Busmitte auch noch zusammenzurücken und jeden wertvollen Quadratzentimeter zu nutzen, bleiben sie stehen, blockieren alles und im Türbereich kämpfen Türeinsteiger dann um jedes bisschen Sauerstoff, weil ein zu tiefer Atemzug dem Nebenstehenden höchstwahrscheinlich den Arm brechen würde.

Wer denkt, das sei asozial, ist bisher aber nur morgens mit dem Bus gefahren. In den Morgenstunden scheint wenigstens der grundsätzlich Konsens zu herrschen, dass alle im selben Boot/Bus sitzen/stehen und pünktlich zur Arbeit müssen. Da wird reingequetscht, was an der Haltestelle steht und wenn schon drei Hintern aus der Tür herausquellen, murrt trotzdem keiner, wenn man sich trotzdem noch dazustellt. Morgens ist die einzige Anforderung, die man an seine Mitfahrer stellt: „Bitte wasche dich und benutze Deo.“ Abends: „Halt dich von mir fern oder lauf nach Hause!“ Zu dieser Zeit hat man Glück, überhaupt wieder aus dem Bus rauszukommen, weil keiner es für nötig hält, selbst kurz auszusteigen, um Platz zu machen – was morgens für keinen ein Problem darstellt.

Einige Exemplare haben aber (morgens wie abends) auch dieses Prinzip nicht ganz durchschaut. Sie steigen zwar notgedrungen mit aus, um andere Passagiere nach draußen zu lassen, bleiben dann aber mitten vor der Tür stehen. Anstatt zur Seite zu treten und dann wieder einzusteigen, lassen sie den Aussteigenden zehn Zentimeter rechts und links Platz, um irgendwie wieder in die Außenwelt zu gelangen, und kommen sich dabei wahrscheinlich noch großzügig vor.

Das einzig Unangenehmere sind dann chinesische Hausfrauen in ihren Vierzigern, die gegen 16 Uhr mit Einkaufstüten in die Busse stürmen und dabei alles aus dem Weg räumen, was sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringt. Nach dem Motto: „Wenn ich mich während der Fahrt mit ausgestreckten Armen um 360° drehen will, dann mache ich das auch, egal wem ich währenddessen mit meinem Gepäck die Rippen breche.“

Wenigstens habe ich manchmal auch den Eindruck, dass Chinesen das ganze System der Buskultur auch nicht so ganz verstehen. Einige Busfahrer lassen bis zu einer bestimmten Haltestelle nur vorn Leute einsteigen und erst ab zu großer Fahrgastzahl wird dann auch die hintere Tür zum Einsteigen freigegeben. An der Bushaltestelle stehende Chinesen kriegen das aber nicht wirklich mit. Auch nicht, wenn sie minutenlang an die hintere Tür klopfen, diese natürlich nicht geöffnet wird, vorn währenddessen weitere Leute einsteigen und der Bus dann irgendwann wieder losfährt. Hm.

Es ist jetzt kurz nach Mittag an einem Montag und ich halte es für ungefährlich, mich in einen Bus zu stellen und Einkäufe zu erledigen. Wünscht mir Glück!



Kirschsaison vorbei
27. Juni 2010, 06:42
Filed under: China-Impressionen, Sightseeing und Reisen

Nein, ehrlich. Es gibt kaum noch essbare Kirschen. Verdammt.

Wenn der Spruch „Wer schön sein will, muss leiden“ zutrifft, dann der Spruch „Wer schön sein will, muss zahlen“ noch viel mehr. Das konnten Chr. und ich gestern feststellen, als wir uns zum Fast-Ausklang des Chinajahres eine Gesichtsbehandlung in einer chinesischen Schönheitssalon-Kette gegönnt haben.

Im Laufe dieser Stunde wurden mir erst mal so viele Cremchen und Lotiönchen auf die Haut gepinselt, dass ich mir am Abend das Gesicht dreimal waschen musste und am Ende immer noch aussah, als sei ich in eine Wanne Bratfett gefallen. Ansonsten handelte es sich natürlich um das übliche Verkaufsgeschwafel: Am Anfang bei der Hautanalyse wird überschwänglich gelobt, was für tolle Haut man doch hätte, während der Behandlung bekommt man Sätze wie „Der ist aber groß“ und „Das sind aber viele“ ins wehrlose Gesicht geworfen und beim Bezahlen wird mit ernstem Gesicht erklärt, dass hier, dort, da, und vor allem hier drüben noch sooo viele Sachen seien und dass der einzige Weg, dieser dramatischen Einschränkung unserer Lebensqualität ein Ende zu setzen, fünf weitere Behandlungen seien, von denen eine je fast dreimal so viel kostet wie die, die man gerade hinter sich gebracht hat.

Ich gebe ja gern zu, dass jede Hautunreinheit vergrößert am Computerbildschirm wie ein lebensbedrohlicher Tumor aussieht, aber es gibt Dinge in meinem Leben, für die ich lieber mein Geld den Abfluss hinunterspüle. (Computer, Strom, Wasser, Essen,… In dieser Reihenfolge.)

Nun, widmen wir uns kurz antichronologisch den letzten Wochen. Ich hatte Besuch aus Shanghai, der in Form von dickem Nebel nicht gerade das Beste Wetter erwischt hat für die Besichtigung einer Stadt, deren Sehenswürdigkeiten zu 90 Prozent von außen zu besichtigen sind. Wir wählten die nächstbeste Alternative und schauten im Brauerei-Museum vorbei. (Tsingtao-Bier ist die berühmteste chinesische Biermarke. Und von wem haben sie es? – Von den Deutschen.)

Das Museum selbst ist allerdings typisch chinesisch, das heißt: Bilder an den Wänden. Tatsächlich greifbare historische Gegenstände gab es wenig, diese beschränkten sich auf Fässer und einige Brau-Kessel. Für den symbolischen Haken auf der „Dinge, die man in Qingdao gesehen haben muss“-Liste und die beiden Gratisgläser Bier lohnten sich die 50元 Eintritt aber wenigstens ein wenig.

Den letzten Tag des Besuchs haben wir fast ausschließlich am Strand verbracht, der zwar neblig und grau war, aber dennoch zahlreich von Chinesen bevölkert, die sich erneut nicht entblödeten, sich drei Meter von uns entfernt mit der Kamera hinzustellen und gaaanz unauffällig Fotos zu machen.

Zwei Wochen davor haben wir (Chr. und ich) auch der „Polar Ocean World“ in Qingdao einen Besuch abgestattet. Ich sage es mal so: Es gab dort Eisbären. Robben. Seelöwen. Haie. Delphine. Delphine! Und wovon machen die Chinesen Fotos? – Von den beiden Ausländern.

Zum Abschluss noch ein Foto aus dem Biermuseum: Eine historische Werbung, die ich… amüsant finde. Auf… mehreren Ebenen. Ja. ^^



Vergessenswerter Monatsbeginn
3. Mai 2010, 11:14
Filed under: China-Impressionen

Frohen Maibeginn wünsche ich! Für mich beginnt der Monat mit einem verlängerten Wochenende, was ich normalerweise mit dankbarem Nichtstun zelebrieren würde. Wenigstens am Samstag wollten Chr. und ich allerdings zum Zhongshan Park (中山公园), einer der wenigen begehbaren Grünflächen Qingdaos. (So schön das Städtchen auch ist, Parks fehlen hier wirklich.)

Nun, die Probleme begannen bereits auf dem Hinweg. 45 Minuten Stau. 20 Minuten zwischen zwei Bushaltestellen – und irgendein Affe ist auch noch auf die Idee gekommen, im Bus die Heizung anzuschalten. Das Bild aus dem Inneren der Busse setzte sich draußen fort:

Menschenmassen über Menschenmassen. Keine Möglichkeit, zwei Schritte zur Seite zu treten, ohne ganze Großfamilien über den Haufen zu rennen. Und sie alle quetschen sich die Parkwege entlang, um ihren Weg zu ein paar schattigen Stellen auf den Wiesen zu finden.

An dieser Stelle würde ich gern dem Foto das Reden überlassen, aber ohne Weitwinkelobjektiv ist es schlichtweg unmöglich, die Mengen auf ein Bild zu bringen, das den Wahnsinn ausdrückt… Was um Himmels Willen machen die in dem Park überhaupt? Die Stille der Natur genießen? Wohl eher nicht.

Abgesehen davon sind die Chinesen auch wieder den Tätigkeiten nachgegangen, die sie bei solchen Gelegenheiten am besten vollziehen könnten: Die Füße beim Laufen nicht heben, Entlangschleichen und im Weg rumstehen…

Nachdem wir der Idylle am nächsten Ausgang entkommen konnten, machten wir uns aus Mangel an leeren Bussen oder Taxis auf den Weg zum nur wenige Minuten entfernten Zoo. Auch hier würde ich gern Fotos präsentieren, aber es bricht mir das Herz. Die einzigen Tiere, die dort mehr als zwei Quadratmeter Auslauf hatten, waren ein Tiger- und ein Löwenpaar. Und sonst? Drei Biber in einem Gehege ohne Wasserquelle, Hunde in Käfigen, in denen sie nicht mal aufrecht stehen können, Luchse in Umgebungen, für die westliche Zoos längst verklagt worden wären… und alle offenen Gehege voll von Plastikflaschen, Essensresten und sonstigem Müll, dessen sich die Zoobesucher dort entledigt haben. Traurig, tragisch, widerlich.

So viel zum „Urlaub“. Es war ja absehbar, dass an diesem verlängerten Wochenende mal wieder halb China unterwegs sein würde, aber wer hätte denn ahnen können, dass sich halb China ausgerechnet in diesem Park versammelt? Diese Erfahrung sorgte jedenfalls dafür, dass mich am Sonntag keine zehn Pferde dazu hätten bringen können, meine vier Wände zu verlassen. Und auch heute (Montag) hab ich trotz atemberaubenden Frühlingswetters nur aus Mangel an Nahrungsvorräten einen Fuß vor die Tür gesetzt.

Aber so oder so: Es lebe das Winterende.



So viel Zeit, so wenig zu sagen
14. April 2010, 05:16
Filed under: China-Impressionen, Studium und Praktikum

In Ermangelung eines 36-Stunden-Tags bleibt unter der Woche neben dem Praktikum nicht viel Freizeit für mehr als Essen und abendliches Internet-Surfen. Und in Ermangelung chinesischer Bekannter sehen auch die Wochenendaktivitäten eher mager aus. Nicht dass ich mich beschweren will: Nach der vergangenen und laufenden Arbeitswoche habe ich jede Minute in meinem Bett genossen, von dem ich mich auch bis Mittag nicht trennen wollte.

Der wesentliche Grund dafür liegt in den aktuellen Überstunden im Praktikum: Vorstellungsgespräche! Mit Freude darf ich feststellen, dass ein Kunde der Consultingfirma, in der ich arbeite, nach neuen Mitarbeitern sucht und ich somit auch HR-Erfahrung (HR = Human Resources = Personal… Erklärung für Nicht-BWLer.) sammeln kann! Was anfing mit „Lesen Sie sich mal den Lebenslauf durch“ wurde im Rahmen diverser Geschäftsreisen bald zu „Wir müssen Office Manager interviewen. Machen Sie das mal.“ … WAS?! Hm, ich bin seit zwei Monaten Praktikantin und habe weder Arbeitserfahrung, noch Ahnung vom Job eines Office Managers, noch je in meinem Leben selbst ein Vorstellungsgespräch geführt. – Okay, auf geht’s!

Ohne mit Details nerven zu wollen: Es ist nett, mal auf der „guten“ Seite des Schreibtischs zu sitzen, wobei es definitiv eine Herausforderung ist herauszufinden, wer der Office Manager in spe tatsächlich Führungstalent hat und wer bestenfalls mal Tickets gebucht und Tee eingeschenkt hat.

In Deutschland war auch irgendwas… Ach ja, Ostern. Nicht dass das Einfluss auf mich gehabt hätte. Viel relevanter war dann seltsamerweise das am gleichen Sonntag stattfindende Grabpflegefest (Tomb Sweeping Day, 清明节 Qingming Jie), was ich entfernt mit dem westlichen Totensonntag vergleichen würde. In diesem Zusammenhang war auch Ostermontag arbeitsfrei und ich habe das verlängerte Wochenende genutzt, mich endlich zu einem Friseurbesuch in China durchzuringen. Was das betrifft, scheine ich das Gegenteil der durchschnittlichen Germany’s-Next-Topmodel-Teilnehmerin zu sein.

GNTM vorher: „Klar, ihr könnt alles mit mir machen.“

GNTM nachher: „Buhu, ich werde auf ewig entstellt sein, weil Haare ja nie nachwachsen…“

Ich vorher: „Oh Gott, es wird so schlimm aussehen, aber dieses widerliche Stroh muss einfach ab…“

Ich nachher: „Hey. Geht doch.“

Etwa 15 Zentimeter Haar und 15 Euro ärmer (ein verdammter Bruchteil des Vermögens, das in Deutschland gelöhnt werden muss) und wohl trotzdem abgezockt worden. Na egal. Faszinierend übrigens, mit wie wenig Vokabular man zu einer neuen Haarpracht kommt. Wortlos kann gestikuliert werden, wie weit sie abgeschnitten werden sollen und die Beschreibung „Ich will morgens aufstehen, kämmen und fertig sein“ reicht aus. (Wobei ich letzteres auch in Deutschland immer sage.)

Nun ja, bevor hieraus ein Blogeintrag entsteht, dessen Hauptpunkt meine neue Mähne ist, beende ich das hier lieber. Hauptsache, ich hab ein Lebenszeichen entsendet.