Zu Besuch im Land der Tausend Farben


Thailand II – Etwas mehr als Salz und Brot
23. April 2013, 08:52
Filed under: Studium und Praktikum

Unglücklicherweise hatte ich das thailändische Neujahrsfest ja nun um einen Tag verpasst. Dessen Zelebrierung besteht scheinbar unter anderem darin, dass sich wildfremde Menschen auf den Straßen mit Wasser und Wasserballons bewerfen. (Und ich war nicht dabei. Wahrhaft tragisch, dass mir die Entscheidung zwischen „Im Zimmer einschließen“ und „In einem Loch eingraben“ erspart blieb.)

Bleiben also zwei Wochen Büroarbeit in einem Industriepark, der zehn Minuten Fußweg von meinem licht- und küchenlosen Appartement/Hotelzimmer entfernt liegt.
Wider Erwarten bestehen diese beiden Wochen aber nicht nur aus zombiehaftem Hin- und Herwandeln zwischen Bett und Büro, ohne dabei zu bemerken, ich welchem Land ich mich befinde oder nicht befinde.

Am Samstag fand im Haus meiner Chefin eine große Feier statt, zu der nach meiner Einschätzung nicht nur jeder Verwandte dritten Grades, sondern auch die ganze Firma eingeladen war. Der Grund, für 50 Leute kostenloses Essen anzubieten (Das war ungelogen das Hauptargument einer Kollegin, warum ich unbedingt kommen sollte.), war aber nicht ganz uneigennütziger Natur:
Anlass der Festlichkeit war eine Haussegnung. Vor einigen Jahren wurde ihr Haus von Regenfällen und Überflutungen stark mitgenommen. Jetzt – nach Abschluss aller Renovierungsarbeiten – will man kein gottgewaltiges Risiko eingehen und die Behausung ordnungsgemäß nach Tradition segnen lassen.

Gut also, dass es hier keinen Mangel an buddhistischen Tempeln und mietbaren Mönchen gibt.

Wohnzimmer leeren, Platz machen für eine Gruppe von Mönchen, die etwa eine Stunde lang singen, beten und Kerzen verbrennen, während Teller um Teller eine stattliche Menge Speisen vor ihnen serviert wird. Das ansehnliche Gästebuffet darf noch nicht angerührt werden, bevor die Mönche satt sind.

Aber nur weil die Herren erst fertigessen müssen, bevor sich das gemeine Fußvolk den Teller füllen darf, sind Vorfreude und Vorbereitung ja nicht verboten. Ich wurde eingeladen, meinen eigenen Papayasalat (Som Tam) zusammenzustellen.

Kaum hatte ich den Holzmörser in der Hand, hatte sich die Traube schaulustiger Gäste in Tischnähe auch schon verdoppelt. Viele nette Thailänder, die alle der Meinung waren, besser zu wissen, wie man ein Salatblatt in die Hand nimmt oder eine Tomate schneidet. Bin überrascht, dass sie mir überhaupt ein Messer in die Hand gegeben haben.

Nach den skeptischen Blicken auf das, was ich da zusammenrührte, waren sie vielleicht einfach der Meinung, dass mein Salat lebensgefährlicher ist als jede Waffe. (Eine Kollegin hat erst mal das Kreuzzeichen vor ihrer Brust gemacht, bevor sie ihre Gabel mit dem Zeug gefüllt hat. ^^)

Und noch der Wortwechsel, den ich an diesem Tag am häufigsten geführt habe:

ICH
(nehme mir Essen)

THAILÄNDER MIT ENTSETZTEM BLICK
Vorsicht, das ist scharf!
O________O

ICH
Super, gefällt mir.

THAILÄNDER MIT BEGEISTERTEM BLICK
Oh! ^________^



P.S.: Sonst ist die Arbeitssituation auch okay – kein Klagelied nötig.

Das Büro ist ähnlich lichtlos wie mein zweiwöchiger Kerker in Mumbai vergangenen Januar, hat aber wenigstens architektonisch weniger Ähnlichkeit mit einem Spießrutenlauf zur Folterbank. Anders formuliert: Die Räume sind etwas größer, die Luft etwas besser, Produktion und Lager sind direkt nebenan, und es gibt (Instant-)Kaffee. Also keinesfalls der Vorhof der Hölle – mir geht’s gut.
Und in drei Tagen bin ich auch schon wieder weg.

Advertisements


Abbrechende Zelte
1. April 2013, 15:12
Filed under: Sightseeing und Reisen, Studium und Praktikum, Vorbereitungen

Obwohl meine unvermeidliche Heimkehr noch über einen Monat entfernt ist, habe ich in den vergangenen Wochen mehr Flug- und Bahntickets gebucht als in den vergangenen zwei Jahren zusammen. Und das werden noch nicht mal die letzten gewesen sein…

Eines der guten Stücke ist heute bereits zum Einsatz gekommen. Landung: New Delhi. Da ich Indien bereits am 15. April nur noch von hinten sehen werde, entsteht in meiner mittleren Magengegend das ununterdrückbare Gefühl, nach einer Reise um den halben Erdball wenigstens das Taj Mahal gesehen haben zu müssen. Welches, von Tamil Nadu aus gesehen, nicht wirklich nebenan liegt.
Von Delhi aus, im Gegensatz dazu, liegt es praktisch „kurz die Straße runter und dann rechts“. Auch das bedeutet zwar drei Stunden Zugfahrt, kann aber das das indische Äquivalent von „nebenan“ betrachtet werden.

Nachdem ich die kommende Nacht tollerweise bei zwei lieben Mitstipendiatinnen in Delhi verbringen darf, folge ich morgen hoffentlich den Eisenbahnlinien nach Agra.

Meine Reisepläne für den Rest der Woche werden sich wartelistenbedingt leider erst spontan ergeben. Was das Wichtigste ist: Danach folgt noch eine Woche Arbeit in Auroville, gefolgt von Arbeit – nicht Urlaub – in Thailand!

Aufmerksame Leser erinnern sich eventuell dunkel an meinen Mumbaiaufenthalt am Jahresanfang. Als mein Praktikumsunternehmen im Anschluss daran der Meinung war, dass ich das gleiche, was ich in Mumbai gemacht habe, doch durchaus auch am Standort Bangkok durchziehen könnte…
Nun ja, lasst mich ehrlich sein: Ich hab ihnen das gebuchte Flugticket schneller unter die Nase gelegt als der Drucker Tinte ausspucken konnte.

Und man könnte es ja schon als Länderverschwendung bezeichnen, wenn ich Thailand im Mai nicht noch zu Urlaubszwecken missbrauchen würde…

Inhaltlich steht dieser Urlaub noch in den südostasiatischen Sternen. Im Kalender und Flugplan festgepinnt ist im Gegensatz der Tag, an dem ich wohl zum ersten Mal seit Monaten wieder anständiges Bier, Salami und die arme lieber Leute wiederfinden werde: 10. Mai 2013.



Waldgesänge
5. Februar 2013, 18:10
Filed under: Home Sweet Home, Studium und Praktikum

Widerstandslos habe ich mich vor fast drei Wochen wieder vom Auroville-Alltag gefangen nehmen lassen. Die Geckos an meinen Zimmerwänden haben mich kreischend begrüßt, die Ameisenstraßen formten einen roten Teppich und die Moskitos summten eine Hymne zu Ehren meines Mutes, als Passagier eines kleinen 50-Sitz-Flugzeuges auf dem Mini-Flughafen Pondicherrys gelandet zu sein.
(Das Ding hatte Propeller. Und der Flughafen könnte im früheren Leben ein Fußballfeld gewesen sein.)

Morgens und abends nachts schallen nun also wieder indische und südamerikanische Gesänge durch die Baumwipfel hin zu meinem Fenster. Gesänge und Getrommel aus Chanting Circles, bei denen 10 bis 30 Leute, die sich etwa anteilsgleich in Hippies, Aussteiger und Neugierige unterteilen lassen, um ein Lagerfeuer sitzen und sich summend, trommelnd und singend dem „Great Spirit“, der eigenen Gefühlswelt oder leider auch der Abwesenheit einer angenehmen Singstimme hingeben.

Auroville ist auch der bisher einzige Ort der Welt, an dem ich ein „Öko-Musik-Festival“ ohne Kopf-Schieflegen und verwirrtes Nachfragen als gegeben hinnehmen kann.
Ein Festival gleichen Namens fand hier am vergangenen Samstag statt. Unternehmen aus Auroville versammelten sich, bauten Stände auf, und der geneigte Aurovillian oder Gast konnte im gleichen Atemzug Papierschmuck, Bambushölzer, Solartaschenlampen, Biokleidung und Bakterienkulturen für die Komposttoilette kaufen.
Alles untermalt von Livemusik von Pop bis Indian Fusion Funk.

Es wäre eine beachtliche Lüge, wenn ich mit geschwellter Brust und hochgezogener Augenbraue behaupten würde, dass mir nicht auch die entspannte Halb-Hippie-Atmosphäre ein klein wenig gefehlt hat.

An allererster Stelle natürlich dieser Arbeitsplatz:

Alleskleber im Kartenhaus meines täglichen Seelenfriedens.



Von Glaspalästen und Blechkerkern
14. Januar 2013, 08:16
Filed under: Studium und Praktikum

Mal wieder in der Millionenstadt. Wie vorgesehen, verbringe ich zwei schöne Januarwochen nicht in Auroville, sondern im mumbaier Büro meines Praktikumsunternehmens. Und wie es alle Lebensumstände nun mal an sich haben, hat auch diese kleine „Entsendung“ positive und negative Aspekte…

Die dreckbefleckte Medaillenseite

So wenig Probleme mir meine Aufgabenstellung auch bereitet, so intensiv ist das tiefe Bedürfnis, sie so schnell wie nur menschenmöglich hinter mich zu bringen! Meine Effizienz steigt ins unermessliche Höhen, wenn es mir hilft, diesem lichtlosen Rattenbunker zu entfliehen, der sich Büroraum nennt.
Wer jetzt in Versuchung ist zu sagen:

„Verblödetes Weibsbild! Glaubst du, nur weil du zwei Wochen in Mumbai bist, bekommst du einen klimatisierten Schreibtisch in einem vierzigstöckigen Glaspalast? Komm mal wieder auf den Boden“,

den möchte ich höflichst bitten, nach draußen zu gehen und sich lachend unter einen Mähdrescher zu legen. -.-

Mein vorheriges Praktikum absolvierte ich in einer zum Büro umfunktionierten Drei-Zimmer-Wohnung in einem 2000-Seelen-Nest im Schwabenland. Mein üblicher Arbeitsplatz in Auroville lässt sich auf einem Balkon mitten im Wald lokalisieren, auf dem zu 50% des Tages kein Strom fließt. Es sind sicher nicht die Glaspaläste, die mir fehlen.

Ich habe beide Arbeitsplätze genossen. Was mir fehlt, ist in erster Linie… Glas. Insbesondere die Art, aus der gottverdammte Fenster gemacht werden! Wer hätte erwartet, dass ausgerechnet in einem Solarunternehmen Tages- licht eine derart knappe Ressource ist, dass ich jetzt in einem Metallbunker mein Nicht-Gehalt* verdiene?

Oh, und hinsichtlich des angesprochenen „klimatisierten Schreibtischs“ merke ich nur an, dass ich ein Huhn opfern würde, um irgendjemanden in dieser Firma zu überreden, die verfluchte Klimaanlage zu sabotieren, oder zumindest auf eine Temperatur über dem Gefrierpunkt zu setzen.

Die glänzende Seite der Medaille

Der Silberstreif am Horizont des Feierabends ist glücklicherweise meine Unterkunft: Ich darf bei der Chefin des mumbaier Büros wohnen – kostenlos und wortwörtlich „all inclusive“. Wer mich auch nur ein wenig kennt, weiß genau, dass ein warmes Bett und ein funktionierender Internetanschluss bereits etwa 80 Prozent meiner Grundbedürfnisse abdecken.

Alles darüber hinaus ist Luxus: warme Duschen (!), drei warme Mahlzeiten pro Tag, zubereitet von drei Hausangestellten, die dafür sorgen, dass man nicht einmal zum Wasserglas-Holen einen Finger krümmen muss, und welche nebenbei noch die ganze Bude aufräumen, Geschirr spülen und die beiden Kinder meiner Chefin in Schach halten.

Für alle Wege zwischen Arbeitsplatz und warmem Bett wird nicht etwa der öffentliche Nahverkehr herangezogen, sondern der hauseigene Fahrer. Selbigen darf ich mir, sofern er nicht anderweitig benötigt wird, auch jederzeit für private Zwecke zum Untertan machen, um mich von A nach B transportieren zu lassen.

Was diesem hübschen Bild einen kleinen Makel verleiht, ist nur die Tatsache, dass alle Angestellten ausschließlich Hindi sprechen. Hätte ich das gewusst, als ich im September und Oktober Hindi-Unterricht hatte…
Na ja, so übersetzt eben die sechsjährige Tochter, dass ich gern einen Tee hätte, wenn das Hausmädchen beim Wort „tea“ nur peinlich berührt lächelt.

Und Mumbai generell?

Soweit keine neuen Begebenheiten, die den ersten Eindrücken im vergangenen Jahr widersprächen.
Die Stadt ist immer noch viel zu groß, um praktisch zu sein; ist dank Meeresnähe und Schwäche des indischen Sekundärsektors nicht ganz so versmogt wie sie es sein könnte (aber trotzdem versmogt); und ist bemüht, jede Lücke zwischen den existierenden Betonbauten, Kolonialbauten und Tempeln mit glasfacaden-bespickten Wolkenkratzern zu füllen.
Also nichts Neues im Staate Indien.

Wobei es schwer fällt zu ignorieren, dass ich den Löwenanteil der Zeit, in der ich nicht in einem Kinderbett schlafe oder mich während der Arbeit weinend daran zu erinnern versuche, wie frische Luft riecht, im Stau stehe.

In weniger umfangreichen Worten: Mein weinendes Auge wird wohl nicht sehr viel Wasser verlieren, wenn ich den Rückflug nach Südindien antrete.

* Ja, der deutsche Steuerzahler finanziert mein Stipendium. Ja, ich muss in Auroville keine Miete zahlen. Ja, ich beschreibe im gleichen Blogeintrag die Vorzüge von Hausangestellten und Chauffeuren. Klappe.



Bald kann ich „Namaste“ schreiben
16. September 2012, 09:21
Filed under: Babys erste Schritte, Studium und Praktikum

Schwunghaft nehmen unsere wöchentlichen Pläne greifbare Gestalt an. Dreimal pro Woche macht die – überwiegend weibliche – Einwohnerschaft unseres Hauses am Koregaon Park nun auf der Dachterrasse Yoga. Selbst ich, die Verkörperung zwiebackähnlicher Grazie und Biegsamkeit, lasse mich nicht zweimal bitten, mich von einem alten, zwei Köpfe kleineren Inder in Form biegen zu lassen.

Weniger ergiebig gestaltete sich für sechs von uns der erste Samstag unseres Indienaufenthalts. Auf Empfehlung nahmen wir einen Wochenendausflug zur Mahabaleshwar Hill Station in Angriff, einem eher von Indern frequentierten Urlaubsort in den Bergen. Dieser fiel ins Wasser – leider fiel uns das Ungetüm in Nebel- und Dauerregengestalt aber erst nach über drei Stunden Busfahrt auf.

Es gibt nicht viele Arten, auf die ich verschimmelte Gardinen in Hotelzimmern, klatschnasse Straßen und erkältungsanlockende Kälte in blumige Worte fassen kann. Deshalb sei nur gesagt, dass wir unseren Aufenthalt um 50 Prozent verkürzten, unser Busticket umtauschten und noch am gleichen Abend ins angenehm warme und ausnahmsweise trockene Pune zurückkehrten.
Moral von der Geschicht: Nie wieder Urlaub außerhalb der Saison!

Endlich rollte am Montag der Beginn unseres zweimonatigen Lehrplans an der Symbiosis University daher. Zwar verbarg sich bisher hinter keiner Veranstaltung das, was mich ihr Titel hätte vermuten lassen, aber die Veränderung zum Besseren ist nicht zu übersehen. Eine eintägige Veranstaltung zum Thema Landeskunde war ein Querschnitt durch alles, was vage als Geschichte, Kultur und Religion bezeichnet werden kann.
Unser indischer Tanzworkshop begann mit einer Powerpoint-Präsentation zu Hintergrund und Besonderheiten vieler klassischer Tänze, was erwiesenermaßen mehr Wissen vermittelt hat als das anschließende Rumgehampel. Ja, es hat Spaß gemacht, und am Ende wurde auch Bollywood getanzt. Ja, es gibt Bilder davon. Da sich keine davon bisher in meinem Besitz befinden, vermute ich allerdings, dass sie später als Erpressungswerkzeug fungieren sollen.
Und schließlich wurde eine Vorlesung zu indischer Mythologie zu einer anschaulichen Erläuterung, warum die Inder immer noch versuchen herauszufinden, was um Himmels Willen in ihrer eigenen Frühgeschichte passiert ist.

Didaktisch soweit nichts auszusetzen, außer dass eine Vorlesung über indisches Theater mit einem zweistündigen Philosophiemonolog darüber begann, warum es kein indisches Theater gibt und warum Theater an sich überhaupt nicht definiert werden kann. Da der gute Herr aber nicht exzentrisch, sondern unterhaltsam war, verzeih ich ihm.

Nicht zu vergessen: Der erste Hindi-Unterricht! Aussprachetechnisch nicht ganz so einfach, da eine beträchtliche Anzahl an Lauten im deutschen Sprachgebrauch schlichtweg nicht existiert. Aber trotzdem um Meilen bequemer als Chinesisch, da ein falsch ausgesprochenes Wort nicht automatisch eine vollkommen andere, existierende Bedeutung annimmt.
Die Schrift ist das Sahnehäubchen: Ein Alphabet! So fühlt sich der Himmel an! Zwar müssen die neuen Buchstaben auch erst einmal Schritt für Schritt auswendig gelernt werden, aber ich merke jetzt schon, dass ich dabei die gleichen Hirnteile und Synapsen aktiviere wie beim Schriftzeichen-Lernen. Zu irgendetwas musste es ja gut sein. ^^

Namaste.

Der gestrige Abend beendete diesen Samstag wesentlich glorreicher als den Samstag der vorherigen Woche – mit einem Barbecue bei Punes DAAD-Leiterin. Nachdem unser Riksha-Fahrer das Doppelte der erwarteten Zeit zum Finden des Wohnhauses benötigte und dafür das Dreifache des Preises einkassierte, wurde es ein wirklich entspannter, wenngleich von Smalltalk geplagter Abend.
Eingeladen war die sogenannte „Indisch-deutsche Gemeinschaft“, zu der wir also neben VW-Mitarbeitern, Professoren, interkulturellen Trainern und anderen Studenten anscheinend auch zählen. Das Essen schmeckte göttlich und ich fühle mich furchtbar beim Tippen dieses Satzes, da es sich im Wesentlichen um ein warmes, nicht-indisches Buffet handelte.



Kirschsaison
4. Juni 2010, 11:41
Filed under: Home Sweet Home, Studium und Praktikum

Na? Habt ihr alle fleißig die neue deutsche Nationalhymne gelernt? „Satellite“ von Lena Meyer-Landrut? ^^ Ich lasse dieses Statement einfach mal so stehen.

In den Monaten seit meiner Ankunft in Qingdao wurden an jedem Fruchtwagen an jeder Ecke nur Ananas verkauft, seit einigen Tagen karrt plötzlich jeder Kirschen umher. Mir soll’s recht sein. Die armen Dinger, die mehr Kern als Fruchtfleisch enthalten, rechtfertigen die horrenden Preise zwar nur geringfügig, aber für ein kleines bisschen Abwechslung ist mir meine Magengegend sicher dankbar.

In meinem Kühlschrank ist immer noch Jiaozi- und Schokoeis-Saison, und Nudelsuppensaison ist sowieso das ganze Jahr. Dass ich noch nicht genug von chinesischem Essen habe, liegt höchstwahrscheinlich daran, dass ich nicht von „gutmeinenden“ Chinesen zwangsernährt werde, sondern mir tatsächlich jedes Mal aussuchen kann, ob ich geschmacklich erkunden will, was die zusammengerührten Speisen vor mir enthalten, wenn es optisch nur schwer definierbar ist.

Schon faszinierend, wie man belanglose Sätze über Essen zusammentippen kann, oder? Das liegt im Wesentlichen daran, dass meine tägliche Nahrungsaufnahme das einzige ist, was derzeit einen Tag vom anderen für mich unterscheidet. Mit „Arbeitsalltag“ sind meine 24 Stunden sonst gerade am besten beschrieben. Dafür steht allerdings das Enddatum mittlerweile fest: Der 2. Juli wird mein letzter Praktikumstag und momentan steht der fristgemäßen Erledigung aller Projekte nichts im Wege.

Und danach heißt es bis zum Semesterbeginn Anfang Oktober: Freiheit! Schlafen, rumsitzen, rumreisen, auf Ankunft der Eltern warten, Visumskram erledigen (bläh), noch ein bisschen schlafen, mit Eltern in China rumfahren, weiter nach Hause.

Auch der Termin für die Heimreise steht inzwischen fest: Am 11. August werde ich mich im Flugzeug befinden. Jedenfalls hoffe ich stark, dass es dabei bleibt, sonst zwingen mich die Umbuchungskosten der Lufthansa dazu, das ein oder andere Organ zu verkaufen.

Das war’s auch schon wieder. Liebe Grüße und bis zum nächsten Mal.



So viel Zeit, so wenig zu sagen
14. April 2010, 05:16
Filed under: China-Impressionen, Studium und Praktikum

In Ermangelung eines 36-Stunden-Tags bleibt unter der Woche neben dem Praktikum nicht viel Freizeit für mehr als Essen und abendliches Internet-Surfen. Und in Ermangelung chinesischer Bekannter sehen auch die Wochenendaktivitäten eher mager aus. Nicht dass ich mich beschweren will: Nach der vergangenen und laufenden Arbeitswoche habe ich jede Minute in meinem Bett genossen, von dem ich mich auch bis Mittag nicht trennen wollte.

Der wesentliche Grund dafür liegt in den aktuellen Überstunden im Praktikum: Vorstellungsgespräche! Mit Freude darf ich feststellen, dass ein Kunde der Consultingfirma, in der ich arbeite, nach neuen Mitarbeitern sucht und ich somit auch HR-Erfahrung (HR = Human Resources = Personal… Erklärung für Nicht-BWLer.) sammeln kann! Was anfing mit „Lesen Sie sich mal den Lebenslauf durch“ wurde im Rahmen diverser Geschäftsreisen bald zu „Wir müssen Office Manager interviewen. Machen Sie das mal.“ … WAS?! Hm, ich bin seit zwei Monaten Praktikantin und habe weder Arbeitserfahrung, noch Ahnung vom Job eines Office Managers, noch je in meinem Leben selbst ein Vorstellungsgespräch geführt. – Okay, auf geht’s!

Ohne mit Details nerven zu wollen: Es ist nett, mal auf der „guten“ Seite des Schreibtischs zu sitzen, wobei es definitiv eine Herausforderung ist herauszufinden, wer der Office Manager in spe tatsächlich Führungstalent hat und wer bestenfalls mal Tickets gebucht und Tee eingeschenkt hat.

In Deutschland war auch irgendwas… Ach ja, Ostern. Nicht dass das Einfluss auf mich gehabt hätte. Viel relevanter war dann seltsamerweise das am gleichen Sonntag stattfindende Grabpflegefest (Tomb Sweeping Day, 清明节 Qingming Jie), was ich entfernt mit dem westlichen Totensonntag vergleichen würde. In diesem Zusammenhang war auch Ostermontag arbeitsfrei und ich habe das verlängerte Wochenende genutzt, mich endlich zu einem Friseurbesuch in China durchzuringen. Was das betrifft, scheine ich das Gegenteil der durchschnittlichen Germany’s-Next-Topmodel-Teilnehmerin zu sein.

GNTM vorher: „Klar, ihr könnt alles mit mir machen.“

GNTM nachher: „Buhu, ich werde auf ewig entstellt sein, weil Haare ja nie nachwachsen…“

Ich vorher: „Oh Gott, es wird so schlimm aussehen, aber dieses widerliche Stroh muss einfach ab…“

Ich nachher: „Hey. Geht doch.“

Etwa 15 Zentimeter Haar und 15 Euro ärmer (ein verdammter Bruchteil des Vermögens, das in Deutschland gelöhnt werden muss) und wohl trotzdem abgezockt worden. Na egal. Faszinierend übrigens, mit wie wenig Vokabular man zu einer neuen Haarpracht kommt. Wortlos kann gestikuliert werden, wie weit sie abgeschnitten werden sollen und die Beschreibung „Ich will morgens aufstehen, kämmen und fertig sein“ reicht aus. (Wobei ich letzteres auch in Deutschland immer sage.)

Nun ja, bevor hieraus ein Blogeintrag entsteht, dessen Hauptpunkt meine neue Mähne ist, beende ich das hier lieber. Hauptsache, ich hab ein Lebenszeichen entsendet.