Zu Besuch im Land der Tausend Farben


Thailand I – Drei Gedanken zum Länderwechsel
17. April 2013, 11:05
Filed under: Babys erste Schritte, Home Sweet Home, Indien-Impressionen

1.) Optimierungsbedürftiges Timing

Zeigt sich bei mir langsam eine Tendenz, immer zu den ungünstigsten Zeitpunkten umzuziehen?

  • 2010 lege ich mir aus Visumspanik das Ei selbst ins Nest, ausgerechnet zum Frühlingsfest umzuziehen. (13 Stunden im Zug und fast erfroren im vollkommen menschenleeren Hostel.)

  • November 2012 ziehe ich innerhalb der einzigen Monsunwoche nach Auroville, in der eine Zyklonwarnung ausgerufen wird. (Strom, Internet, Trockenheit und Wärme als entfernte Träume.)

  • Und in Thailand arbeitet außer im Supermarkt keiner, weil Neujahr gefeiert wird. Klar, 16. April, das springt einem ja förmlich ins Auge… *

2.) Startschuss zum Thailand-Minikapitel

Nach einer Landung um 3 Uhr morgens Ortszeit ist mir diese Pause einerseits ganz recht. Andererseits versuche ich, mich mit Tütencappuccino und dem Tippen dieser Zeilen tagsüber wach zu halten, um nicht die erste Schwachmatin zu sein, die von 1,5 Stunden Zeitverschiebung Jetlag davonträgt.

Mein Appartment in Firmennähe im nördlichen (d.h. nicht-touristischen) Bangkok hat zwar noch kein Internet (Oh weh… Man stelle sich eine wimmernde Jungfer vor, die sich den Arm an die Stirn wirft und melodramatisch in Ohnmacht fällt…), wird aber für die kommenden zwei Wochen mein Basislager sein. Von dort aus werde ich hoffentlich nicht nur ins Büro laufen, sondern hoffentlich auch die Landeshauptstadt erkunden können.

3.) Sonstige Ersteindrücke

Erst jetzt fällt mir auf, dass ich das erste Mal in einem Land bin, auf dessen Landschaft und Kultur ich nicht mindestens ein Jahr lang studienbedingt vorbereitet wurde. Schockschwerenot, da werde ich mich doch tatsächlich mal auf meinen gesunden Menschenverstand verlassen müssen.

  • Erste Gemeinsamkeit mit Indien: Ich kann kein Wort lesen und keiner spricht Englisch.

  • Erster Unterschied zu Indien (und China): Ich stehe am Immigrations-Schalter am Flughafen, habe kein Visum im Pass und werde trotzdem sofort ins Land gelassen. Es ist geisteskrank und unnatürlich, wie unvorstellbar glücklich ich in diesen zwei Minuten war…

In den nächsten Wochen werden wohl noch ein paar Blogeinträge folgen, aber im Großen und Ganzen heißt es: Indien 2012/13 gehört meiner persönlichen Vergangenheit an!

* Um nicht ganz inkompetent zu wirken: Ich wusste, dass in dieser Woche Neujahr gefeiert wird. Aber die Mitarbeiterin, die mich vom Flughafen abgeholt hat (3 Uhr nachts… die Arme.) konnte mir mangels Englischkenntnissen nicht wirklich kommunizieren, wann nun genau gearbeitet wird und wann nicht.
Und wenn mir dank nationalem Feiertag auch noch die Interneteinrichtung vorenthalten wird, werde ich bissig.

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Waldgesänge
5. Februar 2013, 18:10
Filed under: Home Sweet Home, Studium und Praktikum

Widerstandslos habe ich mich vor fast drei Wochen wieder vom Auroville-Alltag gefangen nehmen lassen. Die Geckos an meinen Zimmerwänden haben mich kreischend begrüßt, die Ameisenstraßen formten einen roten Teppich und die Moskitos summten eine Hymne zu Ehren meines Mutes, als Passagier eines kleinen 50-Sitz-Flugzeuges auf dem Mini-Flughafen Pondicherrys gelandet zu sein.
(Das Ding hatte Propeller. Und der Flughafen könnte im früheren Leben ein Fußballfeld gewesen sein.)

Morgens und abends nachts schallen nun also wieder indische und südamerikanische Gesänge durch die Baumwipfel hin zu meinem Fenster. Gesänge und Getrommel aus Chanting Circles, bei denen 10 bis 30 Leute, die sich etwa anteilsgleich in Hippies, Aussteiger und Neugierige unterteilen lassen, um ein Lagerfeuer sitzen und sich summend, trommelnd und singend dem „Great Spirit“, der eigenen Gefühlswelt oder leider auch der Abwesenheit einer angenehmen Singstimme hingeben.

Auroville ist auch der bisher einzige Ort der Welt, an dem ich ein „Öko-Musik-Festival“ ohne Kopf-Schieflegen und verwirrtes Nachfragen als gegeben hinnehmen kann.
Ein Festival gleichen Namens fand hier am vergangenen Samstag statt. Unternehmen aus Auroville versammelten sich, bauten Stände auf, und der geneigte Aurovillian oder Gast konnte im gleichen Atemzug Papierschmuck, Bambushölzer, Solartaschenlampen, Biokleidung und Bakterienkulturen für die Komposttoilette kaufen.
Alles untermalt von Livemusik von Pop bis Indian Fusion Funk.

Es wäre eine beachtliche Lüge, wenn ich mit geschwellter Brust und hochgezogener Augenbraue behaupten würde, dass mir nicht auch die entspannte Halb-Hippie-Atmosphäre ein klein wenig gefehlt hat.

An allererster Stelle natürlich dieser Arbeitsplatz:

Alleskleber im Kartenhaus meines täglichen Seelenfriedens.



Was in Auroville als Weihnachtsfest bezeichnet wird…
28. Dezember 2012, 13:57
Filed under: Home Sweet Home, Indien-Impressionen

… entpuppte sich erwartungsgemäß als eine Veranstaltung mit dem Motto: „Wir feiern und essen und sagen halt, dass es Weihnachten ist.“ Es ist also eher ein Anlass zum Feiern, aber keine wirkliche Richtlinie bezüglich des Inhalts dieser Festlichkeiten.

Der Weihnachts- markt war eher ein Kinderfest mit abend- lichen Tanzvorfüh- rungen, die mir allerdings schnell zu esoterisch wurden. Um in einem Trommel- kreis mitzusingen, und mich tanzend mit dem göttlichen Bewusst- sein zu verbinden, bin ich bei Weitem nicht lang genug in Auroville. Und dank des Alkoholverbots auch nie besoffen genug.

Dafür hatte ich mal wieder ganz lieben Besuch aus Chennai. ^^ Und somit fleißige Mit-Mampfer beim (seeehr leckeren) vegetarischen Buffet am Heiligabend (siehe obiges Bild)…

… und tatkräftige Mit-Kocher beim selbstzubereiteten Essen am 25. Dezember. Wir sind uns einig, dass Nudeln mit Tomatensoße wahrscheinlich keines unserer traditionellen Weihnachtsgerichte wird. Aber dafür haben wir mit selbstgemachtem Glühwein und Räucherkerzchen ein bisschen deutsche Weihnachtsatmosphäre auf meinen Balkon im Wald Tamil Nadus gebracht.

Was aber von mir aus durchaus zur Tradition werden dürfte: Fußreinigung durch Fische.

In einer nahegele- genen Community in Auroville befindet sich ein für die Öffentlichkeit zugäng- licher künstlicher Teich. Er ist das Zuhause vieler kleiner Fische, die bezüglich ihrer Ernährung ziemlich wild auf abgestorbene Haut- schuppen sind. Daher ist jeder eingeladen, sich an den Teichrand zu setzen, die Füße im Wasser baumeln und von Fischscharen abknabbern zu lassen.
In Deutschland muss für derartige Behandlungen viel Geld über den Tresen wandern, hier darf man umsonst die Stelzen ins Wasser halten. Für mich hat der Ausdruck „die Fische füttern“ ab sofort also nichts mehr mit Magenverstimmung zu tun, sondern mit Pediküre.

Was aber viel wichtiger ist: Ich habe Urlaub!

Wider Erwarten haben diverse voneinander unabhängige Umstände jetzt dafür gesorgt, dass die erste Woche des Jahres 2013 komplett zu meiner privaten Verfügung steht. Zwar habe ich davon erst eine Woche vor Jahresende erfahren, aber egal: Flug gebucht, Hostels gebucht, grobe Reiseroute abgesteckt – nichts wie an die indische Südwestküste: nach Kerala!

In diesem Sinne: Guten Rutsch!



Wir meditieren nicht, wir konzentrieren uns. In einem… Raumschiff?
20. Dezember 2012, 14:49
Filed under: Home Sweet Home, Sightseeing und Reisen

Nach fast zwei Monaten konnte ich mich endlich dazu durchringen, mich einer Touri-Gruppe anzuschließen und das Matrimandir zu besuchen. Zur Erinnerung: Der große goldene Ball, der das geographische und spirituelle Zentrum Aurovilles repräsentiert.

50 Menschen 20 Minuten in einen Raum zu packen, damit sie sich noch ein Video über Auroville, seine Entstehung und Philosophie anschauen, bevor sie ins Matrimandir dürfen, ist schon putzig.

Nun, mit Minibus wurden wir zum Eingang verfrachtet und liefen – in Begleitung eines Guides – zur Kugel. Wir erfuhren noch ein paar interessante Details zum Bau des Gebäudes, dann gingen wir im Gänsemarsch hinein, mussten noch weiße Socken anziehen, und folgten schließlich im Dämmerlicht auf weißem Marmorboden und weißem Teppich einer Rampe, die spiralförmig nach oben zum „Äquator“ der Kugel führte – zum Meditations Konzentrationsraum.

Was dort passierte, war mit Abstand das Faszinierendste, das mir seit meiner Ankunft in Indien unter die Augen gekommen ist: 50 erwachsene Menschen in einem Raum waren tatsächlich einfach mal still. Es war tatsächlich kein einziger Affe dabei, der es nicht geschafft hat, 15 Minuten das Maul zu halten, ohne dabei zu ersticken. Respekt – ehrlich.

Der Erleuchtung bin ich leider nicht näher gekommen, da ich eher damit beschäftigt war, nicht zu erfrieren. In einem Dorf, das enormen Wert auf grüne Energie und Nachhaltigkeit legt, muss ich schon hinterfragen, wie ökologisch gefühlte 20 Klimaanlagen sein können.

Nach viertelstündiger Meditation Konzentration wurden wir wieder nach draußen geführt. Dabei haben wir noch einen Umweg über die „Petals“ („Blütenblätter“) gemacht – 12 kleine Meditationsräume, die kreisförmig um das Matrimandir angeordnet sind und von jeweils einer andere Farbe erhellt werden.

Bilder habe ich von nichts. Aber im zentralen Konzentrationsraum gab es lediglich weißen Teppich und riesige weiße Säulen bis zur Kugeldecke. Eines Inventarstück war eine Glaskugel im Zentrum, die dank eines Lochs in der Decke und diverser Spiegel zu jedem Tageszeitpunkt von einem Sonnenstrahl berührt wird.

Hinter dieser Innenarchitektur steckt aber nicht etwa philosophisches Lehrmaterial oder atemberaubende Symbolik. In den 60ern hatte „Mother“ einfach die Vision eines Raums, in dem sich jeder in Ruhe meditieren konzentrieren kann, sah in einem Traum das Layout eines zwölfeckigen Raums mit weißem Boden, ein paar Marmorsäulen und einer erleuchteten Glaskugel in der Mitte, und damit war die Sache geklärt.

Im wahrsten Sinne des Wortes, denn umfangreicher hat sie sich dazu nicht artikuliert. Das gesamte Äußere des Matrimandirs entsprang der Fantasie eines französischen Architekten, welcher „Mother“ mehrere Designvorschläge präsentierte. Was exakt sie dazu bewegte, zu sagen: „Ja, ein riesiger goldener Golfball, das repräsentiert meine Ideale!“, entzieht sich meinem Vorstellungsvermögen.

Okay, ich gestehe, laut unseres Guides repräsentiert die Kugel das „Neue“, das aus dem Zentrum der Erde hervorbricht und aufsteigt. Daher auch die gewölbten erdfarbenen Steinbauten ringsum… Na super, denn jetzt habe ich diese Vorstellung jedes Mal vor Augen, wenn ich das Matrimandir sehe: Ein Raumschiff!

Na ja, vielleicht schützt das Mutterschiff uns vorm Weltuntergang. Ach ja, der ist ja morgen… Viel Spaß. Erzählt mir, wie es war.



Lächeln beim Brot-Kauf, Lächeln beim korrekten Atmen
24. November 2012, 17:22
Filed under: Home Sweet Home, Indien-Impressionen

Einkaufskorb füllen – und das Gemeinschaftskonto

Im letzten Eintrag habe ich ja schon angedeutet, dass mir einige der hier in Auroville angestrebten Ideale nicht ganz un-kommunistisch vorkommen. Trotz Dorfatmosphäre und Baum-Überzahl gibt es in Auroville neben diversen Cafés auch einen Supermarkt ein Verteilungszentrum (Pour Tous Distribution Center).

Ja, die Waren werden dort nur „verteilt“. Geld, Kontonummern oder Aurocards wandern da nicht über den Tresen. Stattdessen zahlt jedes Mitglied monatlich eine Festsumme, von der dann die Regale gefüllt werden.
Nun, was findet man dort? Was man jeden Tag so braucht: Obst, Gemüse, Putzmittel, Linsen, Moskitospray. Ganesha sei Dank, es gibt Moskitospray…

Auch im dortigen Angebot wird sichtbar, dass Auroville zu 50 Prozent von Franzosen und Deutschen bevölkert wird: Es gibt Brot!

Die lokale Bäckerei – ein kleiner Baustein in meinem persönlichen Seelenheil. Denn so lecker indische Küche auch ist, mir ist noch nicht viel über den Weg gelaufen, das man auch im kalten Zustand als täglich genießbar bezeichnen kann. Und mit dem Mantra „Eine warme Mahlzeit pro Tag reicht“ bin ich dann doch deutscher als ich vermutet hätte.

Jedenfalls: Brot, Butter, Käse, Müsli – das können sie gern an mich „verteilen“.

Atmen gegen Krebs und Lähmung

Aktuell habe ich auch die Gelegenheit, an einem Pranayama-Workshop teilzunehmen. Schnittstellen mit Yoga scheinen vorhanden zu sein, erscheinen mir aber eher schleierhaft. Den größten Zeitanteil der Pranayama-Übungen verbringen wir sitzend, mit geschlossenen Augen und lächelnd. Ab und zu wird dann auf bestimmte Weise tief eingeatmet, mal dieser Muskel gedehnt, mal der andere, und die letzten 15 Minuten des einstündigen Trainings widmen wir uns liegend der Tiefenentspannung.
Und um Himmels Willen das Lächeln nicht vergessen!

Es freut mich ja für den Lehrer, dass er sich damit vor einer Rückenlähmung bewahrt hat. Nur darf mir niemand meinen geistigen Sicherheitsabstand verweigern, wenn man mir sagt, dass ich meinen Körper von allen Giften befreien kann, wenn ich nur tief genug ein- und ausatme.
Und dabei lächle. Natürlich immer lächeln!

Die Frage, warum ich trotzdem teilnehme, kann ich pragmatisch beantworten: Solang es mir danach besser geht als davor, halt ich den Mund und beklag mich nicht.
Und lächle.

Zeitvertreib

Wenn ich mich umsehe, wird mir jedenfalls nicht langweilig. Dreimal pro Woche dehne ich mich beim Yoga und Pilates – und drücke damit den Altersschnitt der Gruppe in mathematisch dramatischem Ausmaß.
Ich muss aber schon sagen, dass es unbeschreiblich motiviert, wenn es 60jährige Frau biegsamer ist als man selbst!

Dazu kommen Veranstaltungen, die man der lokalen Mini-Zeitung (acht aneinander getackerte A4-Seiten) „News & Notes“ entnehmen kann.
Morgen feiert beispielsweise die Äthiopien-Ausstellung im Unity Pavillion Eröffnung. Ich freue mich auf äthiopischen Kaffee zum Frühstück.



Frischer Wind im Leben, oder doch gleich ein Zyklon?
4. November 2012, 15:52
Filed under: Babys erste Schritte, Home Sweet Home, Indien-Impressionen

Auroville. Vor fast einer Woche bin ich in den Inlandsflieger nach Chennai gestiegen und im Anschluss noch 3 Stunden mit dem Taxi nach Süden gefahren worden.

Die 2000-Einwohner-Gemeinschaft kann ohne mit der Wimper zu zucken als Dorf bezeichnet werden, auch wenn man statt Strohhütten hier moderne Wohn- und Verwaltungsgebäude findet. In etwa 30 Minuten kann man mit dem Fahrrad vom nördlichen zum südlichen Ende des Greenbelts fahren – des Waldes, der in dieser Wüste gepflanzt wurde, und der Auroville jetzt einkreist.

Die Gefahr, mich zu verlaufen, kann ich bisher trotzdem nicht aus der Welt schaffen. Das Gebiet ist weitläufig, man sieht ständig nur Bäume und mehr staubige Pfade als gepflasterte Straßen. Bei Sonnenschein kann ich den Charme von Wald und Frischluft aber de facto nicht leugnen. Ebensowenig wie die dringende Notwendigkeit eines motorisierten Untersatzes, um von A nach B zu kommen, besonders nach Sonnenuntergang – Punkt 18 Uhr.

Gegründet wurde das „internationale Dorf“, in dem Frieden und Gemeinschaft unabhängig von Herkunft und Nationalität praktiziert werden sollen, in den 1960ern von einer Französin, die heute als Guru einfach „Mother“ genannt wird, und den philosophischen Grund- stock für all das gelegt hat.
Details erfahre ich hoffentlich während einer der Einführungs- veranstaltungen, bei denen ich mich hoffentlich nicht dafür rechtfertigen muss, nicht hier zu sein, um Erleuchtung zu finden.
Letztendlich wird es wohl eine Sache der Gewohnheit sein, dass die einzelnen Ortsbereiche und Wohngebiete Namen wie „Revelation“, „Discipline“, „Solitude“, „Inspiration“ und „Sincerity“ tragen.

Der praktisch bisher größte Unterschied zum Leben in Pune hat weniger mit Auroville zu tun, sondern mit der Tatsache, dass es ein Dorf ist: Mehrmals pro Tag fehlt für mehrere Stunden der Strom.
Was auch am ersten Abend zu hochgezogenen Augenbrauen meinerseits geführt hat. Ohne Strom, ohne Internet und ohne Licht in einem fremden Zimmer zu sitzen, und nicht mal ein Handy zu haben, um mit jemandem darüber zu reden, war doch eher eine ungewohnte Situation, von der an es eigentlich nur bergauf gehen konnte…

Dachte ich jedenfalls, bis kurz darauf eine Zyklonwarnung ausgestellt wurde und den Einwohnern geraten wurde, die Häuser nicht zu verlassen. Ist zum Glück alles heil geblieben. Inzwischen habe ich auch zumindest immer Licht – ein Vorteil, wenn man bei einem Solarunternehmen arbeitet.

Allerdings arbeite ich dort nicht nur, sondern wohne da im Grunde. Eine Tür neben dem Büroeingang liegt die Tür zur Gästewohnung – meinem Domizil für die kommenden sechs Monate. Kurze Arbeitswege, aber auch wenig psychische Distanz? Wir werden sehen.

Wasser ist – dem Monsun sei Dank – aktuell keine Mangelware. Um nicht ganz die verwöhnte Westlerin raushängen zu lassen, beklage ich mich auch nur ganz leise darüber, nur kalt duschen zu können.

Das wirklich nasskalte Wetter steht mir im kommenden Monat noch bevor. Wenn ich mir aber dann überlege, dass dieses Wetter hier gerade Winter ist… und dann an den aktuellen Winter in Deutschland denke… kann ich ein schadenfrohes Lächeln nicht vermeiden.



Ganpati Bappa Morya! – Ganesha-Fest in Pune
3. Oktober 2012, 17:21
Filed under: Home Sweet Home, Indien-Impressionen

Ein beschützender Gott mit Elefantenkopf wird zehn Tage lang gefeiert und am Ende ins Wasser geschmissen. Alles begleitet von Tanzen, Trommeln, Singen und vielen Farben in geschmückten Straßen.
Mindestens zwei Monate lang bereiten sich Trommel- und Tanzgruppen, Vereine und Tempel auf die zehn Tage andauernde Festlichkeit vor, die dem Gott mit dem Elefantenkopf gewidmet ist: Ganesha.

Kleine Mythologiestunde?

Ganesha ist der Sohn des Gottes Shiva und der Göttin Parvati.
Shiva war oft außer Haus, womit seine Frau Parvati nicht wirklich zufrieden war. Darum erschuf sie aus dem Dreck an ihrem Körper ihren Sohn Ganesha, der von nun an das Haus beschützte.
Als Shiva zurückkehrte, verweigerte der pflichtbewusste Ganesha ihm den Eintritt. Shiva, der nicht wusste, dass er seinen Sohn vor sich hatte, hackte ihm den Kopf ab.
Verständlicherweise wurde Parvati wütend und so musste Shiva den Karren irgendwie aus dem Dreck ziehen. Er beauftragte seine Diener, ihm den Kopf des erstbesten Tieres zu bringen – was dann schließlich ein Elefant war. Dessen Kopf setzte Shiva seinem Sohn auf und erweckte ihn wieder zum Leben.

Das Schöne an Ganesha ist, dass der gute Herr wirklich für alles zuständig ist. Der beschützt alles und jeden, egal ob Haus, Auto, Menschen oder Laptop – Glück und Sicherheit sind praktisch garantiert.

Besonders Maharashtra, der Bundesstaat, in welchem ich mich aktuell befinde, gehört zu den Regionen, in denen Ganesha sehr beliebt ist.

Was “Beliebtheit” im Kontext hinduistischer Götterverehrung bedeutet, erfuhren wir bereits am ersten Tag des Fests. Nicht nur sind die Ränder der meisten Straßenzüge geschmückt (gern auch mit Werbung), auch Musik beginnt langsam aber sicher unaufhaltsam zu schallen. Auf kunstvollen Wagen rollen dann den ganzen Tag über Ganesha-Statuen von ihrer ursprünglichen Heimat durch die neugierigen Menschenmassen.

Eskortiert wird jede Statue von Trommlern, um am Ende ihrer Reise ihren Platz auf der für sie bestimmten Bühne einzunehmen.

Auf diesen Bühnen, von denen in nahezu jeder Straße mindestens eine zu finden ist, residiert die rundbäuchige Gottheit dann für die kommenden zehn Tage.

Einige dieser Bühnen sind selbstverständlich berühmter und prächtiger als andere. An den umfassendsten Exemplaren, die dann durchaus die Ausnahme eines Einfamilienhauses einnehmen können, wurde mehrere Monate lang gebaut.

Und das nicht umsonst: Lange Menschenschlangen nehmen zwei bis drei Straßenzüge ein, um nach stundenlangem Warten vor der Ganesha-Statue anzugelangen.
Wir haben uns sagen lassen, dass die Leute auch über Nacht anstehen, um schließlich vor dem Gott niederzuknien, Opfergaben zu bringen etc.

An dieser Stelle erhielten wir – eine Gruppe europäischer Nicht-Hinduisten – seltsamerweise religiöse Privilegien. Durch einen Seiteneingang gelangten wir nach einer Minute praktisch an den Beginn der Menschenschlange und durften Fotos schießen.

Und damit nicht genug des “Westler tun beim Ganesha-Fest Dinge, die keine religiöse Bedeutung für sie haben”-Spaßes.
Am Abend des vorletzten Festtages durften wir Teil einer Puja sein. In einfachen Worten handelt es sich dabei um eine rituelle Ehrerbietung gegenüber der Gottheit, deren Statue dabei unter anderem gereinigt, geschmückt, besungen und mit Feuer bzw. Rauch umschwenkt wird. Letzteres wird als Aarti bezeichnet und ist der Teil der Puja, den wir vor einem der fünf größten Ganeshas Punes ausführen durften.

Grundsätzlich kann jeder auch in seinen eigenen vier Wänden eine Puja durchführen. Dieser Gedanke minderte dann auch meine Skepsis ein wenig, als wir Westlerinnen auf der Bühne standen und – von einer Fernsehkamera beobachtet – den Feuerkelch geschwenkt haben.

Besagte fünf Mammut-Ganeshas waren schließlich auch am zehnten und letzten Tag des Festes Zentrum des Umzugs durch die Straßen der Innenstand.

Gegen 10 Uhr morgens setzte sich die Parade in Bewegung und wurde innerhalb von zwei Stunden zu einer riesigen Tanz- und Trommelwelle, die wohl nur aus der Vogelperspektive annähernd aufgesogen werden kann.
Erst acht Stunden später sollte der erste Ganesha am Anfang der Parade das Flussufer erreichen, was wir allerdings nicht bis zum Ende verfolgten.

Wer die Worte Ganpati Bappa Morya! noch nicht rufen konnte, lernt es spätestens hier. Es bedeutet: „Mein Herr Ganesha, bitte komm nächstes Jahr wieder!“, und wir riefen es mehrfach in die Mikrofone und Linsen diverser Fernsehkameras. Glücklicherweise war Ganesha dann aber doch eine größere Attraktion als wir. ^^

Erinnert ihr euch noch an die Ganeshas, die an Tag 1 trommelbegleitet zu den allgegenwärtigen Bühnen gebracht wurden? Am Nachmittag und Abend dieses letzten Festtages begeben sie sich auf ihren Wagen, begleitet von tanzenden und feiernden Menschen, auf ihre zweite und letzte Reise: Zum Wasser.

Denn das Fest endet damit, dass alle Statuen in einen Fluss, ein Becken, einen Eimer oder ein anderes Gewässer eurer Wahl geworfen werden. Am Abend haben wir dies an einem Flussufer beobachtet.
Auch Familien kommen zum Ufer. Nach der obligatorischen Puja übergeben sie ihren kleinen Ganesha Bootsleuten, die ihn dann taufen und sinken lassen.

Da das nicht nur von unglaublich vielen Hindus praktiziert wird, sondern auch noch jedes Jahr, kann man sich wohl kaum vorstellen, wie viele Ganesha-Statuen sich mittlerweile in den hiesigen Gewässern befinden. Da Umweltschutz und Nachhaltigkeit hier nicht gerade tief verinnerlichte Konzepte sind, besteht bei Weitem nicht jeder Ganesha aus natürlich abbaubarem Material.
Was man wohl sehen würde, wenn man auf den Grund des Flusses taucht?

In diesem Sinne: Ganpati Bappa Morya!