Zu Besuch im Land der Tausend Farben


Thailand III – Wenn erste Eindrücke der Wahrheit entsprächen
27. April 2013, 14:11
Filed under: Indien-Impressionen

Nur wenige Argumente bringen mich davon ab, gebetsmühlenhaft zu verkünden, dass Shanghai nicht viel mit dem Rest Chinas gemeinsam hat. Und auch meine Erfahrungen in Mumbai hatten nur eine geringe Auswahl Schnittstellen mit meinen Erfahrungen im Rest Indiens. Daher gibt es vorerst keinen objektiven Grund für mich zu glauben, in Bangkok einen repräsentativen Eindruck von Thailand bekommen zu haben.

Was schade ist. Denn ich möchte gern glauben, dass das ganze Land so ist wie die kurzen Einblicke, die mir seine Hauptstadt in den letzten zwei Wochen geboten hat. Besonders im Vergleich zu Indien.

Das ist (fast) alles, was ich dazu sagen kann. Sauberer, geordneter, freundlicher. Ich weiß, dass ich viel Dreck finde, sobald ich etwas an dieser oberflächlichen Fassade kratze. Aber für den Moment habe ich nicht den Bedarf, diesen positiven Eindruck loszulassen…

Deshalb jetzt – mal wieder bei einer Tasse Kaffee am Flughafen wartend – nur noch einige Gedanken, die ziellos in meinem Kopf schwirren.

  • Noch ein „Land des Lächelns“.

    Die Studentin interkultureller Kommunikation in mir weiß natürlich, dass da ein Löwenanteil indirekte Kommunikation im Spiel ist, und dass ich mir aus jedem zweiten Lächeln nicht viel machen sollte. Aber wenn ich als Deutsche („Direkt, aber wir lassen jedes sein eigenes Süppchen kochen und lassen ihn in Ruhe.“) die Wahl habe zwischen einem lauten, verhältnismäßig direkten Indien und einem leiseren und höflich distanzierterem Thailand… Nein, den Satz muss ich nicht beenden.

  • Garderobenbedarf.

    Dieser Punkt macht mich dann doch froh, für den Augenblick nicht länger hier zu wohnen. Denn das würde fraglos preisintensive Shoppingtouren nach sich ziehen, um den Inhalt meines Kleiderschranks umzuwerfen.

    Nicht etwa, weil qualitativ hochwertige Markenware hier spottbillig ist. (Ist sie nicht.) Sondern einfach, weil ein schlichter 360-Grad-Blick in den Straßen Minderwertigkeitskomplexe verursachen kann. Vom Scheitel bis zur Sohle ist praktisch jede Thailänderin, die mir über den Weg gelaufen ist, elegant und auf den Punkt gekleidet, gestylt und in Szene gesetzt. Noch schlimmer als in China.

    Dass ich ein halbes Jahr in einem Dorf im Wald gelebt habe, hilft dabei nicht. Was in Auroville zweifelsfrei als overdressed galt (Fängt schon mal an bei Jeans. Oder sichtbarem Makeup.), lässt mich in Bangkok aussehen wie frisch aus der Mülltonne gekrochen.

    Und es ist nicht so, dass es den Thailändern nicht auffallen würde. Zitat: „Das macht doch nix, dass du so aussiehst. Wir sehen ja, dass du Ausländerin bist.“ Danke. In deinem Kopf hörte sich das bestimmt freundlich an.

  • Katzenhafter Straßenverkehr.

    Wie auf Samtpfoten reiht sich ein Auto ans nächste, wartet an Ampeln, ordnet sich aus Seitenstraßen in die Hauptstraße ein, überholt und lässt überholen,… Bei meiner ersten und zweiten Fahrt in Bangkoks Straßen hatte ich nur ein unterschwelliges Gefühl in der Magengegend, dass irgendwas… seltsam ist. Irgendwas war nicht normal. Erst später fiel es mir dann wie Schuppen von den Augen: Niemand hupt. Niemand.

    Ganz zu schweigen davon, dass dort tatsächlich nur drei Spuren gebildet werden, wo drei Spuren vorgesehen sind. Und dass nicht das schnellste, wendigste, größte oder lauteste Auto (je nach Situation) Vorfahrt hat, sondern dass diese Entscheidung von den Straßenschildern geregelt wird.

  • Hier wird das „Eis“ im „Eiskaffee“ ernstgenommen…

    Auch mal eine Erfahrung. Egal ob Cola, Saft, Kaffee oder Kakao: Bevor das Glas nicht randvoll mit Eiswürfeln gepackt wurde, findet kein Getränketropfen seinen Weg ins Gefäß. Was die Trinkerfahrung dann beträchtlich beschleunigt, wenn man keinen völlig verwässerten Kaffee möchte.

So. War’s das jetzt etwa schon? Nicht ganz. Drei Tage lang werfe ich mal einen Blick auf die Südspitze der Halbinsel: Singapur. Der Rückflug nach Thailand schickt mich dann fast direkt an den Strand zum tatsächlichen „Urlaub“. Ob das im Blog breitgetreten wird? Wohl eher nicht. ^^ Bin ja nicht die erste Deutsche, die im Golf von Thailand badet.



Thailand I – Drei Gedanken zum Länderwechsel
17. April 2013, 11:05
Filed under: Babys erste Schritte, Home Sweet Home, Indien-Impressionen

1.) Optimierungsbedürftiges Timing

Zeigt sich bei mir langsam eine Tendenz, immer zu den ungünstigsten Zeitpunkten umzuziehen?

  • 2010 lege ich mir aus Visumspanik das Ei selbst ins Nest, ausgerechnet zum Frühlingsfest umzuziehen. (13 Stunden im Zug und fast erfroren im vollkommen menschenleeren Hostel.)

  • November 2012 ziehe ich innerhalb der einzigen Monsunwoche nach Auroville, in der eine Zyklonwarnung ausgerufen wird. (Strom, Internet, Trockenheit und Wärme als entfernte Träume.)

  • Und in Thailand arbeitet außer im Supermarkt keiner, weil Neujahr gefeiert wird. Klar, 16. April, das springt einem ja förmlich ins Auge… *

2.) Startschuss zum Thailand-Minikapitel

Nach einer Landung um 3 Uhr morgens Ortszeit ist mir diese Pause einerseits ganz recht. Andererseits versuche ich, mich mit Tütencappuccino und dem Tippen dieser Zeilen tagsüber wach zu halten, um nicht die erste Schwachmatin zu sein, die von 1,5 Stunden Zeitverschiebung Jetlag davonträgt.

Mein Appartment in Firmennähe im nördlichen (d.h. nicht-touristischen) Bangkok hat zwar noch kein Internet (Oh weh… Man stelle sich eine wimmernde Jungfer vor, die sich den Arm an die Stirn wirft und melodramatisch in Ohnmacht fällt…), wird aber für die kommenden zwei Wochen mein Basislager sein. Von dort aus werde ich hoffentlich nicht nur ins Büro laufen, sondern hoffentlich auch die Landeshauptstadt erkunden können.

3.) Sonstige Ersteindrücke

Erst jetzt fällt mir auf, dass ich das erste Mal in einem Land bin, auf dessen Landschaft und Kultur ich nicht mindestens ein Jahr lang studienbedingt vorbereitet wurde. Schockschwerenot, da werde ich mich doch tatsächlich mal auf meinen gesunden Menschenverstand verlassen müssen.

  • Erste Gemeinsamkeit mit Indien: Ich kann kein Wort lesen und keiner spricht Englisch.

  • Erster Unterschied zu Indien (und China): Ich stehe am Immigrations-Schalter am Flughafen, habe kein Visum im Pass und werde trotzdem sofort ins Land gelassen. Es ist geisteskrank und unnatürlich, wie unvorstellbar glücklich ich in diesen zwei Minuten war…

In den nächsten Wochen werden wohl noch ein paar Blogeinträge folgen, aber im Großen und Ganzen heißt es: Indien 2012/13 gehört meiner persönlichen Vergangenheit an!

* Um nicht ganz inkompetent zu wirken: Ich wusste, dass in dieser Woche Neujahr gefeiert wird. Aber die Mitarbeiterin, die mich vom Flughafen abgeholt hat (3 Uhr nachts… die Arme.) konnte mir mangels Englischkenntnissen nicht wirklich kommunizieren, wann nun genau gearbeitet wird und wann nicht.
Und wenn mir dank nationalem Feiertag auch noch die Interneteinrichtung vorenthalten wird, werde ich bissig.



Passbildfresser II – Ein Drama in 5 Akten
13. April 2013, 15:53
Filed under: Babys erste Schritte, Indien-Impressionen

Die Fortsetzung der Bürokratieodyssee von Pune.

Zeitraum: 6 Monate

Orte:

  • Deutschland
  • Auroville
  • RRO (Regionale Registrierungsbehörde) Pondicherry

Darsteller:

  • Ich (verzweifelt bemüht, nicht illegal in diesem Land zu leben)
  • Auroville-Studentenservice
  • Auroville-Stiftung
  • RRO-Sachbearbeiterin
  • RRO-Mitarbeiter
  • RRO-Chef

—————- AKT 1 —————-

(Juli 2012, per E-Mail aus Deutschland)

ICH
„Ich brauch offizielle Einladungsdokumente
aus Auroville für Visum und Registrierung.“

AUROVILLE-STUDENTENSERVICE
„Pff, du hast schon ein Visum,
wozu belästigst du mich?“

ICH
„Aber ich muss mich doch auch regis-“

AUROVILLE-STUDENTENSERVICE
„Lalala, ich hör dich nicht, lalala…“



—————- AKT 2 —————-

(November 2012, in der Registrierungsbehörde in Pondicherry)

RRO-SACHBEARBEITERIN
„Du brauchst noch die offizielle
Einladung von Auroville.“

ICH
(schlage Kopf gegen Schreibtisch)


—– (1 Tag später) —–


AUROVILLE-STUDENTENSERVICE
„Kein Problem, ich regle das für dich!“


—– (1 Woche später) —–


AUROVILLE-STUDENTENSERVICE
„Was? Wer bist du?
Keine Ahnung, was du brauchst.“


—– (1 Woche später) —–


AUROVILLE-STUDENTENSERVICE
„Du hast nen Termin bei der Stiftung.
Los, weg mit dir!“



—————- AKT 3 —————-

AUROVILLE-STRIFTUNG
„Ich bin wichtig!“

ICH
„Hi.“

AUROVILLE-STRIFTUNG
„Du bist nur sechs Monate in Auroville,
du musst dich nicht registrieren.“

ICH
„Ich bin aber länger als sechs Monate in Indien.
Selbst in meinem Visum steht,
dass ich mich registrieren muss.“ -.-

AUROVILLE-STRIFTUNG
(nach einem Anruf bei der RRO)
„Okay, ich hab das für dich geklärt,
du gehst heute zur RRO.“

ICH
(reiße die Dokumente an mich)

AUROVILLE-STRIFTUNG
„Ich bin wichtig! Wichtiiiig!“


—– (1 Stunde später) —–


RRO-SACHBEARBEITERIN
„Du hast dich zu spät registriert
und musst deshalb eine Strafgebühr zahlen.“

ICH
„Ich sehe natürlich ein,
dass die Verspätung vollkommen meine Schuld ist
und das alles nicht schon
im Juli hätte vermieden werden können…“

RRO-SACHBEARBEITERIN
„Aber sonst sind alle Dokumente da.
Komm in zwei Wochen wieder.“


—– (2 Wochen später) —–


RRO-SACHBEARBEITERIN
„Es fehlen noch Dokumente aus Pune.“

ICH
(zeige auf die 50 Papierfetzen
und Stempel in meiner Akte)


RRO-SACHBEARBEITERIN
„Es fehlt aber noch eine Bestätigung aus Pune.
Wir haben sie angefragt.
Wir rufen dich an, wenn sie da ist.“



—————- AKT 4 —————-

(2 Monate später, Ende Dezember 2012)

ICH
„Hey, so langsam würde ich mich gern
offiziell registrieren.“

RRO-Mitarbeiter:
(blättert durch meine Akte)
„Hm… Du bist noch gar nicht registriert…
Da fehlen Dokumente aus Pune.“

ICH
„Immer noch?!“


—– (wieder 2 Monate später, Ende Februar 2013) —–


ICH
„In zwei Monaten bin ich hier weg.
Solltet ihr nicht langsam mal dafür sorgen,
dass ich legal in diesem Land bin?“

RRO-MITARBEITER
(blättert durch meine Akte)
„Hm… Du bist noch gar nicht registriert…
Da fehlen Dokumente aus Pune.“

ICH
„Die haben sich vier Monate lang nicht gezuckt.
Was um Himmels Willen sollte mich dazu bewegen
zu glauben, dass sich daran
in den nächsten Wochen was ändert?!“

RRO-MITARBEITER
„Hm… Wir schicken noch mal
eine Erinnerung nach Pune.“

ICH
(schmerzhaft breit lächelnd)
„Viel Glück!“


—– (1 Monat später bzw. 1 Monat vor Ausreise, März 2013) —–


ICH
„Registriert mich oder gebt mir
wenigstens ne Ausreisegenehmigung!“

RRO-MITARBEITER
(blättert durch meine Akte)
„Hm… Du bist noch gar nicht registriert…“

ICH
„Schei* die Wand an, wer hätte das gedacht?“

RRO-MITARBEITER
„Da fehlen Dokumente aus Pune.“

ICH
„Ich steh hier nicht auf,
bevor mir irgendjemand was anderes sagt.“


—– (2 Minuten später im Büro des RRO-Chefs) —–


RRO-CHEF
„Laut deiner Akte fehlen noch Dokumente aus Pune.“

ICH
„Nein, wirklich?
Warum hat mich darauf
bloß noch niemand aufmerksam gemacht?“

RRO-CHEF
„Ich werde persönlich in Pune anrufen,
um das zu klären.“

—– (1 Woche später am Telefon) —–


RRO-CHEF
„Schei* drauf,
beantrag einfach
ne Ausreisegenehmigung.“



—————- AKT 5 —————-

(2 Wochen vor Ausreisetermin, April 2013)

ICH
„Hallo, ich möchte gern Ausreise beantragen.“

RRO-MITARBEITER
(blättert durch meine Akte)
„Hm… Du bist noch gar nicht registriert…
Da fehlen Dokumente aus-“

ICH
„Kann ich mit deinem Chef reden?“


—– (1 Minute später) —–


RRO-CHEF:
„Ah, hallo.
Ja, du kannst Ausreise beantragen.“

ICH
„Na dann los.“

RRO-CHEF
(nimmt meine Akte von seinem Schreibtisch
und gibt sie einer Mitarbeiterin)


RRO-SACHBEARBEITERIN
„Kein Problem, komm 5 Tage vor deiner Ausreise
mit deinem Pass wieder her.“

ICH
„Bin ich grad extra hierhergekommen,
damit meine Akte von einem Schreibtisch
unbearbeitet auf einen anderen Schreibtisch wandert?“

BEIDE
„Ja.“


—– (5 Tage vor Ausreisetermin) —–


ICH
„Tada, hier bin ich, hier ist mein Pass,
lasst mich hier raus!“

RRO-MITARBEITER
„Hm… Du bist noch gar nicht-“

ICH
„Chef!“

RRO-CHEF
„Ja, Ausreise. Passt.“

RRO-SACHBEARBEITERIN
„Komm in 2 Tagen wieder.“

ICH
„Yeah.“


—– (1 Tag später am Telefon) —–


RRO-SACHBEARBEITERIN
„Komm schon heute
und bring dein Flugticket mit.“


—– (4 Stunden später) —–


RRO-SACHBEARBEITERIN
(reicht mir zwei Dokumente)
„Hier ist deine Aufenthaltsgenehmigung,
die bestätigt, dass du bis 17. April
hier registriert bist.“

ICH
(verkneife mir zu kommentieren,
dass das also der Wisch ist,
für den noch Dokumente aus Pune gefehlt haben)


RRO-SACHBEARBEITERIN
„Uuuuund hier ist deine Ausreisegenehmigung!“

ICH
(schmeiße symbolischen Konfetti
und möchte diese Menschen
nie wieder sehen)



Delhi-Abschlussnote: Ausreichend.
5. April 2013, 14:09
Filed under: Indien-Impressionen, Sightseeing und Reisen

Wider Erwarten hatte ich nun also das (zunächst) zweifelhafte Glück, die Staatshauptstadt mit etwas genauerem Blick zu beäugen. So detailliert, wie ein eintägiger Aufenthalt es eben zulässt…

Lange Analyse kurz: Der Eindruck, dass die Stadt das Höllenloch ist, das mir von mehr als einer Person beschrieben wurde, will bei mir nicht so richtig aufkommen. Voll, dreckig, teuer, laut. Allerdings nichts, mit dem nicht zu rechnen gewesen wäre. Von den schöneren Ecken ganz zu schweigen.

Ab und an wird Mumbai ja als positives Kontrastbeispiel angebracht. Hm. Mumbai kann man wohl als „geordneter“ bezeichnen – aber ich verwende diesen Begriff im indischen Kontext im weitesten Sinne.

Vielleicht liegt es daran, dass ich vorrangig in Süddelhi unterwegs war. Vielleicht habe ich die schlimmsten Ecken einfach nicht gesehen. Aber ich bin durch Old Delhi gelaufen und bin weit davon entfernt, es als Alptraum der letzten Nächte zu deklarieren.

Ah ja, Old Delhi. Es gibt Orte, an denen ich keine Bedenken habe, meine Kamera aus meiner geöffneten Tasche zu holen. Und es gibt Old Delhi. Ein Ort, an dem freie Fußwege Luxus, Bettler allgegenwärtig und löcherlose Straßen nicht vorhanden sind. Aber keinesfalls das Gruselkabinett der Indientraumata.

Eine der erwähnten schöneren Ecken habe ich dann auch besucht: Lodi Garden. Außer verliebten Pärchen gibt es dort noch diverse Architekturdenkmäler der Lodi Dynastie des 15. Jahrhhunderts. Taktvollerweise habe ich mich darauf beschränkt, letztere zu fotographieren.

Und ganz getreu der Gedankenlinie „Ich hasse es, aber wenn ich es lange (wie in Auroville) nicht mehr habe, vermisse ich es“: Ich war shoppen. Na und?

Im Riksha- und Metroverkehr verging der Tag erwartungsgemäß schnell. Es war nicht Varanasi, aber es war wenigstens auch nicht Auroville. Welch nichtssagender Satz.

Letztlich noch zum Ort, an dem ich diese Zeilen tippe: Indira Gandhi Airport, wartend auf den Flug nach Kolkata. Wie ist der Flughafen so?
Anscheinend beeindruckend genug, um darin drei Blogabsätze zu investieren… Der schönste Anblick überhaupt:

Gute Güte! Direkt nach der „Ich bin mir nicht sicher, ob dein Vorhängeschloss und -schlüssel ein Sicherheitsrisiko darstellen“-Sicherheitskontrolle und diversen „Anstellen? Die Schlange beginnt dort, wo ich stehe“-Indern könnte für mich eine mit Steckdosen ausgestattete Laptop-Station auch genauso gut eine Massageliege sein!

Kein Kaffee oder Frühstück der Welt kann entspannt vier Stunden Wartezeit überbrücken, die jetzt dank zweistündiger Flugverspätung auf mich zukommen. Aber egal – dass ich gerade auf hohem Niveau jammere, habe ich hoffentlich klargemacht.



„Schau mir in die Augen, Passant“
9. März 2013, 18:11
Filed under: Indien-Impressionen

Vor einiger Zeit hatte ich ja bereits erwähnt, dass ich einer von vielen regelmäßigen Mittagsgästen der Solar Kitchen bin. Man findet nicht viele Orte in Auroville, an denen sich täglich und berechenbar zur gleichen Zeit so viele Menschen zusammenfinden.
Das hat auch eine Gruppe von vier Indien-bereisenden Künstlern bemerkt, und sich eines schönen Tages zur Mittagsstunde vorm Eingang positioniert. Ausgestattet mit ein paar Schildern mit der Aufschrift:

„Free Eyes!“
(„Gratis-Augen!“)

Was angeboten wurde, waren aber nicht etwa fragwürdige Beilagen zum Mittagessen. Ein kleineres Schild erläuterte noch:

„An unconditional look into the human soul!“
(„Ein bedingungsloser Blick in die menschliche Seele!“)

Im Endeffekt konnte man sich also zu den Damen und Herren stellen, einmal lieb blinzeln und der/dem Auserwählten dann so lange in die Augen schauen wie man wollte.

Und wenn man die Dauer des Seelengaffens als ausreichend betrachtet hat, konnte man wieder gehen.

Ich bin noch nicht lang genug in Auroville, um auf den ersten Blick zu erkennen, dass es sich um Touristen und nicht um seltsamere Exemplare der Aurovillians handelt. Aber ich bin lang genug hier, um mich von so einem Anblick nur noch marginal überraschen zu lassen.

Hilfe.

P.S.: Auf die Frage, wer um Himmels Willen sie denn seien, kam als Antwort: „We just are.“ („Wir sind einfach.“) Ich habe ihnen einfach noch viel Spaß beim „Sein“ gewünscht und vorsichtshalber noch mal überprüft, ob sich Geld und Wertgegenstände noch alle an mir befanden…



Kerala IV – Fazit
10. Januar 2013, 12:17
Filed under: Indien-Impressionen, Sightseeing und Reisen

„Jetzt besuchen wir nur noch den Shop eines Freundes!“ – Altstadtrundfahrt in Kochi

Verspätet noch ein Bericht zur letzten Kerala-Reisestation und meinem verachteten Urlaubsende: Kochi. Großstadt, Meer, und wieder mal kochend heiß.

Trotz gebührender Faulheit konnte ich mich überzeugen, eine Kathakali-Vorführung zu besuchen. Diesen klanglosen Namen gab man jedenfalls dem regionalen Tanzstil Keralas. Wie ich herausfinden durfte, tendiert dieser Tanz doch sehr viel stärker in Richtung Theater als die indischen Tanzstile, die ich bisher live gesehen hatte. Wenig Körperbewegung, viel Körperspannung, der größte Teil der Geschichte wird über Mimik und Gestik vermittelt und die Musik besteht aus Trommeln und Becken. Und das Kostüm ist riesig. Allein das Gesichtsmakeup, bei dessen Auftragen man zuschauen durfte, benötigte einen einstündigen Vorlauf.

Da sich die schönsten Stadtteile Kochis nicht auf dem Festland befinden, sondern auf einer vorgelagerten Insel, war selbige der Hauptanlaufpunkt am letzten Tag in Freiheit. Für 100 Rupien machen es sich Rikshafahrer zur Aufgabe, gutgläubige Touristen zu Fischernetzen, Tempeln und diversen Kirchen zu kutschieren. Diesmal sogar mit Fotoerlaubnis.

Letzter Stop der Rundfahrt ist dann selbstverständlich der Laden eines „Freundes“, in dem man sich doch bitte einen Teppich, Schmuck, Möbel, Statuen und anderen Krempel andrehen lassen soll, um das Tageseinkommen des Reiseleiters etwas aufzubessern. War ja klar.

Und so endete mein Urlaub in Kerala. Letztendlich konnte ich nur zufrieden ins Bettchen fallen und mich freuen, zufällig als letzte Reisestation ein Hotel gebucht zu haben, in welchem mir sogar Seife, Toilettenpapier und ein Handtuch zur Verfügung gestellt werden. Luxus…

„Perspektivenwechsel“ – Abschlussgedanken

Als ich in China war, war mir klar, dass das Land unvorstellbar groß ist. Seltsamerweise erschien mir Indien im Gegensatz dazu nie als wirklich massiver Brocken auf der Weltkarte. Diese Ansicht kann ich nun nach einer Reisewoche dankbar im Klo runterspülen. Denn:

Indien ist groß. Also wirklich bescheuert groß. Selbst Kerala ist enorm. Und Kerala ist nur ein winzig kleiner Fleck auf der Landkarte, der so aussieht, als habe man ihn noch notdürftig an die Südwestküste gequetscht, als im Rest des Landes kein Platz mehr war.
Kerala hat 60 Millionen Einwohner. Das ist dreimal so viel wie Schweden – bei nahezu identischer Größe.
Wenn man sich in Deutschland ins Auto setzt und vier Stunden fährt, hat man knapp die Hälfte der Republik hinter sich gebracht. Wenn ich in Kerala ins Taxi steige und vier Stunden geradeaus kutschieren lasse, komme ich von der Küste des unteren Drittels an Ostgrenze des mittleren Drittels.
Wenn ich in Indien den Bundesstaat wechsle, sprechen die Menschen eine andere Sprache. (Auch wenn mir das manchmal auch in Deutschland so vorkommt.)

„Dienerschaft und Rattenloch“ – Arbeit in Mumbai

Dem Urlaubsende zum Trotz geht es für mich allerdings nicht zurück nach Auroville. Zwei Wochen lang werde ich sozusagen „entsendet“, um im Firmenbüro in Mumbai etwas unentlohnte Arbeit zu leisten.
Wobei… So ganz unentlohnt ist sie nicht…

Mehr dazu im nächsten Eintrag.



Was in Auroville als Weihnachtsfest bezeichnet wird…
28. Dezember 2012, 13:57
Filed under: Home Sweet Home, Indien-Impressionen

… entpuppte sich erwartungsgemäß als eine Veranstaltung mit dem Motto: „Wir feiern und essen und sagen halt, dass es Weihnachten ist.“ Es ist also eher ein Anlass zum Feiern, aber keine wirkliche Richtlinie bezüglich des Inhalts dieser Festlichkeiten.

Der Weihnachts- markt war eher ein Kinderfest mit abend- lichen Tanzvorfüh- rungen, die mir allerdings schnell zu esoterisch wurden. Um in einem Trommel- kreis mitzusingen, und mich tanzend mit dem göttlichen Bewusst- sein zu verbinden, bin ich bei Weitem nicht lang genug in Auroville. Und dank des Alkoholverbots auch nie besoffen genug.

Dafür hatte ich mal wieder ganz lieben Besuch aus Chennai. ^^ Und somit fleißige Mit-Mampfer beim (seeehr leckeren) vegetarischen Buffet am Heiligabend (siehe obiges Bild)…

… und tatkräftige Mit-Kocher beim selbstzubereiteten Essen am 25. Dezember. Wir sind uns einig, dass Nudeln mit Tomatensoße wahrscheinlich keines unserer traditionellen Weihnachtsgerichte wird. Aber dafür haben wir mit selbstgemachtem Glühwein und Räucherkerzchen ein bisschen deutsche Weihnachtsatmosphäre auf meinen Balkon im Wald Tamil Nadus gebracht.

Was aber von mir aus durchaus zur Tradition werden dürfte: Fußreinigung durch Fische.

In einer nahegele- genen Community in Auroville befindet sich ein für die Öffentlichkeit zugäng- licher künstlicher Teich. Er ist das Zuhause vieler kleiner Fische, die bezüglich ihrer Ernährung ziemlich wild auf abgestorbene Haut- schuppen sind. Daher ist jeder eingeladen, sich an den Teichrand zu setzen, die Füße im Wasser baumeln und von Fischscharen abknabbern zu lassen.
In Deutschland muss für derartige Behandlungen viel Geld über den Tresen wandern, hier darf man umsonst die Stelzen ins Wasser halten. Für mich hat der Ausdruck „die Fische füttern“ ab sofort also nichts mehr mit Magenverstimmung zu tun, sondern mit Pediküre.

Was aber viel wichtiger ist: Ich habe Urlaub!

Wider Erwarten haben diverse voneinander unabhängige Umstände jetzt dafür gesorgt, dass die erste Woche des Jahres 2013 komplett zu meiner privaten Verfügung steht. Zwar habe ich davon erst eine Woche vor Jahresende erfahren, aber egal: Flug gebucht, Hostels gebucht, grobe Reiseroute abgesteckt – nichts wie an die indische Südwestküste: nach Kerala!

In diesem Sinne: Guten Rutsch!